Der Leichenverbrenner

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Juraj Herz erzählt in seinem 1968 entstandenen Schwarzweißfilm von einem Leichenverbrenner, der sich in der Tschechoslowakei der 1930er sukzessive mehr einer aufblühenden deutschen Partei anschließt. Das auf verstörende Filme spezialisierte Label «Bildstörung» hat dieses vergessene Meisterwerk auf DVD herausgebracht.

Irritierend ist schon der Beginn, wenn Juraj Herz extreme Großaufnahmen von Leoparden und Schlangen im Prager Zoo aneinander schneidet. Unterlegt ist diesen Bildern das Voice-over des Leichenverbrenners Karl Kopfrkingl (Rudolf Hrusínský), der seine Familie mit Frau und zwei Kindern vorstellt. Eingeschworen wird man mit dieser Eröffnung schon auf seinen Blick auf die Welt.

Perfekt scheint Kopfrkingls Familie und er selbst wird immer lächeln, als ob er keiner Fliege etwas zuleide tun könnte. Seine Stimme wird wie die Musik immer sanft bleiben, nie aufbrausend. Kühl und gelassen ist die Erzählweise und steht damit in starkem Kontrast zum Inhalt. In dieser Sanftheit kehrt der Film das verdrehte Innerste des Leichenverbrenners nach außen.

Als Liebestat an den Menschen sieht er seinen Beruf, weit humaner als eine Erdbestattung sei das Kremieren, bei dem im Gegensatz zum jahrelangen Verfaulen in 75 Minuten der Körper zu Asche zerfällt. In Scheinrechtfertigung seines Tuns durch den Buddhismus wird er schließlich weitergehen, wird auch den Tod von Juden als Erlösung von ihrem Elend propagieren.

Als Verführer taucht im Prag der 1930er Jahre Kopfrkingls Bekannter Reinke auf, der ihn für eine Partei, die in Deutschland Triumphe feiert, begeistern möchte. Negiert der Leichenverbrenner zunächst noch, auch nur einen Tropfen deutschen Blutes in sich zu haben, wird er seinen Kurs langsam ändern.

Er wird Mitglied der nie mit Namen genannten Partei werden, wird Juden bespitzeln und ebenso verraten wie die Mitarbeiter und den Chef seines Krematoriums. Denn er erkennt die Chance durch diesen Opportunismus beruflich aufzusteigen und wird für die Karriere auch seine Familie opfern.

In der kurzen Phase des Prager Frühlings hat Herz, der nicht zum Kern der tschechischen Neuen Welle der 60er Jahre gezählt wird, diese pechschwarze Satire in völliger Freiheit gedreht. Verschollen ist nur das alternative Ende, in dem Kopfrkingl nach dem Krieg mit den sowjetischen Panzern nach Prag zurückkehrt. Doch auch ohne dieses Ende ist «Der Leichenverbrenner» eine universelle und gnadenlose Abrechnung mit Opportunismus und Mitläufertum.

Die ganze krankhafte Psyche Kopfrkingls bringt Herz dabei auch durch die Filmsprache zum Ausdruck, bricht Realismus immer wieder mit extremen Großaufnahmen von Mundpartien, die akzentuieren, worauf sich der Blick des Protagonisten richtet. Wie der Film durch seine Bildsprache irritiert, so auch durch den konsequent durchgezogenen Gegensatz zwischen scheinbar harmlosem Bürger und Monster, das sich dahinter verbirgt, zwischen Oberfläche und dem, was darunter lauert. Langsam schleicht sich hier das Entsetzen ein und wirkt gerade deshalb lange nach.

Höchst informativ ist bei dieser DVD auch das umfangreiche Bonus-Material. Ein Audiokommentar des Regisseurs gehört ebenso dazu wie ein Besuch der Drehorte und ein Interview mit Herz. Dazu kommt ein 40-seitiges Booklet mit einer ausführlichen Analyse des Films durch den amerikanischen Filmwissenschaftler Adam Schofield sowie der Niederschrift eines zweiten langen Interviews mit Herz.

Eröffnungsszene von «Der Leichenverbrenner»

© 2011 Bildstörung
© 1968 Filmové Studio Barrandov
© 1968 Filmové Studio Barrandov
© 1968 Filmové Studio Barrandov
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