Literaturstreaming

12.06.2011 Haimo L. Handl

Vom 2. bis 5. Juni fanden in Mainz die 21. Minipressen-Messe und in Solothurn die 33. Literaturtage statt. Zwei Veranstaltungen zum Medium und zur Literatur, die Auskunft geben können über den Stand der Dinge, das Rezeptionsverhalten, Angebote und Nachfrage.


Bei der Minipressen-Messe nahm ich mit Kolleginnen und Kollegen für unsere Zeitschrift und den Verlag teil; von den Solothurner Literaturtagen berichtete ein anderer Kollege, der dafür in die Schweiz gereist war.

Seit 1970 findet in der Gutenberg-Stadt die kleine Fachmesse statt. Immer noch in einem etwas dürftigen Zelt mit dem Flair von Improvisation und Alternativkultur, wie sich das Bild seit den Siebzigern eingebürgert hat. Der frühe Impetus ist verflogen, das Angebot hat sich verändert - die Stadt finanziert noch, aber mehr schlecht als recht. Wahrscheinlich muss man froh sein, dass die Messe überhaupt noch stattfindet, wiewohl die Veranstaltung professionell organisiert in einer Halle oder gar dem nahen Congress Center sicher mehr und besseres Fachpublikum anziehen würde. So kamen viele Zufallsbesucher, weil das Zelt halt an der Rheinpromenade ist und einige es wahrscheinlich als Bierzelt verwechselten, um dann enttäuscht zu enteilen.

Überraschend und etwas frustrierend war das allgemeine Desinteresse des breiten «Laufpublikums» an Literatur. Da konnten die Anbieter bibliophiler Ausgaben oder Grafiken etwas mehr Aufmerksamkeit erhaschen, wiewohl auch bei ihnen die Verkäufe gering blieben, wie aus mehreren Gesprächen und Interviews zu erfahren war. Am ergiebigsten waren die Gespräche der Verleger, Büchermacher und Autoren untereinander. Wenigstens das. Doch die Erkenntnis, dass exquisite, teure Unikate und Künstlerbücher immer schwerer zu verkaufen sind, dass Nischenliteratur in Kleinstauflagen im Allgemeinen immer weniger Käufer findet, war nicht zu verleugnen.

Das, was sich als Geschenk und Mitbringsel eignet und «preiswert», also billig ist, konnte noch abgesetzt werden; der Rest eigentlich kaum oder nicht. Warum nehmen Handpressen, Kleinstverlage und Büchermacher die Arbeit dennoch auf sich? Der Repräsentanz und Kontakte wegen. Man ist fast unter sich und tauscht sich aus. Noch.

Die Lesungen im kleinen Lesezelt waren generell schwach besucht. Die Medien zeigten kein oder geringstes Interesse. Es etablierte sich der Eindruck einer kleinen Randveranstaltung, die zu einem Überbleibsel geworden war.

Ganz anders in Solothurn, wo zwar auch nicht jede Lesung gut besucht war, aber der Austausch mit dem Publikum funktionierte. Das Bedürfnis nach Unterhaltung wurde dort gut organisiert befriedigt und bekannte Namen versprachen Werte, die das Publikum nun mal nötig zu haben scheint. Die Besucherzahlen jedenfalls sind eindrücklich.

Am Interessantesten scheinen einige Aussagen zur Literatur und ihren Sprachen, die von einigen Autorinnen und Autoren zu vernehmen waren, nicht nur beim Podiumsgespräch zum Thema «Fakt & Fiktion». Literarische Realität, Wahrheit und Lüge, die konkrete Realität und ihre Abbildung, die Problematik des Wahrheitsbegriffs. Dem Literarischen, Fiktiven wird, dem Zug der Zeit des Authentischen stärker folgend, misstraut. Es gilt nach wie vor das Rapportieren, fragmentarische Dokumentieren oder Montieren, das Widerspiegeln von Fragen und Orientierungsproblemen moderner Wanderer (Nomaden, Jetsetter, Handlungsreisenden). Es scheint, dass das Nichtliterarische, Kommentierende, das sich oft eines Soziologenjargons bedient, mehr interessiert, als literarische, gar poetische Sprache.

Zwei Schweizer Autorinnen fielen auf mit ihren Aussagen, warum sie nicht in ihrer Muttersprache schreiben. Joe Jenny erwähnte, dass sie im Hochdeutschen nicht zu Hause sei und finde, Englisch sei «beweglicher» als Deutsch. Na bitte, mehr Bewegung, mehr Englisch! Regi Claire betonte, Englisch biete eine größere Offenheit. Also, wer die Welt offen erobern will, taucht ins Englische. Multikulturalität? Kulturalität? Jederfrau und jedermann ist es unbenommen, ihre oder seine Sprache zu suchen und zu finden. Überhaupt kein Problem. Aber solche Verallgemeinerungen, die eine Sprache sei tauglicher oder besser als die andere bzw. Etikettierungen, Rätoromanisch sei die «Sprache des Herzens» und Deutsch eben eine Arbeitssprache (Leo Tuor), verraten eine obsolete Sprachauffassung, die man schon längst überholt meinte. (Wenn's für ihn so ist, fein. Aber generalisiert ist es schlicht falsch.)

Das hört sich an wie in den Frühzeiten der Völkerpsychologie und Sprachpolitiken oder vermeintlich wissenschaftlichen Spracherklärungen. Im Musikbereich war und ist von einigen Gestrigen immer wieder die Behauptung zu hören, Englisch eigne sich besser für Gesang, italienisch sei weicher als das harte, holprige Deutsch usw. Dass mit solchen bornierten Zuordnungen die Vielfalt der Welt und der Sprachen übergangen, übersehen wird, fällt den Pseudosensiblen nicht auf. Als ob nicht auf chinesisch bestens gesungen und gesprochen werden könnte, und zwar alle Dimensionen ausschöpfend, als ob das nicht für JEDE Sprache gälte, wird hier eine persönliche Vorliebe verallgemeinert - und vom Publikum fast widerstandslos geschluckt.

Ironischerweise waren die Mundartpräsentationen besonders gut besucht und akklamiert. Mundart ist extrem regional beschränkt. Weltoffenheit, nach den theoretischen Verständnissen wie von einigen Literaten gehört, wäre demnach nicht möglich. Aber diese Art Wirklichkeit scheint nicht zu wirken.

Der Sprachgebrauch widerspiegelt auch Machtverhältnisse. Literaturen aus verschiedenen Sprachen und Gesellschaften geben damit unterschiedliche, differenzierte Worte und Bilder, die Worte evozieren. Es scheint, dass die Reduktionen, Vereinfachungen als Folge einer globalisierenden Gleichschaltung von immer mehr sich modern Dünkenden vollzogen werden, während andere im Heimatlichen, in der Mundart weiterreden und sogar schreiben. Aber es gibt keine Sprache, die besonders geeignet für Literatur schiene, für Lyrik oder Gesang. Das ist Humbug. Es kommt auf die Sprachkompetenz des Sprechenden an, denn jede Sprache bietet das Rüstzeug für die Welterfahrung und -artikulation, für die Konstruktion literarischer Realitäten.

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