Gewalterziehung

28.08.2011 Haimo L. Handl

Die Prügelstrafe, die direkte Gewalt als Erziehungsmittel, wurde in den meisten europäischen Staaten in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren vorigen Jahrhunderts abgeschafft. In vielen Staaten ist sie nur im Schulbereich verboten. In den USA wird sie in den meisten Staaten noch praktiziert, in Russland ebenso, ganz zu schweigen von der islamischen Scharia, die seit je in der körperlichen Züchtigung das vornehme Recht der Strafe sieht.


Der Widerstand gegen Gewalt in der Erziehung, gegen körperliche Züchtigung, gegen das Prügeln, hatte nur langsam sich entwickelt. Nicht zuletzt die psychologischen und soziologischen Studien zur «autoritären Persönlichkeit» nach der Schockerfahrung des Zweiten Weltkriegs, dem Horror-Regime der Faschisten und Nazis, deckte auf, dass diese Art Erziehung jene Persönlichkeitstypen produziert, die leichter, ungehemmter selbst gewaltsam werden sowie ein gestörtes Verhältnis zur Autorität und mit Autorität sich erwerben und ausbilden, was das Aufkommen von Faschismus in seinen abscheulichen Formen begünstige. Dass Staaten, die aktiv gegen den Faschismus kämpften, selbst rassistisch und hoch gewaltbereit weiter solche Erziehungsformen erlauben, stellt ein ungelöstes Problem dar, dessen Resultate in immer neuen Formen kollektiver Aggressivität und destruktiven Verhaltens messbar werden. Diese Staaten haben auch das internationale Übereinkommen über die Rechte des Kindes aus dem Jahre 1989 nicht unterzeichnet. Dazu gehören u. a. die USA und Frankreich. Deutschland und Österreich unterzeichneten und verboten jede körperliche Züchtigung.

Für Deutschland, indirekt für Österreich, als die ehemaligen Nazistaaten mit ihrem Naziungeist, war der Weg zur Ächtung besonders wichtig als logische Konsequenz aus dem Desaster seiner Unwerteentwicklung, die in die Barbarei geführt hat. Nicht zuletzt die Debatten um die Mündigkeit und ihre Erziehung dazu forderten das ein und erbrachten einen Lerneffekt, eine Verhaltensänderung, die sich aus gesetzlich ausdrückte. Einige Artikel von Theodor W. Adorno, einem Hauptvertreter in diesem Emanzipationsprozess, widerspiegeln fast programmatisch das Anliegen: «Tabus über dem Lehrberuf »(1965), «Erziehung nach Auschwitz» (1966), «Erziehung - wozu?» (1966), «Erziehung zur Entbarbarisierung» (1968), «Erziehung zur Mündigkeit» (1969).

Es gab zwar bei uns immer wieder Debatten um die «g'sunde Watschn», im Großen und Ganzen jedoch herrschte Einmütigkeit hinsichtlich der Ablehnung körperlicher Züchtigung bzw. Abwertung und Prävention von und vor Gewalt in der Erziehung oder im kollektiven Umgang.

Es sind auch nicht rechtsextreme, neonazistische Wehrsportertüchtigungsgruppen oder sadistische Missetäter, die jetzt mit neuen Gewaltverherrlichungen öffentlich auftreten, sondern eine Firma, die größte Möbelhauskette Österreichs, die von Richard Seifert und seiner Frau Gertrude Lutz 1945 gegründete Firma, der heute neben XXXLutz Mömax und Möbelix zugehören, die über ihre Werbeagentur, die große, angesehene Firma Demner, Merlicek & Bergmann, dieses Programm offerieren, vertreten und appellierend einsetzen.

Für ihren Firmenzweig MÖMAX liefern die Werbeexperten eine Kampagne, die offen auf das sadistische Element der körperlichen Züchtigung zurückgreift und es fies mit dem Appell verbindet, sich damit als Individuum auszuweisen.

Im STANDARD war am 6.5.2011 zu lesen: «Mit der neuen mömax-Kampagne von Demner, Merlicek & Bergmann sollen alle Menschen angesprochen, die sich nach Individualität und Selbstverwirklichung sehnen, das Motto: »Du bist anders? Dann wohn auch so.«

Man könnte sagen, Möbelix ist für die Unterschicht gedacht, Mömax für die obere Unterschicht oder untere Mittelschicht, deren Mitglieder meinen, sie seien höher, die »aspirieren", weshalb die Appelle zur Distinktion wahrscheinlich funktionieren: Du willst doch anders sein, nämlich individuell, du bist der harte Typ, der sich durchsetzt, dann beweis das, indem du bei MÖMAX dich individuell einmöbelst. Zeig es, was du bist, wer du bist.

Dass dieser Appell unter anderem mit einem Gewalt verherrlichenden Vorbild einer Schulszene erfolgt, wo, im Stil strenger englischer Schulen, Kinder am Gang warten um zu hören, wie aus dem Zimmer, in das sie gerufen werden, Schreie ertönen, und sie dann ganz überrascht sehen müssen, dass nicht der geifernd-eifrige Pauker als Züchtiger heraustritt, sondern ein Schulkollege, der maliziös den Kopf nickt, während er den Schlagstock, das Strafinstrument, gekonnt in den Händen hält, ist empörend.

Hier wird direkt auf dumpfe Reste brachialer, brutaler Gewaltbereitschaft als Individualitätsmerkmal gepocht, hier wird vorexerziert, worin sich das Mitglied der Massengesellschaft unterscheidet, nämlich durch Brutalität, durch Gewalt, durch gewaltsames Durchsetzen.

So sieht also das neue Programm aus, welches uns die Herren mit der weißen Weste liefern. Wie weit darf solcher Ungeist noch gedeihen, bis der Staat einschreitet? Hier geht es nicht einfach um schlechten Geschmack. Hier geht es um die Umkehrung dessen, was wir nach dem Ende der Barbarei auf die ‚Fahnen geschrieben haben. Hier geht es um die Kollaboration mit der Faschistisierung.

Wir leben in Zeiten, wo Missbrauch von Mitmenschen, vor allem Kindern, immer häufiger bekannt wird. Wo die Gewaltausübung in Familien dramatische Formen angenommen hat. Wo Mobbing und Schlägereien in den Schulen ein ernsthaftes Problem darstellen. Und da kommen die Helfershelfer her, die Werbexperten von Demner, Merlicek & Bergmann und bekräftigen das, springen auf den Zug der Zeit. Sind also einerseits Mitläufer, andererseits Kollaborateure des Ungeists, Täter. Aber Täter, die nach herrschendem Recht keine sind. Feine, gebildete Bürger des Landes, die dem Auftraggeber in seinem wirtschaftlichen Betreiben nur helfen, zur Seite stehen. Sie werben.

Aber wenn dem Geschäft, der Profitmaximierung, so geholfen wird, wird falsch geholfen. Hier müsste sofort untersucht werden, ob nicht ein strafrechtlich verfolgbarer Tatbestand vorliegt, weil zu strafbaren Handlungen, nämlich körperliche Züchtigung, aufgerufen wird.

Natürlich würde, wenn man das vorbrächte oder verfolgte, argumentiert werden, dass die Werbung frei sei, das man ja nicht direkt zur Gewalt aufrufe, dass es ironisch oder satirisch gemeint sei, usw. Aber dann müsste eben eine Debatte einsetzen, die den Kern, den Hintergrund dieses verurteilenswerten Verhaltens aufdeckt. Ich vermute, dafür würde es bei uns keine Mehrheit geben. Gerne würde ich mich hierin widersprochen sehen.

weiterführende Links:

Das Werbevideo von MÖMAX

weiterführende Links:

Das Werbevideo von MÖMAX

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.