Melancholia

29.11.2011 Walter Gasperi

Einen schönen Film über den Weltuntergang hat Lars von Trier angekündigt. Nicht nur gehalten, sondern übertroffen hat der Regisseur, der beim Filmfestival von Cannes mit seinem Nazi-Sager für mehr Aufregung sorgte als mit seinem neuen Meisterwerk, sein Versprechen. Bilder von überwältigender Schönheit findet der Däne für die Katastrophe. Der Zusammenprall des Planeten Melancholia mit der Erde dient aber nur als Hintergrund für ein mit bissiger Gesellschaftskritik versetztes Porträt zweier gegensätzlicher Schwestern.


Frontal in die Kamera blickt die von Kirsten Dunst gespielte Justine. Depressive Stimmung spricht schon aus ihrem Blick. Im Hintergrund fallen tote Vögel auf die Erde und zur Ouvertüre von Richard Wagners «Tristan und Isolde» folgen acht Minuten lang überwältigend schöne, surreale Bilder der großen Katastrophe.

Als Ahnung oder Traum Justines, in dem das Ende vorweggenommen wird, ist dieser Auftakt zu lesen. Von der Großaufnahme von Justines Gesicht springt der Film in die Totale und erfasst einen perfekt angelegten Park mit einer Sonnenuhr in seiner Mitte und dem Meer im Hintergrund. Brueghels Bild «Die Jäger im Schnee» geht leinwandfüllend in Flammen, Justines Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) schleppt sich in Zeitlupe mit ihrem Sohn Leo (Cameron Spurr) knöcheltief im Gras einsinkend vorwärts, ein schwarzes Pferd bricht auf der Wiese zusammen, aus Justines Finger züngeln kleine Blitze, dann versucht sie im weißen Hochzeitskleid zu flüchten, doch lange Wurzeln scheinen sie zurückzuhalten und bald liegt sie, den Brautstrauß in den Händen, wieder mit Blick direkt in die Kamera in einem Gewässer. Von diesen Bildern springt der Film in den Weltraum, zeigt das sich Nähern des Planeten Melancholia, der zehnmal größer als die Erde ist, den Aufprall - auch als Vereinigung kann dieser Moment gelesen werden -, durch den die Erde ausgelöscht oder verschluckt wird.

In der Kombination dieser in Zeitlupe gehaltenen Bilder mit der todessehnsüchtigen Musik von Wagner scheint der Film oder auch Justine und letztlich natürlich auch Lars von Trier diese Katastrophe geradezu herbeizusehnen. Als Alter Ego des Regisseurs ist diese junge Frau zu sehen, die wie er selbst an Depressionen leidet.

Ganz neu beginnt «Melancholia» nach diesem grandiosen wortlosen Prolog, der die folgenden 120 Minuten nicht nur überstrahlt, sondern auch einen Schatten der Ausweglosigkeit über das Folgende legt. Kein Vorspann gibt es, nur den gewohnt in grauem Gekritzel gehaltenen Titel und den Namen des Regisseurs, ehe mit dem Insert «Teil eins: Justine» die eigentliche Handlung einsetzt.

Aus ihrer psychischen Krise versucht sich die junge Frau durch eine Heirat mit Michael (Alexander Skarsgård) selbst herauszuziehen. Doch schon die Fahrt zur Feier des prachtvollen Landsitzes von Justines steinreichem Schwager John (Kiefer Sutherland) verheißt nichts Gutes. Denn mit der endlos langen weißen Stretchlimousine gibt es beim Manövrieren auf der schmalen Zufahrt Probleme. Hautnah ist die Handkamera an den Figuren, erfasst mit unruhigen Bewegungen jede Regung im Gesicht, erzeugt ganz im Dogma-Stil Unmittelbarkeit.

Macht sich von Trier schon in dieser Szene über bürgerliche Feste und Rituale lustig, so steigert sich der satirische Einschlag noch bei der Schilderung der Hochzeitsfeier. Perfekt organisiert haben Justines Schwester Claire, die scheinbar durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist, und ein Hochzeitsplaner (Udo Kier) zwar das Fest, doch Braut und Gäste spielen da nicht ganz mit.

Da befetzen sich die längst geschiedenen Eltern (Charlotte Rampling und John Hurt) der Schwestern, Justine zieht sich ins Bad zurück statt die Hochzeitstorte anzuschneiden, pinkelt auf den Golfplatz und verweigert sich dem Bräutigam, während sie es andererseits auf dem Golfplatz mit einem Kollegen treibt. Auf das Paar wird angestoßen, eine dämliche Bohnen-Schätz-Lotterie wird gespielt, Justines Boss hält eine Rede auf sie und deutet eine Beförderung an, doch sie wird ihn wenig später als «widerwärtigen, machtgierigen kleinen Mann» beschimpfen.

Die Feier endet folglich im Desaster, vorüber ist so die Ehe, bevor sie wirklich begonnen hat, und auch der Job ist wohl futsch. Mit bösem Witz rechnet von Trier mit gesellschaftlichen Ritualen ab, macht Abgründe hinter der Fassade sichtbar. Glänzend ist die Oberfläche, edel die Kleider, jede Einstellung leuchtet in warmen Gold- und Brauntönen. Unübersehbar ist auch der Bezug zu Thomas Vinterbergs Dogma-Klassiker «Festen», den von Trier hier variiert und auch parodiert.

Wie ein Gegenpol zu diesem Blick auf die Gesellschaft wirkt der zweite Teil, der den Titel «Claire» trägt. Die Katastrophe der Hochzeit hat Justine scheinbar endgültig in eine Depression getrieben. In kalte Blau- und Grautöne ist dieser Abschnitt getaucht, sodass auch die visuelle Oberfläche triste Stimmung und Beklemmung vermittelt. Gemeinsam ist beiden Teilen der Landsitz, der der einzige Schauplatz von «Melancholia» bleibt. Wie in Luis Bunuels «Der Würgeengel» werden ihn die Schwestern bald nicht mehr verlassen können. Justines Pferd Abraham wird auch mit harten Schlägen nicht gezwungen werden können, eine Brücke zu überqueren, und an der selben Stelle wird auch der Motor des Golfwagens, mit dem Claire zu flüchten versucht, absterben.

Eine unbestimmte Zeit ist seit der Hochzeit vergangen, als Claire Justine wieder auf den Landsitz einlädt. In der Abgeschiedenheit soll sich die depressive Schwester erholen. Von kurzen Auftritten des Hausangestellten abgesehen, kommen in diesem intimen und leisen Teil von «Melancholia» nur Claires Familie und Justine vor. Nicht mehr die Gesellschaft, sondern das Individuum steht im Zentrum, vor allem die beiden Schwestern. Der sich nähernde Planet, der Justine während der Hochzeitsfeier beunruhigte, ist nun auf unmittelbarem Kollisionskurs mit der Erde.

Während Claire zunehmend Ängste quälen, wird Justine immer ruhiger und scheint das Ende geradezu herbeizusehnen. Nackt liegt sie bei Mondlicht im Wald, als ob sie sich dem Planeten anbieten möchte, und erklärt ihrer Schwester: «Die Erde ist schlecht. Wir müssen nicht um sie trauern. Niemand wird sie vermissen.» Entkommen wird niemand der Katastrophe, doch gelassen wird Justine ihr entgegen gehen, wird auch dem kleinen Leo die Angst nehmen, wenn sie mit ihm aus Holzstangen eine «Zauberhöhle» baut, in der sie Hände haltend warten werden, bis alles in Flammen aufgeht und von Trier die Zerstörungswelle von der Leinwand in den Zuschauerraum fluten lässt.

Wie schon «Antichrist» bringt auch «Melancholia» eine Aufarbeitung der Depression des Regisseurs. Der Planet ist hier in erster Linie eine Metapher für die psychische Krankheit, steht für eine Bedrohung, die von außen auf den Menschen hereinbricht, ohne dass er sich irgendwie dagegen schützen könnte.

Doch wie Justine, deren Entwicklung von psychischer Labilität zu tiefer Depression Kirsten Dunst grandios vermittelt, immer mehr der Melancholie verfällt, so wird die von Charlotte Gainsbourg kaum minder eindrücklich gespielte Claire, die lange vernünftig und ruhig wirkte, zunehmend von Ängsten gequält. Und auch Claires Mann, der glaubt mit der Wissenschaft alles kontrollieren zu können, kommt mit den Tatsachen schließlich nicht zurecht.

Mag das Weltbild des Dänen aber auch noch so pessimistisch sein, so erzählt er von diesem Untergang doch in Bildern von geradezu überirdischer Schönheit. Es ist auch dieser Widerspruch der «Melancholia» zu einem zwar kühlen, aber auch faszinierenden Meisterwerk macht, das lange im Gedächtnis haften bleibt.

Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 1.2. + Do 2.2. - jeweils 20 Uhr; Fr 3.2. + Sa 4.2. - jeweils 22 Uhr (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Melancholia»

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