Neudenk

16.10.2011 Haimo L. Handl

Gleich zu Beginn der Frankfurter Buchmesse gab es einen «Open Talk» im «Open Space» auf der Agora zum Thema «When ideas meet: Wie wird aus Begegnungen neues, innovatives Denken»


Gute Frage, aufs erste Hören. Die Buchmesse ist die größte ihrer Art und der umtriebigste Umschlagplatz; hier werden die meisten Lizenzen verkauft, Verträge geschlossen und Besucher informiert. Trotz Krise läuft alles gut. Das E-Book macht einige nervös, ist aber der wichtige Marktimpulsgeber. Es geht um Neues. Es geht um Altes: Profit. Das mag man vielleicht nicht mehr hören. Aber es bestimmt.

Ironisch fand ich, dass die Vertreter des uralten Kulturguts Buch, der uralten Kulturtechnik Lesen, also des Umgangs mit Sprache, sich dabei einer Newspeak bedienen, die eigentlich desavouiert. Im Programm der Buchmesse ist zum «Open Talk» zu lesen: «Neues Denken entsteht durch neue Verbindungen: Durch die Verknüpfung unserer eigenen Gedanken mit denen anderer kommen neue, möglicherweise große Ideen zustande. Wie wird aus einer Begegnung unterschiedlicher Sichtweisen eine neue Herangehensweise? Bringt Konvergenz verschiedener Disziplinen wirklich produktive neue Ansätze?»

Das klingt wie aus einem Managementseminar. Geschult und schulend. Beispielhaft. Lehrreich, lauter, dynamisch, zukunftsorientiert. Innovativ eben. Zumindest in eine bestimmte Richtung. Mir schien, hier handelt es sich um ein neues Denken als Neudenk, ähnlich dem neuen Sprechen als Neusprech: Newthink just like newspeak.

Es wird, korrekt, unterschieden zwischen «neu» und «innovativ». Aber es wird von der Möglichkeit der Gedankenverbindung gesprochen, und zwar eigener und fremder. Das ist unmöglich. Damit Gedanken interpersonal kommuniziert werden können, müssen sie medialisiert werden, also Ausdruck über Sprache oder andere Symbolsysteme erfahren. Kein Gedanke eines Anderen ist für einen Anderen denkbar, wissbar, verbindbar. (Für viele ist nicht einmal selbst, intrapersonal, eine komplexe Verbindung möglich...)

Also wird das metaphorisch gemeint. Aber die Kürze führt auch zu Fehlschlüssen. Etwas Neues denken ist noch nicht unbedingt etwas Innovatives denken. Innovation bestimmt sich von einer Absicht oder von Absichten, einem Ziel. Neu könnte alles sein, was zuvor nicht gedacht worden war. Das Gedachte als Neues ist nicht unbedingt innovativ. Ob etwas Gedachtes produktiv ist, hängt wieder von anderen Kriterien ab. Es kann auch ein «neuer Ansatz» (was ist ein «Ansatz»? eine neue Sicht?) zu keinem brauchbaren, produktiven oder produktiveren Ergebnis führen.

Bei der einstündigen Denkdemonstration als Diskussion wurden Meinungen als statements geäußert, die im hauseigenen Blog gerafft nachlesbar sind. Sie werden als Diskussionsergebnis gehandelt. Aber solche Talks, die sogar als «open talk» bezeichnet werden (wer wird schon einen «closed talk» offerieren?), sind Demonstrationen, die so tun, als ob sie Diskussionen seien. Auch wenn der Titel sich amerikanisch modern gibt, «When ideas meet», trafen nur Meinungen aufeinander, weniger Ideen. Nicht jede Meinung ist eine Idee. Oder alles, was kommuniziert ist, wird als Idee gesehen. Das entwertet aber den Begriff der Idee.

Wie und wann bemisst man eine «große Idee»? Wenn sie neu ist? Für wen neu? Wie kann etwas groß sein, das sich im Rahmen der Profitgesellschaft produktiv-innovativ orientiert bewegt? Ist nicht gerade DAS die Erfüllung des Vorgegebenen?

Warum sprachen die Teilnehmer überhaupt Deutsch? Wären neue Verbindungen nicht eher über eine andere Sprache, die vielleicht anderes Denken determiniert, eher möglich?

Gut, sie machen Kompromisse mit dem anerkannten, geübten Denglisch. Aber das ist zu wenig. So lange sich die Protagonisten so gut verständigen innerhalb einer Stunde, erfüllen sie ein Programm, bleiben sie im Rahmen. Was soll da neu sein? Die Antworten sind alle nicht neu. Wir haben sie oft gehört, gelesen, vorgesagt bekommen. Das wertet sie nicht per se ab. Aber auch nicht auf.

Es zeigt sich: Auf einer Messe, einer Geschäftsaktivität, kann nur bestimmtes Neues, bestimmtes Innovatives erreicht und vermittelt werden. Alles, was das gewünschte, anvisierte, erwartete Neue störte, wird nicht zugelassen. Falls es doch geäußert würde, entsorgte man es als unvernünftig, bizarr, abwegig etc. Die bekannten Sätze, das Ritual des «open talks», sichern diesen Vorgang. Es geht um als-ob. Das Neue entpuppt sich als nicht so neu. Neues Denken? Sicher, ja, als Neudenk.

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