13. August

14.08.2011 Haimo L. Handl

Der August hat es in sich mit den Gedenktagen. Am 13. August 1961 wurde nach einer Order des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht die Grenze zwischen Ost- und Westberlin durch eine Mauer befestigt und abgeriegelt. Der Mauerbau wurde in der Folge ausgeweitet. Der Mauerfall im November 1989 war eine logische Folge der Implosion des glorreichen Arbeiter- und Bauernstaates. Der Kalte Krieg war zu Ende, und das Regime in der DDR auch.


Eine noch höhere Mauer als die der DDR wurde in den Neunzigerjahren von Israel als Terroristenabwehr gegen den Gazastreifen, Westjordanland und «Territorien» gebaut; er wird eufemistisch als «Grenzzaun» bezeichnet, ähnlich wie die Zäune der USA an der mexikanischen Grenze zum Schutz gegen illegale Einwanderer. Während die DDR die Gefängnismauer als Fluchtbarrikade errichtet hatte, extrem stark bewacht und mit Selbstschussanlagen ausgerüstet, erfüllen die Zäune und Mauern als Sperranlagen Abwehrfunktion - eine moderne Form des Abwehrwalls, wie ihn die Nazis verzweifelt am Atlantik versucht hatten.

Über die DDR-Mauer ist tonnenweise viel dokumentiert und kommentiert worden. Über die «Zäune» Israels und der USA weit geringer. Über nicht so auffällige Ghettomauern noch weniger. (Zur Zeit der starken IRA-Aktivitäten wurde öfters über die Absperrmauern in Nordirland berichtet. Heute ist das vergessen.) Die Praxis bleibt meist ungeschoren von bohrender Kritik.

Interessanter als die technischen und politischen Details scheinen aber grundlegende Fragen zur Mauer und ihrer Funktion. Was für ein Denken unterliegt solchen Aktionen? Wer wird auf wessen Kosten geschützt? Was wird wirklich verhindert? Was wird gewonnen?

Als die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland bzw. in Berlin errichtet wurde, war ich noch so jung, dass ich das Ausmaß nicht erkennen konnte. Ich war nur verwundert. Etwas war geschehen, das nicht ins Bild passte. Das Bild eines friedfertigen, antifaschistischen Landes. Mir schien ein eklatanter Widerspruch deutlich, der sich einige Jahre später, als die Warschauer Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei einfielen, nur noch bekräftigte: Diese Staaten und ihre Regime brauchen eine Abschottung, die nicht friedlich ist. Warum folgen so viele Linke, als den ich mich selbst empfand, diesen Modellen?

Die realen Grenzen mit ihren Wächtern und Wärtern, Zäunen und Mauern, kreierten auch eine mentale Mauer. Ich bezog den «Eisernen Vorhang» eher auf diese Variante. Im Falle der DDR war trotz gleicher deutscher Sprache mit vielen von «drüben» kaum ein Diskurs möglich. Etliche «Genossen» hier schieden schon im Vorfeld Freund- und Feindlager; eine besonnene Kritik oder offene Fragen waren nicht nur verpönt, sondern provozierten Aburteilungen. Bei uns hatte das dankenswerterweise nicht die Auswirkungen wie für jene, die drüben leben mussten, wo Renegatentum oder Abweichlerei hart geahndet wurden.

Wenn ich heute Bücher aus der damaligen Zeit aus den beiden Deutschlands hervornehme und durchsehe, staune ich, mit welchem Jargon und simplizistischen Deutungsvarianten wir uns damals beschäftigt hatten. Das ist nicht nur bei direkt politischen Schriften schier unerträglich, sondern auch im Bereich der Literatur. Das Mauerdenken hatte sich wie ein Virus festgesetzt und festgefressen. Es war direkter Ausdruck des Kalten Krieges. Man traf auf diese Perversion nicht nur im Osten, sondern, kultürlich, auch im Westen, der sein Gegenüber zur Identifikation dringend brauchte. Die berühmten Kulturkongresse auf beiden Seiten liefern beredte Zeugnisse.

Die Affäre um Georg Lukács kommt mir in den Sinn, der Literaturprofessor Hans Mayer, der Filosof Ernst Bloch, die Auseinandersetzungen mit Wolfgang Harich, Robert Havemann, der Fall Biermann, Hermann Kant, Johannes R. Becher, Peter Huchel. Ich merke, dass ich willkürlich aufhören muss, weil die Liste leicht ins Weite fortführbar wäre. Jeder Name steht nicht nur für ein Schicksal, sondern eine Auseinandersetzung, woraus Rückschlüsse über die Zeit, den Ort und das System gewonnen werden können. Schmerzhafte.

Da keine Normalität herrschte, waren die Werte, die Wertmaßstäbe den Umständen des Kriges, des kalten, angeglichen bzw. von ihm erzeugt und gefüttert. Das wirkte bis in die Filosofie und Künste, vor allem die Literatur hinein. Vieles von drüben, das eigentlich bedenkenswert war, wurde im Westen entweder nicht wahrgenommen oder, wenn doch, dann nur schief, nach dem herrschenden «bias». Das prägte Rezeptionshaltungen in beiden Lagern. Die Bereitschaft, gewisse Literatur deshalb aufzuwerten, weil sie von einem vermeintlichen oder echten Dissidenten stammte, war übergroß´. Das mag oft den Personen geholfen haben, sicher nicht in allen Fällen der Literatur.

Der «Jargon der Eigentlichkeit» war nicht nur konservativen, reaktionären oder rechten Denkern eigen, sondern in einer spezifischen Ausprägung auch der Gegenseite, den Linken. Doch dort war die Bereitschaft zur kritischen Selbstprüfung äußerst gering. Sie schien unter dem Druck der Zeit und ihrer Systeme auch nicht angesagt. Das half zur Zementierung einer pseudokritischen linken Schicht, die dann, als der KK (nicht «K & K, sondern »Kalter Krieg«) zu Ende war, um ihr Selbstverständnis und ihre Orientierung gebracht war. Damals, in den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren zeigte sich die Unreife und die Schwäche dieser bis dahin so lärmenden Bewegung.

Europa schottet sich gegenwärtig ab. Wird diese Art Bunkerdenken noch hysterischer gepflegt, werden bald neue Sperrwälle, neue Mauern gebaut werden. Ein fatal falscher Weg. Das Erinnern und Gedenken der deutsch-deutschen Mauer sollte nicht Schadenfreude oder falschen Stolz evozieren, sondern nachdenklich machen über die Bunker-Gesellschaft, die wir zu werden drohen. Einige Vorläufer kennen wir ja schon.

Und dass Gestrige, Nostalgiker und Unverbesserliche heute, gerade heute, nach wie vor die Mauer als Friedensinstrument feiern und ihre nachweinen, zeigt, dass das Mauerdenken, die mentale Verbunkerung, Vermauerung, nach wie vor existiert und sogar gepflegt wird (siehe z. B. das unsägliche Buch der DDR-Generäle Heinz Kessler & Fritz Streletz: »Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben". Berlin 2011).

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