Trauerspiel

11.09.2011 Haimo L. Handl

Man kommt ihm nicht aus. Auf allen Sendern Filme, Dokumentationen, Semidocs, Soaps, Schnulzen, Rührstoffe, Privatisierungen im öffentlichen Kontext, künstlerische Bewältigungsversuche, schnöde Fleddereien. «Nine Eleven» ist zu einer Marke geworden, die mehr übertüncht, lenkt, ablenkt, als klärt, vom Erinnern oder Gedenken, das man sich vielleicht wünschte, ganz zu schweigen. Es wird inszeniert. Es geht um Mythen, Symbole und verletzten Stolz. Eitelkeiten. Daneben versinken «Wahrheiten» oder kommen erst gar nicht hoch. Eine Peinlichkeit sondergleichen.


Klar, war der Anschlag schrecklich und furchtbar. Die Opfer sollen nicht weggeredet werden. Aber genau das sehe ich in den Inszenierungen. Sie werden verwendet für eine miese Politik. Sie werden gebraucht und damit missbraucht. Sie sind Ausdruck der hocheffizienten Kulturpolitik, die immer schon das, was sie als Kultur ausgab, als Instrument nahm, wie es die Kulturkritik, besonders die linke, gegeißelt hat. Sie lügt und betrügt, auch wo sie mit Wahrheiten operiert.

Unfreiwillig wird die Problematik der Frage, wie in Würde unter inhumanen Bedingungen zu leben, aktualisiert und demonstriert. Was nach dem von Adorno 1951 publizierten Aufsatz «Kulturkritik und Gesellschaft» mit dem inkriminierten Satz «Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.» (In: Prismen, auch im Taschenbuch «Gesellschaftstheorie und Kulturkritik» [1975] bzw. in den Gesammelten Schriften, Band 10.1) an Diskussion, Debatte und zornigen Repliken losgetreten wurde, hat sich fast zu einer Kunst-Kultur-Gesellschaftsdebatte entwickelt, aber doch nur fast. Die Einschränkung erzwingt sich aus dem, was folgte, was heute Übung ist, nicht zuletzt sei dem ominösen 11. September 2001. In der Süddeutschen Zeitung war unter dem Titel «Wo die Kultur komplett versagt hat» zu lesen (7.9.11), dass die Kultur eigentlich das Grauen von 9/11 hätte emotional fassbar machen sollen, neben dem Wachhalten des Andenkens, doch weder Kino noch Literatur «konnten das Ausmaß der Gewalt bisher angemessen verarbeiten». Unabhängig der sich aufdrängenden Fragen, ob denn Kunst und Kultur (welche? Sie sind doch nicht so bündig einheitlich eindeutig) tatsächlich solche Aufgaben und Funktionen zu erfüllen habe, bohrt die Überlegung nach der «angemessenen Verarbeitung». Was wäre angemessen?

Nicht nur nach dem Holocaust, der immer noch verzweifelt als Unikum, als unvergleichbare Einzigartigkeit hingestellt wird, auch nach dem modernsten Einsatz höchstentwickelter Massenvernichtungswaffen, nämlich dem Atombombenabwurf durch die Amerikaner auf Hiroshima und Nagasaki, gab es wenig tiefgehende Kritik, viel Apologetik und verdeckendes Geschwätz. Was Wunder, wenn in den Zeiten, die permanent nach «historischen» Ereignissen rufen oder diese behaupten, der Terrorakt wie in New York besonders ausgebeutet wird. Dabei geht es als Alternative nicht um eine Bagatellisierung. Im Gegenteil. Es könnte um ein gesellschaftliches Besinnen gehen, wie es Adorno im erwähnten Aufsatz ausgelegt hat. Aber der Bürgermeister von New York würde keinen Dienst an der gewünschten Mythenpflege leisten, die von ihm dankbar erwartet wird, wenn er, anstatt Popsoapevents zu akklamieren, z. B. diesen kritischen Essay verteilte. Denn Adornos Überlegungen reichen tiefer, als alles, was jetzt bequem geliefert wird; auch wenn jemand Adornos Diktum in dieser Form nicht teilt, wie ich es auch nicht tue, lernt aus seinen Überlegungen mehr, als den Etablierten, den Machthabern genehm wäre.

Meine Irritation folgt nicht nur aus den verzerrten Proportionen, der bemühten Instrumentalisierung von Gedächtnispolitik und der daraus resultierenden Verlogenheit. Wäre verantwortlich die Untat der Amerikaner nach den Untaten der Nazis reflektiert worden, hätte sich der Kalte Krieg nicht entwickelt, wie er Bahn genommen hat. Dann hätte sich aber auch die amerikanische Politik, die zutiefst eine kriegsorientierte ist, geändert. Wer weiß, wie wir dastünden? Die Spekulation mag müßig sein. Aber Geschichte und Wissen um sie ist immer mehr als Datenkenntnis.

Sie sind, ähnlich wie in der Erinnerung, auch Konstrukt und Vorstellung. Die jetzigen Gedenkveranstaltungen zielen auf Vorstellungen. Aber auf merkbar ausgerichtete. Der Bias wird von den wenigsten erkannt. In der Koppelung mit privaten Schicksalen, mit den durchaus gültigen Aspekten des Bösen, wird etwas darüber Hinausreichendes als Kern westlicher Errungenschaften, westlichen Selbstverständnisses, zelebriert. Amerika, einmal mehr, erdreist sich an die Spitze zu stellen und seine Mythenverletzung als Weltverletzung misszuverstehen. Und diese Sicht zur alleinig gültigen zu stempeln. Allzuviele folgen folgsam nach, laufen mit, wirken mit, machen ihr Geschäft. Dieses Geschäft ist die Kehrseite des Kitschigen. Verkitschtes kann, wie das Klischee, keine Wahrheit mehr transportieren und ausdrücken.

Das Schreckliche als das Schöne. Wir kennen die Lust vieler an der Schönheit von noch so Schrecklichem, wenn es nur grandios ist, sei es ein gewaltiger Vulkanausbruch, ein extremes Erdbeben, bisher unbeobachtete Naturkatastrophen, Sternekollisionen im Kosmos, Atompilze usw. Zur unreifen Freude pyromanisch fiebernder Feuerwerksbegeisterter korrespondiert die tiefe Freude an Weltenbränden, die sich nur wenige zu äußern trauen. Hohe Kultiviertheit ist nicht nur kein Widerspruch zur Barbarei, sondern kann im Negativen ihre Spitze finden. Zu allen Zeiten, in allen Gesellschaften.

Kurz nach dem New Yorker Terror wurde gegen Ende eines langen Pressegesprächs in Hamburg der Komponist Karlheinz Stockhausen dazu befragt (Pressegespräch vom 16.9.2001, nach dem Transkript einer Tonaufzeichnung publiziert in MusikText 91). Seine Antwort, die er später als falsch zitiert und aus dem Kontext gerissen erläuterte, war: «Also was da geschehen ist, ist natürlich - jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen - das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat. Daß also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch, für ein Konzert. Und dann sterben. Und das ist das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Stellen Sie sich doch vor, was da passiert ist. Da sind also Leute, die sind so konzentriert auf dieses eine, auf die eine Aufführung, und dann werden fünftausend Leute in die Auferstehung gejagt. In einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts, also als Komponisten.»
Frage: Gibt es keinen Unterschied zwischen Kunstwerk und Verbrechen?
«Vielleicht, aber ... Natürlich! Der Verbrecher ist es deshalb, das wissen Sie ja, weil die Menschen nicht einverstanden waren. Die sind nicht in das Konzert gekommen. Das ist klar. Und es hat ihnen auch niemand angekündigt: ‚Ihr könntet dabei drauf gehen.' Ich auch nicht. Also es ist in der Kunst nicht so schlimm. Aber was da geistig geschehen ist, dieser Sprung aus der Sicherheit, aus dem Selbstverständlichen, aus dem Leben, das passiert ja manchmal, so poco a poco auch in der Kunst, oder sie ist nichts.»

So poco a poco der Sprung aus der Sicherheit, aus dem Leben. Vielleicht liegt in Adornos Sensibilität und Schärfe doch mehr, als ich zu übernehmen bereit war?

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