Der Sohn des Großen Brüllers

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An seinen Namen erinnern sich vermutlich nicht gar so viele, doch wer seine Geschichte von Lauscher, dem Sanften Flöter, Barlo, dem Stein und der Flöte (und das ist noch nicht alles!) las, wird diese niemals vergessen. Ich selbst kenne Leser im Alter von 18 bis 51 Jahren, die von «Stein und Flöte» begeistert sind. Es heißt, es gehöre zu den Kultbüchern der phantastischen Literatur.

Und das stimmt, denn dieses Werk ist zweifellos phantastisch! Ich liebe diese Sprache, diese Verknüpfung von Märchenwelt und Wirklichkeit, die Metaphern und die Figuren, denen Hans Bemmann wundervolle Namen zu geben verstand. Bemmann wäre am 27. April 90 Jahre geworden. Grund genug an diesen außergewöhnlichen Schriftsteller zu erinnern.

Der junge Sachse hatte große Pläne, er begann das Studium der Medizin, wollte helfen, heilen, wollte, daß es den Menschen gut ginge. Doch dann kam der Krieg und Bemmann wurde nach Russland geschickt, um dort als Operationsgehilfe das Leben von Menschen zu retten, die von Artgenossen brutal zugerichtet worden waren.

«Unsereiner versteht sich wohl vorwiegend nur darauf, diese Welt in Unordnung zu bringen. Wenn du dem Verlauf der Dinge eine neue Richtung gegeben hast, dann kannst du das nicht mehr rückgängig machen, und die Folgen deiner Tat werden bis in alle Ewigkeit sichtbar bleiben. Manchmal fügt sich aus all diesen Irrwegen allerdings eine neue Ordnung, aber das ist nicht unser Verdienst.» (Hans Bemmann, Stein und Flöte)

Nach dem Krieg setzte er das Medizinstudium nicht fort, sondern studierte Musikwissenschaft und Germanistik. Junge Menschen in richtige Bahnen zu lenken schien ihm sinnvoller als die Fehler der alten zu behandeln. Er wurde Lektoratsleiter und hatte viele Jahre einen Lehrauftrag für Kinder- und Jugendliteratur an der Pädagogischen Hochschule Bonn. Hans Bemmann war nicht nur der Literatur, sondern auch der Musik in besonderer Weise zugetan. Er spielte nicht etwa Flöte wie sein Protagonist Lauscher, sondern Cembalo, und liebte die Musik des Barock und der Frühklassik.

Und ich bin Bemmanns «Stein und Flöte» in besonderer Weise zugetan, besonders ist dies schon alleine deshalb, weil ich Fantasy-Geschichten normalerweise nicht mag. Aber dieses Werk ist nicht normal, es ist ein wunderbar philosophischer Roman. Ein Roman über Liebe, Freunde, falsche Fährten, Oberflächlichkeiten, Aufrichtigkeit, Klugheit. Und das ist noch nicht alles!

«Das, was wirklich ist, kann man mit Wörtern ohnehin immer nur annähernd beschreiben; ein Wort ist eben nie genau die Sache selber.» (Hans Bemmann, Erwins Badezimmer oder die Gefährlichkeit der Sprache) Hans Bemmann gelang viel mehr als nur eine Annäherung! Wer Stein und Flöte je las, legte es nie wieder weiter als eine Ärmeslänge beiseite. Wer es einmal las, liest es immer wieder um das Vergessene aufzuwecken.

«Was du vergißt, geht nicht verloren, Es schläft nur, um eines Tages wieder zu erwachen.» (Hans Bemmann, Stein und Flöte)

Wenn die Zeit dazu gekommen ist, begegnet man einander, wußte Hans Bemmann. Ich wünsche Ihnen eine unvergeßliche Begegnung mit Lauscher, Sohn des Großen Brüllers, der stets in die Irre geht und dennoch immer ans Ziel gelangt.

Hans Bemmann - Stein und Flöte; PIPER-Verlag
 
Das Buch des Lebens
von Bert  am 2012-04-28 08:47

Selten hab ich ein Werk so bewundert wie dieses Märchen von Bemmann.
Ich bekam es von einem Freund empfohlen vor etwa 25 Jahren.
Wir pflegten damals lange Spaziergänge und phantasierten so vor uns hin
und hinter uns weg. Lauscher ist wie wir, er macht Fehler sein Leben lang
und doch «können wir Leute wie dich hier gut gebrauchen» wie sein Großvater
zu ihm einmal sagte. All der Tand und oberflächliche teure Schnickschnack
und all die Blender die ihn im Laufe seines Lebens zu dies und dem verleiten
stellen sich als wertlos heraus im Vergleich zu seinem Stein, den er geschenkt
bekam, wie so oft im Leben fast eine zwingende Voraussetzung dafür,
dass etwas wirklich zählt.
«Suche den Schimmer, suche den Glanz, findest ihn nimmer, find'st du ihn
nicht ganz» ist der Satz den er von Arni als Vermächtnis hörte. Und
«Bist du nach tausend Runden - vor dir selbst erschreckt - wird dir dieses
munden - wenn's auch bitter schmeckt - wirst in Stein gebunden - wirst in
Stein versteckt - wirst du nicht gefunden - wirst du nicht entdeckt.» ist einer
der beeindruckendsten Verse des Werks, in all seiner Traurigkeit und
Verzagtheit die das Leben einen lehrt wenn man glaubt alles Kraft seiner
eigenen Vorstellungen bewältigen zu können und doch verstehen muss,
dass «der Sinn des Lebens das Leben an sich ist» (Nietzsche).
Das Buch gehört für mich zur absoluten Pflichtlektüre und stellt ein
wunderbares Geschenk dar für den der «sonst schon alles hat», denn das
ist noch nicht alles....

 
Schöner Kommentar
von R. Schmitt  am 2012-04-28 09:14

Vielen Dank für diesen Kommentar!Eine wunderbare Ergänzung zu meinem Beitrag!

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