Dichterwette

09.10.2011 Haimo L. Handl

Bob Dylan erhält den Nobelpreis für Literatur. Pardon, das galt nur bis ganz kurz vor der Verkündigung. Dabei waren die Erwartungen kräftig geschürt worden, die Wetteinlagen beträchtlich. Die Wettbüros in England hatten jedoch in vorletzter Sekunde einen Wink erhalten; und tatsächlich gewann ein echter Poet den Preis. Dass es ein Europäer, sogar ein Schwede ist, alt, ein Lyriker mit schmalem Werk, erboste nicht nur viele Wetter, sondern auch Literaturkritiker und andere Geschäftemacher, vor allem in den USA, wo allerdings auch einige seiner heftigsten und warmherzigsten Bewunderer und Befürworter leben.


Die Reaktionen auf die Preisverleihung sagen weniger aus über den Ausgezeichneten als den Betrieb. Tomas Tranströmers (15.4.1931) Werk umfasst etliche Lyrikbände seit 1954, die in viele Sprachen übersetzt sind (interessant, dass in den USA von über 60, in England ca. 40, in Österreich von über 30 gesprochen wird!), aber natürlich nicht so massenbekannt sind, vor allem nicht außerhalb Schwedens, wie die Werke der erfolgreichen Schriftsteller, der Romanciers.

Neu auch, dass nicht nur in England, wo über alles gewettet wird, sondern auch in Schweden und anderen Ländern die Preisverleihung zum Wettgeschäft wird wie im Sport. Ein Symptom?

Wer hat aber die Wette gewonnen? So eine Preisauszeichnung kann nie gerecht sein. Allein schon mit dem Begriff «gerecht» operieren zu wollen ist untauglich. Es ist müßig auf- und abzurechnen. Trotzdem werden Vorhaltungen gemacht, wird nicht nur verglichen, sondern auf- und abgewertet.

Dabei wirkt Ideologie auf die Argumentation. Das ist nicht neu. Das ist seit dem Beginn so (1901). Es geht um Literaturpolitik. Und, natürlich, um Politik. Oft wird die Wahl des Preisträgers oder der Preisträgerin zu einem Politikum, das Nationen spaltet, Lager bildet, Feldzüge von Unterstützern und Gegnern mobilisiert. Natürlich nicht primär wegen der Literatur, sondern wegen der symbolischen Bedeutung, die die Auszeichnung verleiht, wegen der Instrumentalisierung, die mit ihr einhergeht.

Vor allem die Amerikaner, nicht zimperlich in ihrem Weltvertretungsanspruch, sind rasch zur Stelle, wenn wieder einmal nicht einer ihrer Weltautoren ausgezeichnet wird. «Nobel Jury blows it again with obscure Swedish poet» höhnt Ms. Anderson (Bloomberg). Er möge ja sogar ein ganz guter Dichter sein, aber die Wahl beweise eine perverse Präferenz für obskure Autoren, die politisch korrekt oder eigentlich unlesbar seien, wie z. B. Elfirede Jelinek. Das alles beschädige die eigene Glaubwürdigkeit und unterminiere die Sache, wofür der Preis stehe.

In der Washington Post fragen die Herren Farhi und Charles schlicht «Who? And huh?», während in der New York Review of Books Tim Parks generelle Überlegungen zur Sinnhaftigkeit des Nobelpreises anstellt: «What's wrong with the Nobel prize in Literature». Seine Ausführungen haben etwas an sich, weil er seriöse Fragen stellt und nicht bellt wie Miss Hephzibah Anderson und Ihresgleichen.

Warum nicht Philip Roth, Thomas Pynchon oder Bob Dylan? Weshalb nicht, wenn schon ein Europäer, Umberto Eco? Warum nicht ein Araber, jetzt, zum Niedergang des arabischen Frühlings eine politische Ermunterung durch die Auszeichnung des syrischen Dichters Adonis? Warum keine Autorin aus Bangladesh, den Fidschi Inseln oder aus Burma, Tschetschenien, Iran? Warum nur, warum nicht?

Wollte man politisch korrekt sein, dürfte der Literaturnobelpreis nicht mehr verliehen werden, weil es nie möglich sein wird, DEN weltweit bedeutendsten Literaten auszuwählen. Was früher aber gewusst wurde und selbstverständlich war, wird heute durch eine scheinheilige politische Korrektheit mit einem fadenscheinigen Objektivitätsbegriff, der sich mit einem befremdlichen Gerechtigkeitssinn paart, derart problematisiert, dass kein positives Ergebnis mehr möglich ist.

Würden die Kritiker dieselben Maßstäbe an ihre Profession und ihre Arbeit anlegen, müssten auch sie verstummen, weil es keine objektive, gerechte Kritik geben kann.

Während es einem also unbenommen sein soll, Bob Dylan zu favorisieren, so auch anderen das Gegenteil. Und was hätte die Welt gewonnen, wenn nicht Jelinek bedacht worden wäre, sondern eine andere Frau? Umgekehrt, hat die Weltliteratur Schaden genommen, weil Jelinek ausgezeichnet worden war?

Und wenn sie noch so unlesbare Literatur veröffentlich hat, wie einige reklamieren, zeigt das nur auf, dass Literatur, anders als naturwissenschaftliche Arbeit, eben nicht eindeutig bewertbar ist. Das gilt aber für jede Literatur von überall. Nur noch regionale oder nationale Preise? Viele plädieren dafür. Aber da Kultur auch Politik ist, wird es wohl über- oder transnationale Preise geben. Ihre Bedeutsamkeit hängt dabei weniger von der Qualität der Literatur ab, sondern vom Politikum. Aber auch das ist nicht neu.

Ich persönlich bin hoch erfreut mit der Wahl. Ein Lyriker, ein Dichter, wurde für sein relativ schmales, aber beeindruckendes Werk geehrt. Qualität vor Quantität! Exzellent! Ich wäre, muss ich gestehen, erschrocken gewesen, hätte Bob Dylan den Preis erhalten. Alles ist möglich, anything goes. Aber es hätte mich verwundert. Dass nicht ein konsumtüchtiger, marktgeiler Typ und seine Massenware die Auszeichnung erhielt, sondern ein Dichter, den es zu finden gilt, dessen Worte sich anzueignen nicht so leicht unterhaltsam vonstatten geht, sondern Einlassen bedeutet, befriedigt mich. Wenn das Politik war, dann für einmal gute.

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