Führerscheinkultur

03.07.2011 Haimo L. Handl

Nach den vielen dramatischen, extremen Gewaltexzessen junger Eltern, vor allem Väter, gegen ihre Kinder, oft sogar Säuglinge, versucht man es mit einem freiwilligen «Elternführerschein». In Spezialkursen sollen die Unbedarften lernen, Verantwortung als Eltern übernehmen zu können. Man will verhindern, dass immer mehr immer leichter «ausrasten», zu Folterern und Totschlägern werden.


Kinder zeugen und kriegen ist ein Menschenrecht. Früher durften Leibeigene nicht einfach heiraten und Familien bilden. Würde der Gedanke des Elternführerscheins weiter gedacht werden, käme es einer Beschneidung dieses Grundrechts in einer freien Gesellschaft gleich: Die Sorge und Fürsorge, die Prävention müsste verbieten, dass jedefrau und jedermann Familien bilden und Eltern werden, die für ihre Kinder die erste, oft tödliche Gefahr darstellen. Aber Kinder braucht das Land. Es geht nicht um Qualität, sondern Quantität.

Wenn unbeanstandete Erwachsene ein Kind adoptieren wollen, müssen sie ein Prüfungsprogramm durchlaufen, das so schikanös ist, dass viele davon ablassen. Es geschehe zum Wohle der zu Adoptierenden. Zu wessen Wohle geschieht das unbeschaute, ungeprüfte Recht, einfach Eltern zu werden? Da schreitet der Staat erst ein, wenn es zu nachweisbaren Gewalttaten kam.

Adoptiveltern müssen nicht nur gesund sein, wie zu Ariers Zeiten, sie müssen auch finanziell abgesichert sein. Jeder Arme aber darf mit einer/m Armen Kinder machen; viele leben von vieler Kinder Beihilfen. Rechtsgleichheit? Zum Wohle der Kinder?

Bedeutet das Angebot von Kursen zum Elternführerschein, dass in der regulären Sozialisation und Bildung für immer mehr Junge zu wenig greift? Verantwortung war früher im Zuge der Persönlichkeitsbildung, ein wichtiger Teil. Heute zeigen die meisten Erfolgreichen, dass sie mit ihrer gesellschaftlichen Unverantwortung Karriere und Gewinn machen, Machtpositionen behaupten. Welche Unverantwortung oder Verantwortungslosigkeit wird also akzeptiert und gefördert, welche soll verhindert werden?

Aber Spezialkurse können keine Persönlichkeitsbildung nachholen. Sie helfen in Details. Es ist wie in der Bildung allgemein: wir haben eine hohe Anzahl von Zertifizierungen beruflicher Art, damit jemand weiterkommt, einen Job oder ein Projekt erhält usw. Trotzdem haben wir einen besorgniserregenden Bildungsrückgang, eine Art Unkultivierung. Soll da die Lösung wiederum ein Coaching- oder Therapieprogramm sein, ein Spezialkurswesen, das Einholen von Zertifikaten?

Vielleicht geht es uns eines Tages wie mit dem Qualitätsmanagement. Das ist seit Jahren ein Renner. Kostet viel, soll Qualität verbürgen, bringt aber einer eigenen Bürokratie das Geschäft. Denn würde das QM so gewirkt haben, wie angepriesen und versprochen, hätten wir nicht die teuren Fehlentscheidungen erfahren müssen. Die Hauptverursacher waren Qualitätsbetriebe mit höchstbezahlten Managern als Experten. (Ich habe selbst eine Ausbildung als QM und weiß, wovon ich schreibe!)

Das sollte nicht überraschen. Denn zwischen dem formalen Ausweis von Standards und ihrer Einhaltung liegt ein Unterschied. Wie bei den Gesetzen: eine gute Verfassung verbürgt noch kein verfassungskonformes Gebaren und Verhalten. Da braucht es mehr. Eine entsprechende Praxis aufgrund anerkannter Verantwortungskultur.

Werden Jugendliche nächstens einen Sexführerschein brauchen, damit sie gesellschaftlich (= politisch) korrekt ihre Sexualität entdecken und leben dürfen? Werden Versuche von Jugendlichen, die untereinander sich sexuell kennenlernen und erleben wollen, als Misshandlungen, als sexuelle Übergriffe gebrandmarkt und geahndet?

Wenn wir für mehr und mehr Bereiche des Lebens Zertifikate brauchen, um «legal» uns zu bewegen, nimmt die Freiheit, auf die wir, wie man sagt, so viel geben, extrem ab. Die Verwaltung der verdinglichten Menschen, der Unfreien, nimmt zu: ohne Prüfung, ohne Approbation fast kein Bereich mehr, der legal zu leben ist.

Da viele Haushaltsgeräte und Werkzeuge als Waffen verwendet werden, müssen vielleicht in ein paar Jahren Haushalte ein Prüfprogramm absolvieren, um als unbedenklich eingestuft zu werden. Eine Art Zertifizierung. Immerhin dienen viele Küchenmesser als tödliche Waffen ...

Das private Gespräch ist eine ganz gefährliche Angelegenheit. Bald werden Anwälte ein neues Einkommensfeld haben, wenn sie für ihre Mandantinnen und Mandanten um hohe Summen streiten dürfen, weil sie im privaten Gespräch fälschlich, irrig, untauglich beraten wurden bzw. nicht in der Lage waren, das private Wort von dem professioneller Beratung zu unterscheiden. Denn der Private hätte sofort auf den Experten verweisen müssen, hätte nicht selbst mutmaßen dürfen. Niemand darf eigentlich, außer er ist dazu legitimiert, irgendetwas sagen.

Safer Sex wird nicht nur einer mit den üblichen Schmutzmitteln sein, sondern mit dem Befähigungsausweis, dem Zertifikat. Wer, wie bei illegalen Huren, die ohne «Deckel» arbeiten, mit jemandem ohne solche Erlaubnis Sex macht, wird strafbar und verfolgt. Die saubere Gesellschaft darf sich den privaten Dreck Unbekümmerter nicht leisten. (Doch habe das nichts mit der Reinheit, ähnlich dem Rassenreinheitswahn der Gestrigen, zu tun. Nur mit der Obsorge, Fürsorge...)

Die neue Kultur der politischen Korrektheit wird eine zertifizierte sein. Eine Expertenkultur mit den vielen Stummen als Laien dazwischen. Eine Führerkultur mit Führerscheinen.

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