Alles andere ist Thunt!

15.02.2012 Rosemarie Schmitt

Vieles wurde in den vergangenen Wochen über Friedrich den Großen geschrieben. Schlechtes und Gutes, Schönes und Häßliches. Für die einen war er der Große Feldherr, für die anderen der musische König. Für seinen Vater, ein Mann von gänzlich anderer Façon, war Friedrich der, «…der sich frisiert wie ein Narr, seine Haars nicht verschneidet, Grimassen schneidet und nicht leutselig is».


Das Haar also lang genug trug, damit ihn sein Vater daran in seiner Wut quer durchs Zimmer ziehen konnte, Grimassen, die der Sohn vielleicht schnitt, weil er mit einem Holzknüppel traktiert wurde...

Während ich diese spezielle CD höre, ist es mir schier unmöglich, an die herzlosere Seite Friedrich des Großen zu denken. Jener Musik liebende Friedrich war es, der den Grundstein zum Bau der Berliner Oper Unter den Linden legte, und zwar gleich nach seinem Regierungsantritt. Was die Auswahl des Ensembles und der Solisten betrifft, hatte er ganz klare Vorstellungen, die es für eben diese zu erfüllen galt. Da konnte er sich auch schon mal im Ton vergreifen, der musikalische Herr König. So schrieb er über eine Sängerin namens Casparini:

«Eine Canaille hierher kommen zu lassen, die fukst aber nicht Sinkht, ist nicht die Mühe werth! Sie alte hure Casparini sinkt noch Quasi. (...) Ob sie Canaille oder Racaille heist, ist mir Thunt, sie mus aber Singen Könen (...) und lieber Solche vohr Künftigen Winter, als Schlechte vohrs Frühjahr.» (sic) (aus Frank Huss, Grosse Komponisten Grosse Schwächen).

Diese spezielle CD, die ich eingangs erwähnte, ist eine ganz besondere unter den vielen, die anläßlich des 300. Geburtstages des Alten Fritz den Musikmarkt überschwemmten. CHRYSTAL- Classics (Delta-Music / Vertrieb Q-rious) präsentiert mit dem Titel «Friedrich II der Große und seine Hofkomponisten» eine wunderbare Aufnahme. Wunderbar, weil nicht einen Takt lang die Vermutung nahe liegt, diese Einspielung sei entstanden, um ein Stück des Geburtstagskuchens abzubekommen und die Gunst der Stunde zu nutzen, den ein oder anderen Solisten nochmals ins rechte Rampenlicht zu setzen oder zu stellen. Nein, das Kammerorchester «Carl Philipp Emanuel Bach», die Berliner Barock-Compagney und die Solisten Eckart Haupt, Manfred Friedrich, Christine Schornsheim spielen unter der Leitung von Hartmut Heinischen, spielen wundervoll selbstverständlich, doch niemandem etwas vor! Keine Marketingstrategie, keine Jubiläums-Verpflichtung, keine Profilierungs-Neurosen, sondern ehrliche Musik des Preussen-Königs und seiner Hofkomponisten.

Eine wunderbare Gelegenheit auch für mich, mit dieser Aufnahme meine CD-Besprechungen zum Geburtstage Friedrichs II zu beenden. Lassen Sie uns diese Musik genießen und gönnen wir dem Alten Fritz ein wenig Ruhe. Apropos Ruhe: Ist Ihnen bekannt, daß Friedrich der Große nach seinem Tode häufiger umzog als zu Lebzeiten? Seine postmortalen Adressen (obschon es der Post gleichgültig gewesen sein wird): bis 1945 Garnisonskirche zu Potsdam, bis 1952 Elisabethkirche zu Marburg, bis 1991 Burg Hohenzollern und seit dem 17. August 1991 in der Gruft auf der Terrasse des Schlosses Sanssouci.

Ich glaube, dort sollte man ihn nun endlich lassen. Seine Ruhe möchte der Alte Fritz halt, alles andere ist ihm nun wahrscheinlich ohnehin «Thunt»!

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

  • CD 'Friedrich II - Der Grosse', Chrystal Classics
  • Der junge Friedrich
  • Adolph Menzel: Freistunde mit Wind- und Flötenspiel
  • Hartmut Heinischen

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