Freiheit ohne Verantwortung

31.07.2011 Haimo L. Handl

Nach der Präsentation von Driesch #6 kam ich mit einem Leser ins Gespräch. Er fragte, wer die Besprechung «Ciorans Hitlerei» geschrieben habe. Dann bemerkte er, dass er ganz anderer Meinung sei. Ich hätte übertrieben und ihn falsch beschuldigt bzw. verurteilt. Man müsse das anders lesen und sich vor Augen halten, dass es um Literatur, Dichtung gehe. Die ideologische Beurteilung meinerseits sei irrig. Es liege am Rezipienten, mit dem Material umzugehen. Der Künstler, Dichter, habe jede Freiheit.


Ich widersprach und betonte, dass auch für einen Künstler, einen Dichter, Verantwortung besteht für seine Handlungen. Schreiben ist sein Handeln, das über's Private hinausgeht. Als Leser kann ich nur reagieren, weil ein Autor agiert hat. Es wäre widersinnig, nur vom Leser die Verantwortung zu fordern, nicht aber von dem, der den Anlass gibt, der agiert und den Stoff liefert. Auch wenn sich die Verantwortungen nicht decken, bestehen sie unbedingt für beide Seiten. Jedenfalls gibt es keine Handlungen, die unverantwortlich sein könnten, wenn wir dem Handelnden Mündigkeit zuschreiben.

Weiters heißt die Verurteilung ja nicht, dass die Elaborate zensuriert gehören, dass das Buch nicht hätte erscheinen sollen etc. Es heißt nur, dass das Vorliegende bewertet wird. Und wenn die Bewertung negativ, verurteilend ist, dann ist das genauso legitim, wie wenn es anerkannt und gelobt würde. Über die Qualität der Positionen kann man wiederum nach unausgesprochenen oder begründeten Kriterien urteilen. Aber nichts aus dem Bereich der Literatur oder Kunst soll in einem sogenannten wertfreien Bereich existieren. Nichts ist isoliert für sich. Alles hat seine Bezüge. Daraus leiten sich Werte ab. Auf Seiten des Agierenden, hier des Autors, auf Seiten des Lesers. Über die «Richtigkeit», Angemessenheit, Plausibilität etc. kann man «streiten».
Die Forderung, von vornherein die Verantwortung für einen Autor zu unterschlagen oder geringst zu bemessen, käme einer Absage an Kritik gleich.

Sogenannte «Heilige Texte» werden außerhalb der Kritik gestellt, sie sind tabu, sie dürfen nicht kritisiert, nur gedeutet werden. Meist nach den Vorschriften jener, die eine Deutungshoheit dafür beanspruchen. Das ist das Gegenteil freien, kritischen Verkehrs. Das unterscheidet auch Dogmatik, Religion von aufgeklärter Kommunikation.

Die Verantwortung eines Autors ist eine andere als die eines Lesers. Klar. Wenn Leser sich auf Autoren berufen und für etwaige Untaten sich damit entschuldigen, dass sie dem bösen Einfluss eines Autors erlegen seien, mag das vordergründig stimmen, nicht aber ihre Verantwortung für ihr Handeln mindern. Es liefert nur eine Erklärung einer Beeinflussung. Aber die Verantwortung, wie weit und stark sich jemand wovon beeinflussen lässt, bleibt bestehen.

In unserer Unverantwortungsgesellschaft wird zu erfolgreich versucht, Verantwortung abzuschieben, abzusprechen, abzuwälzen. Wenn schwache Personen einem Guru erliegen, sind sie es, die handeln, und nicht nur der Guru mit seiner Stärke. Dass die Schwäche als Entschuldigung genommen wird, kommt einer Generalabsolution gleich. Diese Haltung wird auch nach verlorenen Kriegen von denen eingenommen, die halt Mitläufer, Mittäter waren: «Ich habe nur meine Pflicht erfüllt», «Man konnte nicht anders» usw. Sachzwänge, Zeitläufte, Zeitumstände, das Regime, die Verführungskunst eines Führers und was sonst als Gründe genannt. Aber nicht nur als Gründe, sondern als Entschuldigung. Schuld waren Andere, war Anderes. So einfach soll es sein. Nein, so simpel ist es nie.

Umgekehrt befürchten viele in einer Vorwegnahme der massenhaften Unreife, dass dem Einzelnen kritisches Urteilsvermögen bzw. charakterliche Standhaftigkeit nicht zuzuschreiben sei, weshalb das Schlimmste zu befürchten ist. Deshalb bedarf es steter starker Kontrolle. Das Polizeidenken macht(e) sich breit: Permanente Überwachung, Prävention. Zum Schutze der Freiheit. Der Widersinn liegt auf der Hand. Im Ruf nach der allumfassenden Kontrolle versteckt sich die Aburteilung der Mitmenschen, die Angst vor ihrer potentiellen Barbarei. Es verbirgt sich dahinter die Ansicht vom Bösen, das nur lauert auszubrechen, einzubrechen. Der Andere als der Wolf, als der Böse (Sartre: «Die Hölle sind die Anderen.»). Aber wenn der Andere das Böse ist, bin auch ich es, weil ich für den Anderen der Andere bin.

Aus diesem Denken folgt die Abwertung von Aufklärung, ihre Bankrotterklärung. Warum das dann aber nicht offen bekennen und die Konsequenzen ziehen? Wie sähe eine Gesellschaft aus, die sich nicht mehr an der Aufklärung orientiert? Wir haben viele, viele Beispiele. Die Historie liefert schier unübersehbar reichliches Material von Gesellschaften, die nicht nach aufklärerischen Werten organisiert waren und sind. Wir haben auch die Beispiele der verschiedenen Fasen und Arten von Aufklärung. Und der daraus erfolgten Untaten im Namen der Aufklärung. Doch die komplexe Geschichte lässt sich nicht krude einfach mit «ja» oder «nein» bündig bewerten. Die Reduktion auf diese Dichotomie verhindert reifes, kritisches Eingehen und Handeln.

Nach den Attentaten in Oslo wurden Rufe nach mehr Kontrolle, Überwachung und Verfolgung laut. Das Internet sei schuld. Die rechte Szene. Die Islamisierung. Die Ausländer. Der Kapitalismus. Morgen wird jemand erklären, es seien die psychischen Auswirkungen der Klimakatastrofe.

Aber auch die lückenloseste Überwachung in einem straff organisierten Polizeistaat könnte keine solchen Verbrechen verhindern. Das setzte voraus, dass ALLES den Behörden und Überwachern bekannt ist, alles verhindert werden kann, was der Gesellschaft widerspricht. Eine Unmöglichkeit. Es gibt keine volle, hundertprozentige Sicherheit. Der Ruf nach Sicherheit kann leicht kippen in eine völlige Aufhebung von Freiheit. Weil man sie dem Menschen nicht zutraut.

Auch wenn alle Bibliotheken «gereinigt» wären, das Netz total überwacht, gäbe es keine völlige Sicherheit, sondern nur eine Gesellschaft im Käfig, im Zustand des Terrors.

weiterführende Links:

Ciorans Hitlerei

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