Literatur = Droge und Waffe

03.06.2007 Haimo L. Handl

In unseren hochbewaffneten, kriegerischen Zeiten scheint gerade die Literatur nicht offen kriegerisch, obwohl sie oft verletzt, sondern mehrheitlich eher als wärmende Ein- und Umhüllung, wattierender Polster, Ausruhekissen, als unterhaltsames Stimulans und Erholungsdroge zur Entlastung des Alltagsdrucks.


Heute wirkt die Ansicht Wassili Rosanows, Bücher solle man zur Erschütterung des Geistes und zur Verwandlung der Seele lesen, wie jetzt gerade von Andrei Bitow, jenem geistreichen russischen Schriftsteller zu lesen ist, dessen siebzigster Geburtstag am 27. Mai gefeiert werden durfte, leicht überholt. Bitow äussert sich in einem Artikel, der in der Neuen Zürcher Zeitung («Erinnerung an den vergessenen Schriftsteller», 2.6.07) zu finden ist, zur Unvergänglichkeit der Literatur und schimpft das Gerede von der schwindenden Bedeutung der Literatur eine «massenmediale Banalität, sowohl im Westen wie in Russland».

Bitow, der vor allem mit seinem Roman «Das Puschkinhaus» bei uns bekannt ist, aber auch als Erzähler geschätzt wird, nicht zuletzt in seinen «Reise-Hommages» über Georgien oder Armenien, hat, obwohl moderner Schriftsteller, eine Sicht und Wertschätzung von Literatur, die heute selten geworden ist und auf den ersten Blick mit seiner oft spröden Modernität in Widerspruch scheint.

Seinem Hinweis auf Rosanow hätte er auch einen auf Kafka dazustellen können. Von jenem ist der Satz bekannt: «Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.» Dieser Satz enthält solch explosive Kraft, dass er verdient, im näheren Kontext zitiert zu werden, dem er entstammt, einem Brief Kafkas an Oskar Pollak aus dem Jahre 1904 (in: Kafka, Gesammelte Werke. Briefe 1902-1924:27f, Frankfurt 1958)

«Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.»

Kafka ist als moderner so unmodern wie Bitwo, der Rosanow zitiert, nicht weil sie altmodisch wären, sondern weil sie radikal sind. Heute herrscht keine Radikalität, die der zitierten gleichkäme. Denn die Erschütterung, von der Rosanow sprach, die Axt gegen das gefrorene innere Meer, die Kafka beschwor, waren mehr als literarische Metafern. Es ging um eine Lebensradikalität, nicht bloss künstlerische oder literarische. Heute haben wir weder eine literarische, noch eine allgemein menschliche. Das, was als radikal ersehen werden könnte, ist die ungehemmte Ab- und Zurichtung, die gesellschaftliche Kontrolle und Verwaltung, die Kriegsausrichtung, die aber nur den wenigstens als radikal erscheint. Entsprechend dieser veränderten Situation und Haltungen nehmen Kunst, Kultur und in ihr Literatur vermehrt die Funktion eines Ablenkungs- oder Beruhigungsmittel ein. Wer will sich schon freiwillig den Daseinsdruck (nicht «Weltschmerz»!) vertiefen lassen durch Erschütterungsstösse und Axthiebe? Eine ganze Heerschar von Betreuern (Coaches) ist fleissig zur Stelle, um in vielerlei «Hilfsdiensten» alle möglichen Erschütterungen aufzufangen und abzuwenden.

Andrei Bitow weiss das, und seine Sätze sind ein bewusstes Entgegensetzen, ein Beharren, entsprechend seinem aufgeklärten Vernunftverständnis. Auch früher war es eine Minderheit, die sich den Erschütterungen aussetzte, sich stellte und einliess. Dass diese Minderheit nicht untergehe, findet Bitow gewiss. Hoffen wir, dass seine Gewissheit und sein Hoffen wahr bleiben.

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