Gebrauchskultur

10.07.2011 Haimo L. Handl

Jetzt im Sommer, wo übers ganze Land verstreut Festivals ihre Besucher anlocken, wo Kultur in aller Munde ist, in den Bergtälern, den Flachgauen, an Seen und Lacken, Burgen und Ruinen, könnte man meinen, Kultur sei etwas Wertvolles und von den Menschen derart Geschätztes, dass sie so überaus eifrig gepflegt wird.


Die Verbindung von Geschäftigkeit, Tourismus und Kulturpolitik mit dem Markt läuft zwar nicht selbsttätig oder nach Marktgesetzten. Aber noch scheint die Umwegrentabilität, der begehrte Mehrwert, die Unterstützungen durch Gemeinden, Länder und den Bund, neben einigen privaten Sponsoren, zu rechtfertigen.

In Krisenzeiten wird für gewöhnlich zuerst im Sozialbereich, dann im Kulturbereich gespart. Dass Kultur in Österreich noch vergleichsweise stark finanziert, gefördert und unterstützt wird, beweist unseren hohen Status als Kulturnation.

Theaterschließungen wie in unserem nördlichen Nachbarland gab es bei uns nicht. Und wird es nicht geben. Das Verlagswesen liegt darnieder. Aber es wäre völlig unbedeutend, gäbe es nicht die Förderungen. Die Zeitungen kämpfen hart um Leseranteile in einem Staat, der die höchste Pressekonzentration aufzuweisen hat für ein „westliches“ Land. Deshalb erhalten auch die großen Zeitungen Presseförderungen. Volkskultur wird in Regionalprojekten intensiv gepflegt und von wissenschaftlichen begleitet. Man lässt etwas machen und es zugleich soziologisch, psychologisch oder historisch orten und untersuchen und beschäftigt damit ein paar Nachwuchsakademiker einerseits, den wissenschaftlichen Apparat andererseits. Man wertet auf.

Die Aktion „Gratisbuch“ der Stadt Wien hilft den Armen, endlich gratis ein Buch, das sie immer schon lesen wollten, ergattern zu können. Die Idee ist so gut, dass sie jetzt auch nach Berlin exportiert wird. Gleichzeitig versuchen einige kleine Vereine zu vermitteln, wie anders die sozialdemokratische Bildungsarbeit früher war, als sie noch etwas bewirkte.

Die weltbekannten und weltberühmten Festivals sind zu einem unverzichtbaren Wirtschaftsfaktor geworden. Aber auch die anderen Bollwerke der Hochkultur, die Staatsoper, die Wiener Philharmoniker zum Beispiel, das Burgtheater oder der Kultursender ORF, bieten auf höchstem Niveau ihr ausgesuchtes Programm, um welches uns andere beneiden.

Zwar gibt es Probleme im Bildungs- und Schulbereich. Aber es wird intensiv diskutiert. Der Wille zu Reformen ist da, die Parlamentarier bemühen sich redlich um akzeptable Lösungen. Fachleute beraten, und andere Fachleute rechnen, wie was bezahlt werden kann bzw. wie viel wer leisten wird müssen.

Die Universitäten sind extrem unterfinanziert, attrahieren aber trotzdem viel zu viele Studenten, viele aus dem benachbarten Ausland. Es gibt zwar noch wenig Austausch zwischen der scientific community und der Öffentlichkeit, ja sogar innerhalb der Wissenschaft etwas gering in wenigen Fachzeitschriften, die fast alle im Ausland verlegt sind, aber man muss feststellen: Es geht vorwärts, es rührt sich etwas. Die Studenten protestieren manchmal, Rektoren fordern mehr Geld, und alle bemühen sich, den guten Ruf unserer Einrichtungen nicht nur zu retten, sondern zu steigern.

Einerseits haben sich die Universitäten angepasst und bieten nicht mehr ein universitäres Programm wie früher, sondern ein pragmatischeres, das den Markterfordernissen gehorcht. Ausnahmen bilden die vielen Kunstuniversitäten. Hier wird den jungen Leuten leider immer noch kein reiner Wein eingeschenkt. Man tut so, als ob man Künstler brauche. Dabei gibt es nur für eine verschwindende Minderheit Berufsaussichten. Aber weil Kultur so wichtig ist, lässt man Tausende an den Akademien studieren. Damit beweist Österreich, dass es sich nicht dem ökonomischen Diktat unterwirft. (Anders als die Niederlande, die drastisch einsparen.)

Früher hat der Staat, als seine Verwaltung noch aufgeblähter war als heute, so viele Juristen absorbiert, dass das damalige Modestudium, das auch relativ leicht und schnell zu absolvieren war, kaum Nachschub liefern konnte. Das hat sich dann leider etwas verändert. Heute liefern die Akademien, die jetzt Universitäten sind, Experten, die fast niemand braucht und will. Aber die Studenten wollen das. Sie stürmen die Kunstuniversitäten und sind fleißig.

All das ist wichtig für die Alltagskultur, die Gebrauchskultur. Erstens unser Ruf. Zweitens die Statistik. Drittens die Zukunft. Wir bauen vor für die Zukunft als Kulturland, wie heben den Akademikeranteil, wir festigen die Sinnvermittlung.

Eines Tages wird man uns beneiden. Wenn in anderen Ländern Akademien geschlossen, Orchideenfächer an den Universitäten gestrichen werden, Festivals kein öffentliches Geld mehr erhalten, die Kirchen dahindümpeln, wird bei uns das Kulturleben kräftig belebt sein. Die Jungen werden mit ihren Ideen die Alltagskultur durchtränken, Innovation beflügeln und die geistigen Krisen, die sonst schneller sich festfräßen, verhindern. Nihilismus hat bei uns keine Chance, weil unsere Werte gelebt werden. Wir sind eine Gebrauchskulturnation, die weiß, was sie will, und macht, was sie will.

Man muss nur den ORF genauer ansehen. Dort erfährt man klarer, als es die Kommerzsender leisten, worum es geht. Neben dem jährlichen Gratisbuch gibt es mehrere tägliche Gratiszeitungen. Diese Gratiskultur ist einzigartig. Unsere Universitäten waren lange auch gratis, und werden es, bei dem Reformeifer der Modernen, bald wieder werden. Die Finanzierung ist zwar nicht gratis, aber es wird schon eine österreichische Lösung gefunden werden.

Habe ich etwas übersehen? Ja. Den Sport (ich selbst bin unsportlich). Es wird nicht nur neue Stadien, Skilifte und -pisten brauchen. Aber die Verantwortlichen wissen das. Es geht vorwärts. Der ORF hat den Programmanteil für Sport dramatisch gesteigert. Das Leben der einfachen Leute. Auch da bemüht sich der ORF um ein realistisches Programm, ähnlich wie die gewinnorientierten Sender. Die Kleinkultur in den Dörfern, Gemeinden und Grätzeln. Hier floriert eigentlich alles, hier zeigt sich die Wirkung der Integration und Identifikation, der Selbstvergewisserung. Kochkunst. Die wird durch einschlägige Sendungen und entsprechende Werbekampagnen großer Firmen volkstümlich gepflegt. Zur Ergänzung gibt es den Haubenkult. Beides rundet das Bild hoher Kultiviertheit ab. Tanz. Der ist wirklich „in“ und begeistert ein Millionenpublikum. Trachten-, Heimat- und Brauchtumsvereine. Ganz wichtig. Sehr erfolgreich.

Wein. Wein und Kultur, das ist falsch formuliert. Wein IST Kultur, – und Österreich hat beides. Bier. Hier offerieren Firmen vermehrt Bierseminare. Dem Alkohol ist die Zukunft gesichert (und den Entziehungsstätten auch). Tabak. Hier leisten die Österreicher noch etwas Widerstand gegen den Verbotstrend. Das wird bald vorbei sein. Nudisten. Altes Kulturgut, geht langsam verloren, nicht nur wegen der höheren Anzahl Gläubiger. Automobil. Das galt immer schon als Kult, und wird es bleiben. Der Staat baut zügig das Straßennetz aus, der öffentliche Verkehr wird systematisch so gestaltet, dass der Individualverkehr nicht behindert wird.

Psychiater, Psychologen, Therapeuten, Mediatoren, Coaches, Lebensberater, Pflegerinnen, was noch? Irgend etwas habe ich sicher vergessen. Kein Wunder, bei dieser Kulturdichte.

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