6. August

07.08.2011 Haimo L. Handl

In Japan, und nicht nur dort, gedenkt man des Atombombenabwurfs vom 6. August 1945 auf Hiroshima, dem kurz darauf der zweite auf Nagasaki folgte. Heuer erhält das Gedenken neue Brisanz wegen der Atomkatastrofe in Fukushima. Völlig neu für Japan: Die Regierung orientiert sich jetzt auf eine atomfreie Energieversorgung. Die sogenannt «friedliche Atomnutzung» ist zu gefährlich. Der Schock der noch immer nicht bewältigten Katastrofe sitzt tief.


In den USA hat man andere Sorgen. Die Amerikaner haben sich nie auf eine kritische Debatte ihres beispiellosen Einsatzes der höchstentwickelten Massenvernichtungswaffen eingelassen. Es gelten nach wie vor fragnotwendige Sachzwänge, die den Kurzdenkern oder Freunden genügen, die Barbarei vernünftig korrekt zu finden.

Damit wird ein Problem berührt, das auch in anderen Dimensionen existiert und schwelt: Darf man, zur «Verteidigung» die gleichen Mittel einsetzen wie der verteufelte Gegner? Konvertiert man nicht selbst zum Barbar, den man bekämpft?

Das zeigt sich im Kleinen wie im Großen. Folter, weil die Gegner foltern. Bakteriologische Kriegsführung, weil der Gegner sie einsetzt. Ghettoisierung, Vergiftung von Wasser und Erde, kollektive Gefangenhaltung, Mauerbau, KZs, die man correction facilities nennt, und dergleichen mehr. Drohung mit Atomschlägen und Übungen für den Ernstfall.

Die japanische Armee hat überaus grausam gewütet, hat Kriegsverbrechen begangen. Doch rechtfertigte das die Kriegsverbrechen der Amerikaner durch den doppelten Atombombenabwurf? Sagt man ja, ist klar, wofür man ist, und was daraus folgt.

Im Bereich der Medizin oder Neurobiologie, Gentechnik, Psychologie und Soziologie zeigt sich etwas Erschreckendes: Vieles, was die Nazis nur durch die damals noch nicht so weit entwickelte Technik nicht zu leisten vermochten, was aber anvisiert war, ist später von den Siegern, vom freien Westen und anderen, fortgeführt worden. Die Züchtung des Menschen. Die Herrichtung, Abrichtung und Einrichtung. Der Triumph des Utilitarismus. Die Hochblüte der Verdinglichung und Entfremdung. Die Entmenschung des Menschen, die extreme Standardisierung des verwalteten Objektes.

Wenn etwas von der Sache her, und der darunter oder dahinter liegenden Ideologie, nicht nur fragwürdig, sondern empörend, abscheulich war, wie soll das Gleiche später gepriesen werden? Weil es dem Fortschritt entspricht? Technik und Technologie sind, wie die Wissenschaften insgesamt, «unwissend», wie Heidegger weitsichtig vermerkt hat. Zum Wissen der Wissenschaften braucht es mehr, z. B. Filosofie. Fragen stellen und Antworten suchen. Welche leisten wir uns?

In diesem Lichte erscheint die fast ausschließliche Fokussierung auf gewisse Zeitepochen, historische Abschnitte, als Alibi und Ablenkmanöver. Wir müssen heute auf das Heutige sehen und uns fragen, was für ein Denken dem unterliegt, wohin es führen mag. Bedenken wir die Geschichte (eigentlich Plural: Geschichten!), kann das zu frappanter Ernüchterung führen. Wenig überraschend, dass es um Werte geht. Welche sind uns wichtig, welche kann man, sogenannt vernünftigen Strategien und Taktiken folgend, alterieren, aussetzen oder aufheben? Was folgt daraus, welche Auswirkungen hat das auf die Zivilisation und Kultur, die Ideologie?

Nähmen wir Gedenken, wie jetzt jene an den Atombombenabwurf, ernst, fragten wir mehr und forderten mehr ein. Nicht nur stereotype Antworten, sondern Handlungen. Aber die Katastrofe Fukushima beweist ebenso wie der scheinbar bewältigte Banken-Crash, dass die Gedächtnisse kurz sind, und das Geschäft sofort wieder anläuft, wenn der Druck für Momente etwas nachlässt. Ähnlich ist es mit den Kriegen und «humanen Interventionen». Ähnlich ist es mit dem aus der instrumentalisierten Terrorhysterie gespeisten Abbau westlicher Bürgerrechte. (Eine bemerkenswerte Ausnahme scheint Norwegen zu bieten, das auf die Massenattentate mit dem Bekenntnis zu noch mehr Offenheit reagierte.)

Im Allgemeinen ist der Lernwille schwach, wenn überhaupt existent, und die zügellosen Abzockereien und damit verbundenen Kriegsführungen Tagesordnung, die sich durch rituelle Gedenken nicht wirklich stören lassen.

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