Weinviertel Kochbuch

19.07.2011 Haimo L. Handl

Das Weinviertel Kochbuch von Manfred Buchinger, Meisterkoch, und Wolfgang Galler, Historiker, ist eigentlich kein echtes Kochbuch, sondern eine mit Rezepten angereicherte Kulturgeschichte der Küche und Essgewohnheiten des Weinviertels. Das reichlich mit beeindruckenden Farbaufnahmen von Miguel Dieterich illustrierte Buch bietet auf 160 Seiten einen interessanten historischen Streifzug durch die Weinviertler Tradition, Kultur und Küche.


Kundig wird der Unterschied von Alltags- und Festtagsküche dargeboten und erklärt, worin welche Traditionen wurzeln, was sich erhalten hat, was nicht oder stark verändert. Küche und Essen hängen eng mit der Sozialstruktur der entsprechenden Bevölkerung zusammen, mit den spezifischen Lebensbedingungen in Familie und Beruf. Deshalb verwundert es nicht, dass die Alltagsküche eher eintönig, meist sogar ärmlich war, und die Überlieferung sich besonders auf die Spezialitäten der Festtagsküche konzentriert.

Es ist wie mit Kochbüchern aus Großmutters Zeiten. Sie sind eher köstliche Lektüre als direkte Anleitung zum Kochen. Uns Heutigen mit anderer Lebensgestaltung und Energiebedarf bzw. –verarbeitung wäre vieles nicht gütlich. In der Küche gelten nicht die Werte wie beim Wein: alt und gut. Die aktuelle Authentizität unterscheidet sich durchaus von der früheren, und das sinnvoller Weise.

Im Kapitel «Festtagsküche» folgen wir mit den Autoren den damals üblichen und prägsamen kalendarischen Markierungen: Neujahr, Fasching, Fastenzeit, Ostern, Kirtag, Allerheiligen, Martini, Leopoldi, Weihnachten, Silvester. Diese Stationen werden durch Rezepte belegt und praktisch nachvollziehbar.

Interessant die wahrscheinlich vielen weniger bekannte Alltagsküche, die von Getreide, Gemüse und Obst dominiert wird. Auch hier ergänzen Rezepte die Ausführungen. Die Problematik einer Dokumentation einer Regionalküche, die weder berühmt ist, noch herausragend, weil eben «nur» regional, stellt auch der Autor Wolfgang Galler fest: «Was kann man aber über eine Küche schreiben, die kaum als eine derartige wahrgenommen wurde und wird, was wohl auch daran liegt, dass sie keine, einmal vom Wein abgesehen, wirklich auf die Region verweisenden und am Markt prominent platzierten Spezialitäten hat?»

Gemessen an dieser Schwierigkeit haben die Autor aus dem Wenigen viel gemacht. Die in der Einleitung formulierte Information, das sei erst der Beginn eines Weinviertler Kochbuches, die Autoren hoffen, eine zweite Ausgabe herausbringen zu können mit Berücksichtigung der inzwischen eingesandten «geheimen» Rezepte, lässt vermuten, dass es doch weniger um Kulturgeschichte und Authentizität geht, als um ein gängiges Marktprodukt, das sich, dem Trend der Heimatpflege folgend, gut absetzen lässt. Denn wenn die Rezepte, die man noch findet, so geheim waren, wie sollen sie dann repräsentativ für die Weinviertler Küche (gewesen) sein?

Dieses Kochbuch ist eine gelungene Kulturgeschichte, Es liefert eben nicht nur Rezepte, die zum Nachkochen animieren sollen, sondern lädt einen auf eine andere Reise ins Weinviertel ein, auf der man gerne mitkommt.

Manfred Buchinger, Wolfgang Galler: Weinviertel Kochbuch. Tradition, Kultur, Küche. Fotos von Miguel Dieterich. Metroverlag 2011; ISBN 978-3-99300-035-6

Aus: DRIESCH - Zeitschrift für Literatur & Kultur 6/2011

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