Lesekreise

17.07.2011 Haimo L. Handl

Hierzulande sind einigen noch die Lesezirkel bekannt, jene Abonnements wöchentlicher Zeitschriftenlieferungen, die früher viele Haushalte vor allem mit populären Illustrierten versorgten. So ein Lesezirkel hat nichts gemein mit einem Lesekreis. In einem Lesekreis tauschen sich Leser über ihre Lektüre aus. Das gab es früher auch. Aber der Begriff, das Image, ist derart negativ klischiert, dass er heutzutage keine Zukunft zu haben scheint, wiewohl die Einrichtung und Übung höchst positiv wäre.


Als die Sozialdemokraten noch Visionen und klar formulierte, emanzipatorische Ziele hatten, arbeiteten sie in ihren Bildungsvereinen wirkungsvoll an einer beachtlichen Volksbildung. Mit dem Niedergang der Sozialdemokratie versandete auch diese Tradition.

Heute gibt es ein breitgefächertes Kurswesen, und die Werte, nach denen Anbieter und Konsumenten sich orientieren, sind andere als Allgemeinbildung. Es geht um Nützlichkeiten, Techniken oder sozialen Zeitvertreib.

Es werden vielerorts Lesungen veranstaltet. Für viele Autoren die einzige Möglichkeit, ein kleines Honorar zu erhalten und ihr meist kleines Publikum zu erreichen. Aber es fehlt die Auseinandersetzung. Das hängt kultürlich auch mit unseren Massenmedien zusammen. Es herrscht keine Vernetzung, keine sinnvolle Verbindung, die eine weitere Auseinandersetzung gestattete und beförderte. Die Leser sind Konsumenten geworden. Meist setzt man sich nicht auseinander, sondern folgt höchstens kurzen Rezensionen oder hochgespielten media hypes, die das Sensationsbedürfnis, gekoppelt mit dem bestseller consuming, leicht befriedigen und den Stoff liefern, der einen dabeisein lässt. Es ist fast wie beim peinlichen Klatsch der Regenbogenpresse für die Unterschichtler. Falsche Träume, falsche Werte, falsche Welt.

Die Aufmerksamkeit für Wettkämpfe wirkt, ähnlich wie beim Sport, weniger der eigenen Ertüchtigung und Einsicht, als dem Spektakel; dies machen auch der Bachmann-Wettlese-Zirkus deutlich und ähnliche Pseudogladiatorenshows.

Eine Freundin von mir ungarischer Herkunft kontaktiert mich des öftern, um ganz an- und aufgeregt von ihren Lektüren zu berichten bzw. Fragen zu stellen. Für sie ist Deutsch die Zweitsprache. Aber der Lesestoff, den sie sich intensiv vornimmt, ist komplex und schwierig. Sie nimmt sich die Zeit, nicht nur fremde Vokabeln zu notieren und nachzuschlagen, sondern auch Fragen zum Verständnis. Sie hat immer Lesestoff in der Tasche, sei es ein Reclamheft von Goethe, sei es ein Buch von Esterházy oder Jelinek. Sie zieht Verbindungen. Jelinek erwähnt Heidegger. Sie beschafft sich das Buch und liest. Sie fragt: Was soll das heißen? Was hat das zu bedeuten? Sie interpretiert selbst hoch kreativ, fixiert das aber nicht, sondern prüft, wägt ab, fragt.

Ich bin nicht nur überrascht, sondern erfreut und teile gerne diesen Austausch. Er kontrastiert stark zum Verhalten vieler Leser, von denen ich keine kritischen Anmerkungen oder Fragen vernehme, auch in Diskussionen nicht.

Wir pflegen in unseren Runden (man könnte sie Kreise nennen) Zusammenkünfte, bei denen nicht nur gegessen und getrunken, sondern auch vorgetragen und debattiert wird. Im kleinen Kreis wird das zu dem, was früher ein Symposion war. Interessiert und interessant, ruhig und hitzig, kontrovers und unterstützend, weiterführend. Die geistige Horizonterweiterung, ohne Mühe, ohne Wettkampf.

Es gibt kein name-dropping, kein Auftrumpfen oder Ausstechen, sondern Neugier, Wachheit und - Lust an der Kommunikation. Ob wir über Interpretationstheorien uns auslassen oder bestimmte Auffassungen von Literaten, ob wir «historisches» Material älterer Autorinnen oder Autoren, Filosofen, Musiker, Künstler, uns gemeinsam ansehen oder anhören: Immer folgt der Rezeption das Gespräch, das gemeinschaftliche Bedenken, Bewerten.

Manchmal träume ich, diese Übung würde populär werden. Ohne dass sie mit missionarischem Eifer installiert worden wäre. Einfach so, aus sich heraus, aus dem Bedürfnis kultivierter, gebildeter Zeitgenossen, die nicht nur nach krudem Kosten-Nutzen-Denken fragen «was bringt es?» oder «lohnt sich das?», sondern sich einfach einer Art Lust hingeben, sich verschwenden.

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