The Artist

06.03.2012 Walter Gasperi

Alle reden von digitalem Kino und 3D. Und dann dreht der Franzose Michel Hazanavicius nicht nur in Schwarzweiß, sondern auch noch einen klassischen Stummfilm - und triumphiert bei der Oscar-Verleihung. Gänzlich aus der Zeit gefallen ist «The Artist», doch eine schönere Liebeserklärung an das Kino und die Liebe als diesen mit unglaublichem visuellem und erzählerischem Einfallsreichtum und liebevoller Machart beglückenden Film wird man kaum finden.


An der Wende zum digitalen Kino erzählt Michel Hazanavicius von einer anderen großen Wende im Kino, vom Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm. Schon Stanley Donen und Gene Kelly haben in «Singin`in the Rain» (1952) von diesem Umbruch erzählt, Billy Wilder hat in «Sunset Boulevard» (1950) einen mit dem Aufkommen des Tonfilms abservierten Star in den Mittelpunkt gestellt, doch außer Mel Brooks in «Silent Movie» (1976) und Aki Kaurismäki mit wenig Erfolg in «Yuha» (1999) hat noch niemand gewagt, von dieser Glanzzeit des Kinos auch in Form eines Stummfilms zu erzählen.

Statt Dialogen gibt es bei Hazanvicius Zwischentitel, ein großartiger Soundtrack begleitet den Film, an wichtigen Stellen wird aber auch virtuos mit dem Ton gespielt. Denn «The Artist» ist zwar ein Film ganz im Geiste der klassischen Stummfilme, bedient sich aber auch modernster Techniken wie digitaler Effekte und brillanter Schwarzweißfotographie.

Schon das kleinere, fast quadratische 4:3-Format, in dem Stummfilme einst gedreht wurden, stimmt darauf ein, dass man hier in eine andere Welt und Zeit entführt wird. Mitten in die Premiere eines Stummfilms, in dem böse Sowjets versuchen den Protagonisten mit Elektroschock zum Sprechen zu bringen, wirft «The Artist» den Zuschauer, versetzt ihn in eine Filmszene und lässt ihn dann mit einem Gegenschnitt auf das im prächtigen Kinosaal – mehr Theater als Kino - gespannt dem Geschehen folgende Publikum blicken. Ein Diskurs über die Magie des Kinos, wird hier geführt, gleichzeitig wird in einer späteren Tonfilmszene dieser Andacht ein anderes Rezeptionsverhalten gegenüber gestellt.

Aber auch hinter die Bühne lässt Hazanavicius blicken, wo der Star George Valentin (Jean Dujardin) – ein Verschnitt von vielen US-Stars von Douglas Fairbanks über Errol Flynn bis Clark Gable (mit seinem Schnauzbärtchen) und Rudolfo Valentin - auf seinen Auftritt wartet. Provokant holt er vor dem weiblichen Star sein Hündchen auf die Bühne. Auf dem roten Teppich vor dem Kino, umgeben von Presse und weiblichen Fans, stößt er zufällig mit der jungen Peppy Miller (hinreißend: Bérénice Bejo) zusammen und bietet ihr die Möglichkeit bei einer kleinen Tanzszene mitzuspielen.

Man spürt, wie sich die beiden lieben, doch irgendwie kommen sie nicht zusammen, während Valentins Karriere mit Beginn des Tonfilms, auf den er sich nicht umstellen will, steil bergab geht, geht Peppy Millers Weg ebenso steil bergauf. Ein wunderbares Bild findet Hazanavicius dafür, wenn sie sich im Studio auf einer Treppe treffen, er gerade runter und sie hinauf geht.

Voll solcher treffender Bilder und Anspielungen ist «The Artist», die freilich immer großartig in die Handlung integriert sind, nie zum Selbstzweck werden. Wunderbar ist das Spiel von Peppy in Valentins Garderobe mit dessen am Kleiderständer hängendem Mantel, bei dem sie mit einer Hand dem Mantel das Leben Valentines einhaucht. Wenn der gesunkene Star über die Straßen geht passiert er ein Kino, in dem gerade ein Film mit Titel «Lonely Star» läuft und Peppy feiert Erfolge mit einem Film namens «Guardian Angel». Denn auch im Leben wird sie zum Schutzengel Valentins.

Ungemein liebevoll ist dieser Film ausgestattet, variiert im Eingang des fiktiven Kinograph-Studios das legendäre Portal der Paramount, setzt Kreisblenden ein wie in Stummfilmzeiten, arbeitet mit brillanten Montagesequenzen zur Verkürzung von Handlungsabläufen, zitiert lustvoll aber nie aufdringlich aus der Filmgeschichte.

So orientiert sich der Plot mit den gegenläufigen Karrieren unübersehbar an «A Star is Born», die Montagesequenz mit der zunehmenden Entfremdung des Ehepaars Valentine am Frühstückstisch ist eine Hommage an die parallele Szene in Orson Welles´ «Citizen Kane», in einer FilmimFilm-Szene erweist Hazanavicius Fred Niblos «The Mark of Zorro» seine Reverenz, das Valentin stets begleitenden Filmhündchen, das sich bei jedem mit dem Zeigefinger angedeuteten Schuss tot stellt, erinnert an die «The Thin Man»-Reihe, den treuen Chauffeur, der Valentine auch in der Krise nicht entlassen will, hat der Franzose wohl von Erich von Stroheims Rolle in Billy Wilders «Sunset Boulevard» übernommen.

Und wie dort die gefallene Norma Desmond schaut hier der zunehmend dem Alkohol verfallende Valentin in einem zum Kino umfunktionierten Zimmer seine einstigen Filme an. Unvergesslich ist das Schattenspiel, das hier vor der leeren Leinwand entfaltet wird, und in Bilder umgesetzt wird, was es heißt ein Schatten seiner selbst zu sein. – Da macht sich dann aber auch in ironischer Brechung der Schatten selbstständig. Ähnlich raffiniert spielt Hazanvicius vor einem Kleidergeschäft mit dem Spiegelbild, stellt dem eleganten Anzug im Laden, die heruntergekommene Kleidung Valentins vor dem Laden gegenüber, setzt so die Fallhöhe des Stars in Bilder um.

Denn bei allen melodramtischen Momenten und trotz des melodramatischen Plots wird «The Artist» eben kein schweres Melodram, sondern bleibt federleicht, fast ein Spiel mit dem Melodram, das gleichwohl die emotionale Tiefe eines Melodrams hat. Die Verschiebung in die Form des Stummfilms schafft eine Distanz, lässt ihn nie ganzs real erscheinen, sondern immer artifiziell und nimmt ihm dadurch alles Schwere.

Virtuos arbeitet Hazanavicius auch mit dem Ton. Gerade die Dominanz des Soundtracks macht die wenigen Momente der Stille umso eindringlicher und wahrhaft beklemmend ist Valentines Alptraum vom Einbruch des Tons. All das, was man sonst in diesem Film nicht hört, vom Geräusch eines umkippenden Glases bis zum Straßenlärm ist plötzlich präsent, irritiert und verunsichert. Und immer wenn der Star in eine Krise gerät, kippen auch die Perspektiven, verrückt die Welt im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Lot.

Nichts ist hier dem Zufall überlassen, genau gewählt ist das Datum der parallelen Erstaufführungen Von Peppy Millers erstem Tonfilm «Beauty Spot» und George Valentins selbst produziertem und inszeniertem Abenteuerfilm «Tears of Love». Am 25. Oktober 1929 bricht eben nicht nur seine Karriere ein, versinkt er nicht nur im Film im Treibsand und deutet «The End» nicht nur sein Ende an, sondern auch die Weltwirtschaft erlebt an diesem Tag den «Schwarzen Freitag».

Die Erklärung, wieso sich freilich Valentin so dem Tonfilm verschließt, spart Hazanavicius geschickt bis zum Ende auf, und lässt die Stummfilmzeit mit einer furiosen Steptanzszene, die ganz im Stil der Zeit und als Hommage an die Filme des Paars Fred Astaire und Ginger Rogers in wenigen langen frontalen Einstellungen gefilmt wird, in die Tonfilmzeit übergehen. Da gibt es dann keinen Zwischentitel mehr, sondern der Ton schleicht sich ein und es heißt in dieser überreichen Wundertüte, die man mit Gewinn auch mehrmals sehen kann und muss, «Ton ab» und «Action».

Läuft derzeit im Kino Scala in St. Gallen

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