Überforderung

26.06.2011 Haimo L. Handl

Das Glück des Dummen muss grenzenlos sein, gemessen an den alten Ansichten über die Bürden des Wissens. Der Wissende ist aufgeheizt oder überhitzt; was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. Ähnlich sehen viele die Freiheit als gefährliches Gefilde, eine unzumutbare Belastung; die neue Volkskrankheit Depression, die vielen burn outs, die Alltagskalamitäten in Familie (Erziehung) und Beruf (Konkurrenzkampf) werden auf das Fehlen verbindlicher Normen und Institutionen, die sie rigide durchsetzen, zurückgeführt.


Von daher ist es nicht weit zum Ruf nach dem «starken Mann». Was einem zugewiesen wird, was abgesteckt ist, erscheint als sicher und gesichert, einfach, überschaubar. Dafür wollen viele den Preis zahlen: weniger oder keine Selbstverantwortung, sondern simple Rollenerfüllung. «Das System», das früher Staat, Gesellschaft, Partei oder Führer genannt wurde, verlangt, und der Einzelne ist glücklich, nicht individuell frei verantwortlich agieren zu müssen, sondern – unter «Sachzwang» – entlastet, der ermüdenden Verantwortung enthoben, seine Aufgaben erfüllen zu dürfen.

Bezeichnenderweise werden meist nicht Fragen erörtert, wie mehr und bessere Aufklärung zur Stärkung der Individuen praktiziert werden können, wie das Zusammenspiel von Gesellschaft und Mitgliedern in klarerer Verantwortung beide befähigt, nicht eine amorphe, orientierungslose Masse zu bilden, sondern ein Gewebe verschiedener Bezüge und Verantwortungen, worin Werte keine unverständlichen Fremdworte oder Tabus sind, sondern gewusst wird, was weshalb geschieht und zu geschehen hat.

Unsere westlichen Gesellschaften haben in vielem versagt. Das erweist sich im Alltag. Aber daraus so schnell den Schluss zu ziehen, das sei unweigerlich die Folge unseres Freiheitsstrebens, ist irrig und gefährlich. Dass andere Gesellschaften überhaupt keine vernünftigen, würdigen Alternativen bieten, soll dabei nicht übersehen werden! Wir sind drauf und dran, die letzten Reste der Aufklärung zu «entsorgen» und den Boden für neue Verwaltungen und Kontrollen zu bereiten, in denen dann nur noch ein Schatten von Freiheit bzw. nur noch eine vermeintliche Freiheit als Pseudofreiheit praktiziert wird, die mit der jetzt schon grassierenden Unverantwortlichkeit noch stärker einhergehen wird, weshalb dann der Staat und «die Wirtschaft», die ja die Hauptwerte bestimmend vorgeben, noch extremer kontrollieren, obwohl offiziell der Spruch vom freien, möglichst staatlich nicht regulierten Markt gilt. Aber die Gesetze der Profitgesellschaft sind unduldsam und einschneidend.

Weil geschlossen wird, die armen Menschen seien mit Verantwortung etc. überfordert, nimmt man sie ihnen zwar nicht ab, legitimiert aber Führungs- und Verwaltungs- bzw. Kontrollsysteme, die das Verhalten in gewünschte Bahnen lenkt und Abweichungen streng ahndet. Gekoppelt mit der instrumentalisierten Unsicherheit und der Antwort des totalen, allumfassenden «Antiterrorkriegs» werden alle Überwachungsmaßnahmen, Kontrollen, präventive Verhaftungen usw. nicht nur murrend hingenommen, sondern freudig begrüßt; «ich hab ja nichts zu verbergen» stammeln die ganz Blöden und grinsen stolz in ihrer Bekundung depravierter Eingepasstheit.

Die Erstarkungen der Religionen und Kirchen sind kein Zufall oder Unfall. Die erhöhte Kriegstätigkeit ebenfalls nicht. Sie korrespondieren zur allgemeinen Orientierungslosigkeit und Werteschwäche. Die Ereignisse im arabischen Raum, die, wider Erwarten, nicht von religiösen Fundamentalisten ausgingen, passen schwer ins Bild. Die Versuche, verbrecherische Regime abzuschütteln werden rhetorisch begrüßt, im Detail aber abwartend, befremdet verfolgt. Einigen in Europa dämmert, dass, würden Teile ihrer Bevölkerung in Spanien, Portugal, Irland, Italien, Griechenland in gleicher Weise auf die Straße gehen, nicht nur keine Unterstützung erfolgte, sondern, im Gegenteil, die europäischen Armeen und Antiterroreinsatzkräfte hart zuschlügen. Es gelten verschiedene Werte, über die offensichtlich keine allgemeine Klarheit herrscht.

Der Unterschied von Frankreich oder Spanien zu Syrien oder Libyen ist schlicht der, dass die Europäer davon ausgehen, ihre Systeme seien rechtens und legitim, die der arabischen Potentaten nicht. Würden sie diese Logik streng anwenden, müssten sie mit wichtigen «Partnern» brechen. Tun sie aber nicht, weil die Vernunft der Realpolitik gilt, des Geschäfts.

Wenn bei uns aber der Einzelne seine Verantwortung wahrnehmen will, die nicht ganz ins offizielle Bild passt, kollidiert er mit der Gesellschaft und wird als Feind verfolgt. In derselben Logik argumentieren die islamischen Machthaber.

Wenn jemand aufgrund seines Bildungsgrades und verantwortlichen Charakters sich weigert, gewisse ausbeuterische Verhaltens- und Handlungsweisen im Beruf zu praktizieren, gefährdet oder verliert er seinen Job. Er ist dann dafür selbst verantwortlich. Damit solche Personen in der Minderheit bleiben, sorgen die Verantwortlichen für die starke Politik, welche von der Mehrheit als «sichere», «überschaubare», «gelenkte» etc. angenommen und damit unterstützt wird.

Weil die Wirtschaft mit sich derart einpassenden Glücklichen leichter profitabel geschäftig sein kann, wird das System des «starken Mannes» unterstützt, dem auch die entsprechende Bildungspolitik, die Un- und Halbbildung als Bildung verkauft, Rechnung trägt. «Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in’s Irrenhaus» (Nietzsche). Der Verantwortliche, der Eigenständige, ist eigentlich ein Abnormer, ein Abweichler, ein Sonderling. Er läuft Gefahr, einer Sonderbehandlung unterworfen zu werden. Viele fürchten das, weshalb sie sich brav einfügen ins versprochene Paradies, wo sie nicht überfordert werden.

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