wider die kleingeister

03.03.2012

natürlich ist in kleingeschrieben alles klein geschrieben. raimund bahr schrieb ein journal. eine art tagebuch also, dessen titel an sehr berühmte (in der regel französische) bücher dieser gattung erinnert. der in wien geborene und aufgewachsene raimund bahr lebt seit über einem jahrzehnt in st. wolfgang, auf der oberösterreichischen seite des wolfgangsees. er betreibt dort einen kleinen literaturverlag, der zeitgenössische texte, viele essays und lyrikbände und vor allem eine reihe von informativen biografien veröffentlicht.


essayistisch und biografisch hat bahr bereits auf sich selbst aufmerksam gemacht, doch mit kleingeschrieben legt er ein buch vor, das einerseits literarisch ist und viele essayhaften züge aufweist und sich andererseits die lockere, gewissermaßen unstrukturierte struktur von tagebuchaufzeichnungen zunutze macht. so verbindet sich profan persönliches, «ich mag es nicht in hotels zu übernachten. vor allem die erste nacht ist immer die schlimmste», mit kritischen überlegungen, «die politischen eliten sind gar nicht mehr in der lage anders als in öko-nomischen kategorien zu denken. alles was geschieht wird unter ökonomischen gesichtspunkten diskutiert. (...) die politik hat in ihrem handeln kaum mehr spielraum weil die ökonomie alle lebensbereiche erfasst hat.» und mündet vereinzelt in geradezu lyrische empfindungen: «und ich werde wohnen wo schiller wohnte. ganz hoch oben. thronend über dem neckar. und es wird sein wie damals im neunzehnten jahrhundert. kein fernsehen. kein radio. doch eines wird anders sein. ich werde meinen laptop dabei haben. er wird mir die stillen abende vertreiben an einem ort wo mich niemand kennt.»

raimund bahr sieht sich keineswegs als jemand, der sich in einen künstlerischen elfenbeinturm zurückzieht, sondern er involviert sich gesellschaftlich und politisch. er betätigt sich aktiv im st. wolfganger gemeinderat und kandidierte vor ein paar jahren sogar bei den bundespräsidentenwahlen, aus dem gedanken heraus, es müsse aus demokratischen gesichtspunkten heraus eine alternative geben – wobei er allerdings die hürde der mindestzahl an unterstützungsunterschriften nicht schaffte. das politische engagement des gelernten historikers und germanisten blitzt aus den meisten der kleingeschriebenen seiten. man erfährt aufschlussreiches und oft auch aufschreckendes aus der welt der staatslenkung und beginnt in gewisser weise zu verstehen, warum die politik in unserem land so ist, wie sie ist. dem setzt der autor die litera-tur entgegen. aber: «literatur behauptet dass das individuum sich gegen die welt die ihm als einheit entgegentritt durchsetzen muss. das individuum leidet an der einsamkeit am ausgesto-ßensein an der andersartigkeit. fehlt dem autor ein ganzes kann er einen menschen nicht mehr darstellen. dann fehlen ihm die ankerpunkte. dann kann er nur mehr über ein phantom schreiben. über scheinexistenzen.»

in stilistischer hinsicht hat raimund bahr ein faible für reduktionen. dazu gehört selbstverständlich die durchgehende kleinschreibung. außerdem mag er keine kommata und lässt sie deshalb gleich zur gänze weg. den lesefluss bremst diese technik höchstens am anfang, solange sie nämlich noch ungewohnt ist. bald aber entwickeln die texte einen ganz eigenen sog, und die aufteilung in relativ kurze, zumal selten länger als halbseitige prosastücke und somit gut verdauliche literaturhäppchen trägt sehr zu einer angenehmen lektüre bei. natürlich ist in kleingeschrieben alles klein geschrieben. doch wer genauer hinschaut, merkt bald, dass diese wider die kleingeister unseres landes geschriebenen zeilen so manch Großes in sich bergen.

Raimund Bahr: kleingeschrieben. Journal, 178 Seiten. Edition Art Science, St. Wolfgang-Wien 2011; ISBN 978-3-902157-87-4

Klaus Ebner

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  • Cover Raimund Bahr'kleingeschrieben', Edition AS

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