Viridiana

24.11.2011 Walter Gasperi

1961 gewann Luis Buñuels «Viridiana» in Cannes die Goldene Palme – und sorgte gleichzeitig für Skandale, wurde in Spanien sofort verboten und kam auch in der BRD nur in einer gekürzten Fassung in die Kinos. Das Label Pierrot le Fou hat dieses bissige Meisterwerk, das zu den bedeutendsten Filmen Buñuels zählt, auf DVD herausgebracht.


Zum ersten Mal seit 24 Jahren kehrte Luis Bunuel 1960 in seine spanische Heimat zurück. Als er die Einladung der Produktionsfirma Uninci annahm in Spanien zu drehen, warf die exilierte Linke Buñuel vor mit dem franquistischen Regime zu kollaborieren. Die Zensur verlangte auch nur wenige Änderungen am Drehbuch, pikanterweise ist der Film laut Meinung des Regisseurs aber dadurch noch schärfer geworden.

Im Mittelpunkt der Handlung steht die junge Nonne Viridiana (Silvia Pinal), ein engelhaftes blondes Wesen, das sich der Welt ganz ab- und nur Gott zuwenden will. Nur auf Druck der Oberin besucht sie vor Ablegen des Gelübdes noch einmal ihren Onkel (Fernando Rey) auf seinem Landsitz. Als dieser sie drängt, ihn zu heiraten, sogar andeutet sie in der Nacht missbraucht zu haben, verlässt Viridiana geschockt das Haus. Schuldgefühle stellen sich bei ihr aber ein, als sie wenig später erfährt, dass der Onkel Selbstmord begangen hat.

Statt ins Kloster zurückzukehren, will sie nun auf dem Hof, den ihr der Onkel vermacht hat, Gutes tun, will ihn zu einem Heim für Bettler, Obdachlose und Krüppel machen. Miterbe ist Jorge (Francisco Rabal), der uneheliche Sohn des Onkels, der von solchen Akten der Nächstenliebe nichts hält, sondern den Hof wieder wirtschaftlich in Schuss bringen will. Und der Film gibt ihm recht, denn die soziale Aktion Viridianas entpuppt sich bald als Fehlschlag: In Abwesenheit der Herren feiern die Bettler im Speisesaal eine wilde Orgie und versuchen bei der Rückkehr Viridianas und Jorges ihre Wohltäterin sogar zu vergewaltigen.

Viridiana muss einsehen, dass sie mit ihrer Wohltätigkeit die Welt nicht verändern kann, da dieses Lumpenproletariat gar nicht an einer Veränderung interessiert ist, sondern nur auch einmal – oder auch auf Dauer - die Rollen der Reichen spielen will und dabei keine Hemmungen kennt. Desillusioniert wendet sich Viridiana – im aufgelösten Haar und starren Blick spiegelt sich ihre innere Erschütterung und Enttäuschung - Jorge zu: Mit ihm und seiner Geliebten, deren Stelle sie wohl bald einnehmen wird, beginnt sie Karten zu spielen.

Mehr noch als durch die bloße Handlung gewinnt «Viridiana» Biss und provokative Wirkung, aber auch seine Meisterschaft durch Details und einzelne Szenen. Legendär ist das Gelage der Bettler, bei dem Buñuel da Vincis «Das letzte Abendmahl» kopiert und damit eine religiöse Szene, aber auch ein Meisterwerk der Kunstgeschichte parodiert. Verstärkt wird der Sarkasmus dabei noch durch die musikalische Untermalung mit dem «Hallelujah» aus Händels «Messias», das im Vorspann als Lieblingsmusik des Onkels vorgestellt wurde.

Aber auch neben dieser Szene fehlt es nicht an irritierenden, teils surrealen Details. Irreal wirkt die Szene, in der Viridiana auf Wunsch des Onkels im weißen Hochzeitskleid seiner verstorbenen Frau auftritt. Mit dem Strick, mit dem sich der Onkel erhängt hat, spielt bald die Tochter des Dienstmädchens – und zwar exakt an der Stelle des Selbstmords – Seilhüpfen und gegen Ende wird Viridiana versuchen sich mit diesem Strick gegen ihren Vergewaltiger zu wehren. In einer brillanten Montagesequenz stellt Buñuel die Aufbauarbeit am Hof den Gebeten der Bettler gegenüber und, wenn Viridiana am Ende ihre Haltung ändert, wird im Hof eine Dornenkrone verbrannt.

Jeden Glauben an den Sinn von Barmherzigkeit raubt einem da aber schon die kleine Szene, in der Jorge einen geschundenen Hund freikauft, während man schon in der nächsten Einstellung einen anderen Hund sieht, der genauso behandelt wird.

Als Bonusmaterial bietet die von Pierrot le Fou herausgegebene DVD die dreißigminütige Arte-Dokumentation «Cinéastes de notre temps – Luis Buñuel“ sowie ein Booklet mit Passagen zu »Viridiana« aus Buñuels Autobiographie »Mein letzter Seufzer« und einen Artikel aus »Der Spiegel«, der 1961 zur Uraufführung des Films erschien.

»Abendmahlszene« aus »Viridiana"

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