Haus der Sünde - L´Apollonide

12.06.2012 Walter Gasperi

Der Titel weckt Erinnerungen an die Sexfilmwelle der 70er Jahre, doch Bertrand Bonellos «L´Apollonide» hat damit nichts zu tun, sondern ist eine in opulenten Bildern schwelgende Innensicht eines Pariser Edelbordells der Belle Époque. Im Mittelpunkt steht dabei nicht Sex, sondern der Alltag und die Abhängigkeit der Prostituierten.


Mit zwei Inserts beschwört Bonello den Untergang der einen Zeit und den Anbruch einer anderen. Auf «November 1899. Die Abenddämmerung des 19. Jahrhunderts» folgt nicht viel später «März 1900. Die Morgendämmerung des 20. Jahrhunderts». Nicht viel scheint sich damit zunächst im Pariser Edelbordell «L´Apollonide» zu ändern, doch langsam wird der Umbruch spürbar, wird von der Eröffnung der Metro gesprochen, zwingen steigende Mieten die Besitzerin zur Schließung des Etablissements.

Ganz auf die Innenräume beschränkt sich Bonello, verlässt nur einmal bei einem Picknick im Grünen das Bordell. Weniger die Entwicklung einer Handlung als vielmehr das alltägliche Leben der Prostituierten steht im Mittelpunkt. Bei der Körperpflege tratschen sie miteinander, sitzen tagsüber müde in den Gängen und spielen abends mehr oder weniger gezwungen mit den Herren der vornehmen Gesellschaft, unterhalten sie und erfüllen deren Wünsche.

Keine der Prostituierten tritt dabei in den Vordergrund, gleichwertig stehen sie als Kollektiv nebeneinander. Gerade Madeleine (Alice Barnole), die im Grunde im Hintergrund bleibt, kristallisiert sich als zentrale Figur heraus. Hausarbeit verrichtet sie, seit sie ein Freier grausam entstellt hat. Inspiriert von Paul Lenis Film «Der Mann, der lacht» (1928) nennt sie Bonello «Die Frau, die lacht». Immer wieder kehrt der Film zur traumatischen Szene zurück, in der ihr der Mund aufgeschnitten wird, und zeigt, wie das Spiel in Gewalt übergeht, zeigt die absolute Ausgeliefertheit der Frauen. «Ich zahle, also entscheide ich» ist der zentrale Satz.

Von Freiheit, die ein 15-jähriges Mädchen (Iliana Zabeth) vom Land hier sucht, kann man nur träumen. Unmissverständlich macht ihr Madame (Noemi Lvovsky), die Herrin des Freudenhauses, sofort klar, dass es diese Freiheit nur draußen geben kann. Hier drinnen sind alle hoch verschuldet, abhängig von Madame, die mit klaren Anordnungen, aber doch Sympathie den Laden führt. Ein Dreieck von Prostituierten, vornehmen Herren und Madame baut Bonello auf und vermittelt in der Abgeschlossenheit des Raumes auch die Ausweglosigkeit der Situation.

Der Traum von der Heirat mit einem reichen Freier wird sich für kaum eine erfüllen, dafür drohen Krankheiten und bei Schließung des Hauses der Verkauf der Frauen an ein anderes, weniger exquisites Bordell.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen, die in diesem Milieu spielen, erzählt Bonello ganz aus der Perspektive der Prostituierten, bleibt aber gleichzeitig immer distanzierter Beobachter. Wie Louis Malle vor 34 Jahren in «Pretty Baby» (1978) beschwört der Franzose mit opulenter Ausstattung und warmen Braun- und Goldtönen in Bildern, die vielfach an Gemälde erinnern, diese abgeschlossene Welt, verklärt sie aber nie. Geradezu klinisch nüchtern schildert er die Einführung der Novizin in ihr Arbeitsfeld oder die Untersuchungen durch den Amtsgynäkologen, kühl blickt er auf die dekadenten Spiele mit Champagner-Bad.

Distanz schafft Bonello aber auch durch den Soundtrack, durch den die historische Ebene immer wieder mit Rocksongs aus den 1960er Jahren aufgebrochen wird, durch mehrfach eingesetzte Splitscreens oder die Schlussszene, mit der er abrupt zum Straßenstrich der Gegenwart springt. – An den Abhängigkeitsverhältnissen hat sich nichts geändert, doch der abgeschlossene geschützte Raum ist verschwunden.

FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 17.10., 21.30 Uhr + Do 18.10., 21.30 Uhr (jeweils franz. O.m.U.)

Trailer zu «Haus der Sünde»

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