Das Versäumen

18.09.2011 Haimo L. Handl

In der NZZ lese ich in einem Kulturartikel den Satz «Beim Internationalen Literaturfestival Berlin ist es wie im Leben: Die Masse dessen, was man versäumt, ist grösser als die Masse dessen, was man erleben kann.» So ist's im Leben? Das bewahrheitete: es gibt kein richtiges im falschen. Aber da es keine Paradiese gibt, gibt es nur falsches Leben.


Da nicht ALLES oder das GANZE je zu haben ist (der wahnwitzige Versuch wird religiös unternommen, in der Anmaßung man könne gläubig einen Gott als das Absolute erfassen), wird nicht einmal das meiste weder wahr- noch erfahrbar sein. Dieses aber als Versäumnis hinzustellen? Was für eine dumme, unreife Sicht! Als ob man hier und zugleich dort sein könne, als ob man dieses tut und zugleich jenes. Das mündet in den Zwiespalt und Konflikt der Lebensunmöglichkeit, in der eben das vermeintlich Versäumte, das Verlorene, hin zur Krankheit, zum Tode führt. Der Weg dorthin ist mit Nervosität gepflastert, ein Sklavenweg Getriebener.

Es ist auch eine Form von Geiz. Man will alles. «We want it all, we want it now», diese Devise der zu kurz Gekommenen, der Unbedachten, der Kurz- oder Nichtdenker, typisiert die Konsumgesellschaft mit ihren Konsumenten, den Raffgierigen. Der Fokus auf das unabwendbare Versäumnis prägt den Tunnelblick, steigert die Habgier, das Raffenwollen, die Intoleranz, die Hektik.

Dass man das Unmögliche anvisieren soll, um Bestmögliches zu erreichen, ist von anderer Qualität, nämlich keinem Verlust-, Versäumnis oder Verlorenheitsdenken. Im Gegenteil, es ist erfüllt von positiver, kreativer Energie.

Ich habe bei Tafeln Tischnachbarn erlebt, die davon schwärmten, wie woanders etwas Anderes besonders gemundet habe. Wie damals dort dieses oder jenes außergewöhnlich gewesen sei. Oder dass ich unbedingt in jenes Haubenlokal müsse, um höchste Qualität zu erhalten. Das Geschwätz bewies die Unfähigkeit gegenwärtig etwas zu genießen. Sie waren nicht hier. Trotz dieses Unvermögens plappern diese Oberflächlichen urteilend - und bestimmen, je nach sozialer Position, Marktmechanismen, mediale Wahrnehmungen usw. Eine Bagage von Pseudos, die nicht nur sich verdarben und verderben, sondern ihr Umfeld: Wie Schimmel vergiften sie ihre Umgebung.

Ein Freund von mir, ein Psychotherapeut, berichtete anonymisiert von Patienten, die keine sexuelle Erfüllung mehr erreichen können trotz angewandter Hilfsmittel. So beeinträchtigte einen, während er Sex mit einer «machte», dauernd die Erinnerungs- oder Wunschvorstellung, das störende Denken, wie es mit der anderen war, mit wieder einer anderen wäre. Er meinte, während er hier war, würde er das mögliche Andere versäumen. Es war nicht einzuholen. Der Konflikt führte schließlich zur Impotenz.

Anstatt Viagra genügte in vielen Fällen, nehme ich ganz naiv an, eine Änderung der falschen Sicht, die diesen Kranken nicht erlaubt gegenwärtig zu sein. Eine Art Gegenwarterfahrungsprogramm wäre geboten. Doch daran verdiente die Pharmaindustrie nicht. Und wenn die getriebenen, hastigen Dauerkonsumenten soweit lernten sich auf Gegenwärtiges einzulassen, sich sogar konzentrieren könnten, verlöre die Wirtschaft Konsumenten.

Wer nicht mehr permanent herumrasen muss als moderner Urbannomade, als kaschierter Junky, Säufer, Fresser, Frauenkosumierer, Schnellficker, Prestigeobjektedemonstrant, tuned up self expression machine, ist weniger abhängig, braucht weniger «Stoff», kurz, konsumiert weniger. Die Wirtschaft will aber Absatz, und der ist an Konsum gebunden. Und damit der Konsum funktioniert, muss verschwendet werden. Die Verschwendungshaltung, die sich im schnellen Alterungsprozess und in der Entsorgung äußert, griff auch auf das Sozialleben über, insbesondere die sozialen Beziehungen. Aus Ehefrauen wurden Lebenspartner, dann Lebensabschnittspartner und, heute, Tagesabschnittspartner. So viel wie möglich, wann immer es geht: I want it all, I want it now. Wow! (Ist es ein Zufall, dass das englische oder amerikanische Wort die früheren deutschen hierzulande ersetzte? Heute bellen die Hektiker, die Nervösen, um ihr dünnes Erstaunen korrekt auszudrücken. Wau!)

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