21. August - Der Friedenseinmarsch

21.08.2011 Haimo L. Handl

21. August 1968. Truppen der Warschauer Pakt-Staaten unter Führung der Sowjet-Union fallen innert Stunden in der Tschechoslowakei ein und beenden gewaltsam den sogenannten «Prager Frühling». Rasch kontrollieren Panzer und andere motorisierte Armeeeinheiten alle wichtigen Städte, Verkehrsknotenpunkte, Einrichtungen. In kurzer Zeit ist eine 600.000 Mann starke Okkupationsarmee aktiv mit der «brüderlichen Hilfe» beschäftigt, das Land vor der Konterrevolution zu schützen.


Es hatte sich vorbereitet und angemeldet. Die Zeichen waren eigentlich klar und untrüglich. Aber die Ideologie saß tief, und vor allem den treuen Kommunisten schien es unmöglich, dass die UdSSR, dass Moskau, der Sache des Kommunismus einen tödlichen Schlag versetzen würde durch die Missachtung eigener Verträge, die Verletzung der Souveränität eines kleinen Staates, zu dessen Garant sie sich gemacht hatte.

1938 - 1948 - 1968. Bedeutungsvolle Daten. 1938 war Hitler-Deutschland mit dem Münchner Abkommen die Aufteilung der Tschechoslowakei zugestanden worden, dem 1939 die Invasion und Annexion folgte. 1948 hatten die Kommunisten siegreich das Volk hinter sich. Zwanzig Jahre später kamen just Soldaten jener Länder, in denen die Russen, die Sowjets verhasst waren, unter Führung des roten Führerstaates zur brüderlichen Hilfe in einem beispiellosen Einmarsch. Die Tschechoslowakei war eines der ganz wenigen Länder, in denen die Sowjets nicht verhasst waren. Sie war auch jenes kommunistische Land, in welchem der Kommunismus sich hätte eigenständig entwickeln können. Nicht zuletzt das war einer der Gründe seiner Niederschlagung.

Ich war damals 20 Jahre alt und mit einem Freund in einem Anarchisten-Cafe am Genfer See, wo wir in internationaler Gemeinschaft ein Haus restaurierten und uns austauschten (ohne es «multi-» oder «interkulturell» zu nennen, was damals noch unnötig schien). Ich erinnere mich des Schocks, der uns alle traf, als wir die Nachrichten vernahmen. Sofort überlegten wir «Maßnahmen» zumindest eines symbolischen Protestes. Die Tragweite der Ereignisse sollte uns erst später aufgehen. Die Debatten, die sofort einsetzten, konnten die bohrenden Fragen nicht beantworten, vermochten die Enttäuschung und Wut über den Großen Bruder in Moskau nicht mindern.

Zwei Bücher aus jener Zeit sind mir in bester Erinnerung. Eines von dem 1956 aus Ungarn nach Österreich geflüchteten György Sebestyén, «Flötenspieler und Phantome. Eine Reise durch das Tauwetter», das 1965 publiziert worden war, und welches einfühlsam, hoch sensibel, zugleich kundig, das damalige Tauwetter in den osteuropäischen Staaten beschrieb und reflektierte, und das wahrscheinlich wegen seiner Offenheit bei den Linken nicht sonderlich geschätzt war. Damals waren den Linken unabhängig Fragende «verdächtig». Das andere war eines, das ich nach dem Einmarsch in die CSSR las: «Die siebente Nacht» von Ladislav Mňačko, 1968 in Wien erschienen. Darin breitet der überzeugte Kommunist, der nach der Niederschlagung kurz in Österreich lebte, seine tiefgründigen, kenntnisreichen Reflexionen aus, die jedem Interessierten Einblicke in das «System», in die Mentalitäten gewähren. Mňačko, bekannt geworden durch seine Bücher «Wie die Macht schmeckt» oder «Die Aggressoren», liefert Bilder, die herausragend die trockenen Geschichtsdaten, wie man sie in vielen Dokumentationen findet, beleben und verdichten. Aus beiden Büchern ist, bei aufmerksamer Lektüre, mehr zu gewinnen, als aus vielen anderen Produktionen der Tage jener Zeit.

Mir und einigen anderen war damals die Devise «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» (oder «Gesicht») in ihrem Umkehrschluss noch nicht so klar wie später. Wenn die Reformkommunisten um Dubcek erst den menschlichen Kommunismus-Sozialismus anvisierten, muss der reale ein unmenschlicher gewesen sein. Kein Wunder, dass dem widersprochen wurde. Der Ruf nach Humanität war pure Konterrevolution. 21 Jahre später fand der siegreiche Realkommunismus sein Ende, ohne dass äußere Feinde ihn in einem Krieg hinweggefegt hätten, wie damals die stereotypen Parolen tagtäglich warnten.

Heute, im Gedenken des Einmarschs, verbinden sich nicht nur symbolträchtige Jahreszahlen zu Warnzeichen oder Menetekel, sondern beschleicht einen Bitterkeit über die üblich gewordene Selbstgerechtigkeit vieler «Humaninterventionen». Damals nannten die Realos ihre Okkupation eine brüderliche Hilfeleistung. Heute werden viele Kriege als humane Hilfe getarnt. Ein Unterschied macht sich allerdings deutlich: Heute gibt es keine Bücher mehr wie «Die siebente Nacht», keine allzu kritischen Fragen in aller Öffentlichkeit. Die Kritiken erreichen die Massen nicht mehr. Trotz besserer Kommunikationsmittel.

Was damals das Radio leistete, der Wille der Okkupierten und vieler «draußen», nachzufragen, festzuhalten, ist heute oft nur eine Sensationsmeldung oder Sache einer kleinen Minorität. Viele, die die USA oder die Europäische Union ob ihrer Kriegsaktivitäten kritisieren, werden als «Feinde» abgestempelt. Sie erleiden zwar nicht vergleichbar böse Schicksale wie jene, die im Realkommunismus couragiert aufbegehrten, dennoch herrscht im main stream eine eigentümliche Vernebelung und Filterung, die das höchst notwendige Nachdenken über die Eigentlichkeit des Kapitalismus, besonders in seinen jüngsten Ausprägungen, schier verunmöglichen und, in Nebenbahnen gelenkt, unwirksam werden lassen.

Für mich ergab sich fast ein déjà vu, als unsere Partner und Freunde in konzertierten Einzelaktionen Österreich mit Sanktionen belegten, nachdem die verhasste schwarz-blaue Koalition gebildet worden war. Obwohl mir diese Regierung und die sie tragenden Parteien höchst unangenehm waren, ist doch unbestritten, dass sie nicht durch einen Putsch an die Macht kamen. Was Europa damals lieferte, evozierte in mir sofort das Bild einer «EUSSR», die halt aus technischen Gründen ihre Eingreiftruppe, die damals noch nicht schlagkräftig einsatzbereit war, nicht schickte. Aber der Geist wehte schon... Friedenseinmarsch!

Welch eine Ironie, dass etliche der braven, rechtschaffenen, demokratischen Staaten, die geschlossen Österreich sanktionierten, wenige Jahre später nicht mehr zu verdeckende politische Kriminalität aufwiesen, hohe Korruption und eine Politik, die jedem rechtsstaatlichen Denken höhnisch widersprach. Dass einige dieser Länder, in Fortführung ihrer verantwortungslosen Politik, die Union an den Rand des Abgrunds brachten - und nicht primär die globalisierte Wirtschaftskrise, wie ablenkend behauptet wird - zeigt, was für eine verlogene Politik walten konnte und immer noch waltet.

Damals wie heute gab und gibt es Hilferufer, Kollaborateure. Den Sowjets war es in der CSSR lange nicht gelungen, ihren Coup als Erfüllung eines Hilferufes hinzustellen. Bei uns hatten viele im Ausland gefordert, man möge doch «einschreiten». Dass es nicht zum «Einmarsch» kam ist, rückblickend gesehen, fast bedauerlich. Denn mit ihm hätte die EU ihr wahres Gesicht gezeigt, ähnlich wie die USSR mit ihren Vasallen damals. Vielleicht hätte es die Erweiterung gebremst. Vielleicht hätte es zu einem Aufwachen geführt.

So aber leben viele noch in der Illusion eines freien, demokratischen Staatenverbundes, sehen Souveränitäten, wo keine mehr sind. Europa hat in den Jahren seit dem Ende des Kalten Krieges, also seit den Neunzigerjahren, öfters militärisch interveniert. Das folgenreichste Engagement geschah in Ex-Jugoslawien. Noch dürfen wir kontroversiell darüber debattieren. Wie lange noch?

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