Rubber

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Quentin Dupieux lässt einen alten Autoreifen mordend durch die Halbwüsten des Südwestens der USA rollen. – Durchgeknallter geht es kaum, aber «Rubber» ist dennoch kein billiges, sondern ein intellektuelles Vergnügen, denn Dupieux bezieht auf einer Metaebene die Zuschauer in seine Serienkiller-Persiflage mit ein. Capelight-Pictures hat diese filmische Perle, die nie in die deutschen und österreichischen Kinos kam, auf DVD herausgebracht.

«No Reason» ist das Motto dieses Films und dies erklärt gleich zu Beginn ein Sheriff, der in der Halbwüste des Südwestens der USA aus dem Kofferraum eines Wagens steigt, direkt in die Kamera. In bester Gesellschaft befinde sich «Rubber» damit, denn es werde ja auch nie erklärt, warum „ET“ braun ist, im «Texas Chain Saw Massacre» niemand aufs Klo geht oder sich die Hände wäscht, sich das Paar in «Love Story» liebt oder im Leben, wieso die Luft um uns unsichtbar ist. Eine Hommage an dieses «No reason» ist «Rubber». Und die Zuschauer, die in die öde Gegend gefahren wurden, dürfen mit Feldstecher auf ihren Klappstühlen aus sicherer Distanz der Handlung folgen.

Ihr Blick richtet sich auf eine Mülldeponie. Anschwellende und dann wieder abklingende Musik deutet an, dass sich hier bald etwas tun wird. Tatsächlich wird alsbald ein alter, halb im Sand vergrabener Autoreifen aktiv, macht sich frei, unternimmt erste unsichere Rollversuche. Mehrmals kippt er um, doch bald rollt er recht sicher dahin. Was sich ihm in den Weg stellt wie eine Petflasche oder ein Skorpion wird überfahren. Für eine Glasflasche reichen die Reifenkräfte aber nicht aus. Also beginnt der Pneu zu surren und zu vibrieren und bringt allein durch telekinetische Kräfte die Flasche zum Explodieren.

Das ist freilich erst der Anfang und bald werden auch Lebewesen wie ein Kaninchen und ein Rabe dran glauben müssen. Nicht viel bleibt von diesen Tieren übrig, wenn der Killerpneu sie wie einst Cronenbergs «Scanners» zum Platzen bringt. Hin und weg ist dieser todbringende Protagonist von einer auf dem einsamen Highway vorbeifahrenden Touristin. Er folgt ihr zum nächsten Motel, bei dem freilich bald auch Menschen seine mörderische Energie zu spüren bekommen.

Einem Jungen, der vor den Gefahren warn, glaubt man nicht, doch auch der Pneu will nicht nur killen, geht mal zur Erfrischung unter die Dusche und folgt dann vom Bett im Fernsehen einem Autorennen, bei dem seine Artgenossen ebenfalls zentrale Rollen spielen.

Billig mit digitaler Fotokamera mit Filmfunktion hat der 1974 geborene Franzose Quentin Dupieux, der 1999 als Elektro-Musiker unter dem Namen Mr. Oizu mit «Flat Beat» einen Hit landete, seinen dritten Spielfilm gedreht, doch formal und inhaltlich ist hier nichts billig.

Großartig sind die Bilder des stets fotogenen Südwestens der USA und Dupieux belässt es auch nicht bei der witzigen Persiflage auf Thriller und Splattermovies und hinreißenden Zitaten aus Hitchcock-Klassikern wie «Psycho» und «The Birds». Letzterer ist dabei natürlich auch ein «No Reason»-Film par excellence, denn wieso die Möwen in diesem Thriller aggressiv werden, kann wohl auch 50 Jahre nach Entstehung des Films niemand erklären.

Wirklich schräg und auch ausgefuchst wird «Rubber» aber erst durch das durchgängige Spiel mit der Zuschauerebene. Da werden zunächst einmal die unterschiedlichen Zuschauertypen vorgeführt vom Jungen den der Film sogleich langweilt bis zu zwei Teenies, die sich über das Gequatsche der anderen Zuschauer beschweren und Ruhe fordern. Aber auch der Sheriff, der nicht nur diese Vorstellung organisiert, sondern auch in der «Reifengeschichte» mitspielt, mischt mit, möchte die Vorstellung rasch zu Ende bringen, indem er die Zuschauer vergiftet.

Einer verweigert freilich die Nahrungsaufnahme, fordert sein Recht auf Entertainment, da er ja dafür bezahlt habe. Und so muss die Geschichte um den Pneu, die sich bald auch mit der Meta-Geschichte vermischt, weiter getrieben werden.

Statt abruptem Ende steuert «Rubber» so doch auf einen großen Showdown hin, freilich mit überraschendem Ende, der nicht nur ernst gemeint oder als Witz eine mögliche Fortsetzung andeutet, sondern mit diesem Ende auch einen Großangriff auf Hollywood signalisiert. Den bringt dieser kleine, aber liebevoll gemachte, ebenso originelle wie intelligente und gleichzeitig ungemein unterhaltsame Film nicht nur im Spiel mit und der Brechung von Genreregeln, sondern entschiedener noch in seinem «No Reason»-Gestus.

Lustig macht sich Dupieux damit über das Mainstream-Kino, das Sinn behauptet, wo es keinen gibt, führt aber natürlich nicht nur im Stile des absurden Theaters die Sinnhaftigkeit fiktiver Filmhandlungen ad absurdum, sondern fragt letztlich auch nach der Sinnhaftigkeit der menschlichen Existenz.

Neben der originalen englischen Version bietet die von Capelight-Film herausgegebene DVD eine deutsche Synchronfassung, sowie deutsche und englische Untertitel. Eher spärlich sind die Extras: Neben einem originellen Interview mit Quentin Dupieux, das kaum weniger schräg ist als der Film selbst, finden sich hier noch Interviews mit den SchauspielerInnen Stephen Spinella, Roxane Mesquida und Jack Plotnick sowie der Teaser und der Trailer zum Film.

Trailer zu «Rubber»


 

 

 

 
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