Bilderatur

19.06.2011 Haimo L. Handl

Es sind nicht nur die vielen Illustrationen, Comics und dergleichen, die Texte anreichern oder ersetzen, sondern überhaupt die grafische Gestaltung und Aufbereitung, die den eigentlichen Text oft stark in den Hintergrund treten lassen. In manchen Bereichen kann man von einer extrem visualisierten Textgestaltung sprechen. Gängige Zeitschriften bzw. Glamourmagazine erscheinen in/mit einem eigenen geometrischen Leitgefüge, damit der strapazierte Leser sich zurechtfinde auf den vorgegebenen Wegen: wie im dichten Verkehr oder riesigen Gebäudeanlagen kann er sich an Farben, Linien, Punkten, Piktogrammen und Indizes orientieren.


Befremdlicherweise erhöht diese extreme Visualisierung nicht generell die Lesebefähigung oder Lesekompetenz. Oft scheint es, dass sie dieser sogar abträglich ist, vor allem dann, wenn keine Bilderseiten, sondern purer Text gelesen werden soll. Es ist aber auch zu bezweifeln, dass die so leicht konsumierbare Visualisierung das Verständnis für Proportionen oder symbolische Platzbedeutungen generiert oder fördert, wie es zB gewisse typografische Techniken verlangen und offerieren.

Das betrifft nicht nur die sogenannte konkrete Poesie, the concrete poetry, wo die Form, die Textgestaltung, also die Typografie, wesentlichen Anteil an der «Bedeutung» aufweist, sondern alle jene Fälle, in denen die Notation der Autoren bedeutungsvoll sind; ob das nun ein Gedicht von Hölderlin ist, das er in ganz spezifischer Weise «setzte» oder eines von E. E. Cummings. Schon die Strofenform, die Platzierung der Zeilen usw. können Bedeutungsträger sein.

Allerdings kann man auch schwindeln und schwache Gedanken formal aufwerten, aufladen. Heute sagt man dazu «aufmozzen». (Die aktuelle Bedeutung wird durch den Kontext bestimmt: einerseits aufputzen, polieren [steigern, erhöhen], andererseits reklamieren, beschweren, Ärger ausdrücken [aufmücken]). Dass die früheren deutschen Worte «motzen» (zögern, langsam tätig sein, zaudern, schmollen, mürrisch sein, maulen, faulen), «mutzen» (abschneiden. verstümmeln), «aufmutzen» (aufputzen, ausschmücken) nicht mehr gewusst werden, erstaunt nicht.

Machen Sie selbst die Probe: Notieren Sie einen belanglosen Text in unterschiedlicher Gestaltung, vielleicht auch in verschiedenen Schriften, geben ihn jemanden zum Lesen und fragen nach den Eindrücken. Sie werden feststellen, dass, je nach Schrifttype und Typografie, die Reaktionen verschieden sein werden. Oft zugunsten des Textes und seiner vermeintlichen Botschaft, auch wenn diese dünn oder fehlend ist.

Haben Sie Goethes «Faust» im Reclam-Heft gelesen oder in einer schönen, leinen- oder gar ledergebundenen Ausgabe? Hat oder hätte das die Bedeutung des Stoffs gesteigert? Wäre die schöne Ausgabe dem Lesen entgegengekommen, hätte unterstützend gewirkt? Wäre gar eine reiche Bebilderung hilfreich gewesen?

Typografie ist (wie) eine Inszenierung. Mehr als Verpackung. Die kann dienlich sein, plausibel. Sie kann aber auch überdecken, lügen. Wir sind an Inszenierungen gewöhnt und fragen meist nicht, was die Überhöhung soll. Fast reflexartig wird auf höhere Bedeutung, auf Wertsteigerung geschlossen. Viele von uns verhalten sich wie die Untertanen in frühen Monarchien, wo der Pomp reflexartig beeindruckte und das (kritische) Fragen erst gar nicht aufkommen ließ.

Bei jeder billigen Fernsehshow steigen Nichtigkeiten von bestrahlten Treppen, ertönt Akklamationsmusik wie zu Kaisers Zeiten, oder «Stars» treten aus Türen wie die Lichtbringer, Gottesboten und dergleichen, auf dass das dankbare Volk in Erstaunen verfalle, niedersinke oder seinen hochschwappenden Gefühlen gehorsam Ausdruck verleihe (damit das im Fernsehen auch wirklich geschieht, wird dem dummen Publikum nachgeholfen durch Animateure und Signalisierer: jetzt hochblicken, klatschen etc.!). Die Zuschauer haben gelernt, dass jemand, der nicht auf diese Weise ein- und ab- oder ausgeleitet wird, niemand Wichtiger ist, ein Niemand, ein Jemand. Auch in der Gleichheitsgesellschaft müssen jene, die gleicher sind, sich besonders abheben, sonst sie eben ein Niemand oder Jedermann.

Deshalb «überzeugen» Politiker so leicht, weil die Inszenierungen gängig und angenommen sind: die Form wirkt, der Inhalt, die eigentliche Botschaft, wird nur von wenigen beäugt, befragt.

Hochglanzmagazine offerieren auf ähnliche Weise solche Inszenierungen. Manchmal der Sache angemessen, dann eben qualitativ hochwertig. Meist aber als verlogene Inszenierung, als Täuschung, als teure Verpackung. Schwindelig.

Würde vom breiten Publikum erkannt werden, wann etwas ablenkt, anstatt befördert oder unterstützt, wären die Macher sicher bemüht, diesem Unterscheidungsvermögen, dieser Lesekompetenz nachzukommen. Dass sie es im Überwiegenden nicht tun müssen, entspricht dem Markt Unbedürftiger.

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