Wutbürger

23.10.2011 Haimo L. Handl

Eigentlich wollte ich über das neue Protestklima schreiben, über die Occupy-Bewegung, den sich langsam aber kontinuierlich ausbreitenden Protest gegen die Hochfinanz, gegen die Unfähigkeit der Politik, gegen die Ausbeutung, den Betrug. Was für einige (noch) keine Bewegung ist, sondern ein neidischer Jammerhaufen, ist für andere das Heraufdämmern einer Revolte. Jedenfalls ein Signal, das nicht mehr simpel übersehen und weggeredet werden kann.


Doch dann wurde Gaddafi ermordet. Die Jubelmeldungen aus Libyen, aber auch aus den westlichen Ländern, zeigten den Hass, den atavistisch fundierten Untergrund barbarischer Inhumanität ungeschminkt. Unrecht als Recht, Mord als Heldentat, böse, primitive Freude als Freiheitserfolg. Pervers, diese Umkehrung der Werte, auch von vielen westlichen Medien, die in Blutbildern schwelgen.

Mich widert die archaische, dunkle, böse, barbarische Unmenschlichkeit dieses Packs, dieser Bagage, zutiefst an. Was ist von solchen Leuten zu erwarten? Nur Negatives. Heute grölen, heulen und schreien sie so, morgen anders. Aber sie wüten. Einmal als Opfer, einmal als Täter, die sich nicht nur keiner Schuld bewusst sind, sondern sich als Rechtschaffene verstehen. Die Vernunft ist ausgesetzt. Es triumphiert die bedenkenlose Tat. Und die Helfershelfer machen ihre Geschäfte.

Dieser Bodensatz von Niedrigkeit ist nicht auf die islamische Welt beschränkt. Die Amerikaner, Leitmacht des Westens und selbsternannte Weltpolizisten, exerzieren es seit Jahren vor, wie dehn- und biegbar «westliche» Rechtsauffassungen und Grundsätze sind: Sie foltern im eigenen Land und im Ausland, ganz besonders in kontrollierten Territorien. Sie verüben Terrorakte, wie zuletzt die schmachvolle Tötung ihres Hauptfeindes Bin Laden. Sie führen die meisten Kriege und hängen dann einen Gedemütigten, dem sie zuvor Geld und Waffen verkauft hatten.

Auch dem ärgsten Feind wünschte ich keine solche Behandlung. Sie widerspricht ganz einfach allem reifen Denken, widerspricht der minimalen Beachtung der Menschenrechte bzw. dem, was wir bis anhin unter Rechtsstaatlichkeit verstanden.

Der Hinweis, es habe sich ja um Diktatoren gehandelt, ist Hohn. Gemessen an den zu verantworteten Toten oder sonstwie vernichteten Existenzen müssten etliche amerikanische Präsidenten, Expräsidenten und Politiker gejagt und gelyncht werden, miese Typen in einigen europäischen Ländern, in Afrika, Asien und Südamerika. Wir hätten ein Tötungsfestival, das den Guillotine-Zirkus der Französischen Revolution in den Schatten stellte, und auch den unsäglichen Terror Stalins.

Das unterscheidet reife Leute und rechtsachtende Regierungen von der Barbarei und ihrem heulenden Mob: Sie zahlen nicht Auge um Auge gleichwertig heim, sondern ahnden nach rechtlichen Normen und Formen, die dem subjektiven Rachebedürfnis Einhalt gebieten. Nichts davon heute. Weder dort noch hier. Das ist bedenklich und skandalös zugleich.

Diese Haltung hat sich lange vorbereitet. Antiaufklärerisch, gegenvernünftig, instinkt- und trieborientiert wurde über Jahre die Politik der Emotionen, die Vorherrschaft des «Bauchs» (früher war es das Herz, was dem Hirn entgegenstand, heute ist es in die untere Region gerutscht!) gefördert. Auch bei uns weisen Vorzeichen auf eine Verrohung, die nicht als solche erkannt und gedeutet wird: Keine Verjährung! Im gutmenschlichen Sinne wird unverjährbarer Rache das Wort geredet. Es geht um die Befriedigung tief sitzender Strafbedürfnisse.

Geschieht ein grausiges Gewaltverbrechen, wird sofort gesellschaftlich verallgemeinert. Nach dem Bekanntwerden der Fritzltaten urteilten sonst vernünftig Publizierende, dass sie sich schämten, Österreicher oder gar Amstettener zu sein, dass es sich bei uns um eine «Kellergesellschaft» im Sinne Priklopils und Fritzls handele. Diese Pauschalierung speist Vorurteile und nicht differenziertes Nachdenken und Urteilen. Es wird eine Art Verrohung gepflegt, wenn auch von der Gegenseite.

Bei Vergewaltigungen und Missbräuchen wird, bevor überhaupt durch präzise Nachforschung der Wahrheitsgehalt erbracht ist, soweit das überhaupt möglich ist, sofort ge- und verurteilt. Wie lange bleibt es noch bei verbalen Attacken? Wann folgt diesem Hass, dieser Wut, die Tat?

Als in Youtube ein Video aus China vom «Unfall» eines kleinen Mädchens verbreitet wurde, dem lange niemand half, einfach vorbeiging oder -fuhr, machte sich weltweit Wut breit. So schlimm der Vorfall war, zeigen die hunderten Kommentare eine noch verwerflichere Haltung des Hasses und der pauschalen Verurteilung der ganzen chinesischen Gesellschaft. Mord-Vergeltungsphantasien wurden in rüdestem Ton geäußert. Wenn ich mir vorstelle, dass solche Personen in die Lage kommen, ihrem Undenken und Reden Taten folgen zu lassen, verwundert mich weder das politische Unvermögen in unseren Gesellschaften, noch der nächste Bürgerkrieg. Die borniertesten Vorurteilshaltungen scheinen zu regieren. Die Anonymität im Netz zeigt den wahren Geist offener, als die anders gefilterten Medien.

Wutbürger allerorten. Die Unterscheidung von Protest und böser Rache wird schwieriger.

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