Amour - Liebe

25.09.2012 Walter Gasperi

Nach 2009 für «Das weiße Band» gewann Michael Haneke heuer das zweite Mal die Goldene Palme von Cannes, den Hauptpreis des wichtigsten Filmfestivals der Welt. Getragen von den zwei wunderbaren Altstars Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva entwickelt Haneke ein ebenso zärtliches wie unerbittliches Kammerspiel um Liebe, Krankheit und Tod.


Wie ein Gegenwerk zu «Das weiße Band» wirkt «Amour – Liebe». Während Haneke dort ein breites Gesellschaftsbild eines norddeutschen Dorfes am Vorabend des Ersten Weltkriegs entfaltete und den Wurzeln späterer nationalsozialistischer Barbarei nachspürte, fokussiert er hier ganz auf einem alten Paar.

Der Selbstmord seiner über 90-jährigen Tante sei nach Hanekes eigener Aussage der Auslöser für diesen Film gewesen und Autobiographisches fließt auch dadurch ein, dass er den zentralen Schauplatz im Studio nach dem Grundriss der Wohnung seiner Eltern nachbaute. Doch universell ist die Geschichte, die im Kern so einfach ist, wie der Titel schlicht – und geht in der Auseinandersetzung mit existenziellen Themen doch jeden an.

Heftig und direkt ist der Einstieg, wenn eine großbürgerliche Stadtwohnung von der Feuerwehr mit Getöse aufgebrochen wird und ein Feuerwehrmann in einer ungeschnittenen Einstellung durch die Räume streift, bis er in einem Schlafzimmer eine auf dem Bett aufgebahrte, mit Blumen umkränzte tote alte Frau findet.

Das Ende ist mit dieser Ouvertüre vorgezeichnet, erst dann folgt mit weißer Schrift auf schwarzem Grund das Titelinsert und «Amour - Liebe» neu an. Von der Bühne des Pariser Théâtre des Champs Elysées blickt die Kamera in einer statischen Einstellung in den Zuschauerraum, in dessen Zentrum die beiden um die 80-jährigen Musikprofessoren Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva) sitzen. Durchgehalten wird diese Einstellung, wenn ein unsichtbar bleibender Pianist ein «Impromptu» Schuberts spielen wird.

Programmatisch ist diese Einstellung, denn sie wirft den Zuschauer auf sich selbst zurück. In der Position der Protagonisten spiegelt sich die des Kinopublikums, gewissermaßen sich selbst schaut man hier zu, ein Hinweis Hanekes, dass er dem Zuschauer mit dem ganzen Film den Spiegel vorhalten will und wird. Zwar wird eine fiktive Geschichte erzählt werden, doch man wird in dieser Geschichte auch sich selbst, seine Zukunft sehen müssen, wird sie nicht von sich wegschieben können, sondern wird mit seiner eigenen Existenz und der Unabwendbarkeit von Alter, Krankheit und Tod konfrontiert werden.

Nach einer kurzen Szene beim Empfang nach dem Konzert und der Heimfahrt mit dem Bus, die immer noch von den Klängen Schuberts begleitet werden und Haneke damit vielleicht das erste Mal in seiner Karriere echte Filmmusik einsetzt, kommt das Paar nach Hause. Wenn sich an der Tür offensichtlich ein Einbrecher zu schaffen gemacht hat, ist das kein unwichtiges Detail, sondern ein Vorverweis, dass immer Unvorhergesehenes ins Leben einbrechen kann. Schmerzlich wird das Paar dies bald selbst erfahren müssen.

Nach diesem Auftakt wird «Amour – Liebe» die Wohnung nicht mehr verlassen, auch Musik wird nur noch ertönen, wenn ein ehemaliger Schüler, der inzwischen ein erfolgreicher Pianist ist, das Paar besucht und aus Beethovens «Bagatellen» vorspielt oder wenn sich das Paar eine CD anhört. Rüstig wirken Georges und Anne noch, scheinen glücklich und gut mit dem Leben zurecht zu kommen. Doch beim Frühstück ist Anne plötzlich für Minuten völlig abwesend, ohne sich danach daran erinnern zu können.

Als Meister der Aussparung erweist sich Haneke, wenn er nun nicht die Konsultation des Arztes und Untersuchungen zeigt, sondern direkt ein Gespräch von Georges mit der in England lebenden Tochter Eva (Isabelle Huppert) folgen lässt, in der er ihr erklärt, dass die Operation der Halsschlagader – im Grunde ein einfacher Eingriff – missglückt sei. Halbseitig gelähmt kommt Anne im Rollstuhl in der nächsten Szene in die Wohnung zurück und Georges muss ihr das Versprechen abnehmen sie nicht mehr in ein Krankenhaus zu bringen.

Ausgespart werden auch weitere Anfälle oder Arztbesuche, ganz auf das Alltägliche beschränkt sich Haneke, zeigt schonungslos realistisch, wie sich der Zustand sukzessive verschlechtert, wie Anne Hilfe bei der Toilette benötigt, bald inkontinent wird, schließlich kaum mehr sprechen kann und gefüttert werden muss.

Kein nebensächliches Detail ist es auch, wenn die Kamera über die Landschaftsgemälde streift, die die Wände der Wohnung schmücken, oder wenn ein Gobelin, die vollen Bücherwände oder Kerzenleuchter ins Bild gerückt werden. Deutlich wird dadurch, dass materieller Wohlstand und Bildung zwar das Leben angenehmer machen können, wenn es um Krankheit und Sterben geht, aber völlig nebensächlich werden und nichts an der unausweichlichen Situation ändern können.

Kein Bild ist hier zu viel oder zu wenig, auf alle Schnörkel verzichtet Haneke. Förmlich aufs Skelett abgespeckt ist die Geschichte, beschränkt sich ganz auf das Hier und Jetzt und interessiert sich auch nicht für die Geschichte des Paares. Große Dichte und Dringlichkeit entwickelt dieses Kammerspiel durch diese Konzentriertheit sowie die Präzision der Bilder und weiß auch in klassischer Haneke-Manier mehrfach mit einer alptraumhaften Szene oder einer Taube, die sich durch den Luftschacht in die Wohnung verirrt hat, zu irritieren und zu verstören.

Viel Raum lässt «Amour - Liebe» in seinen langen halbtotalen Einstellungen den Schauspielern. Auf Schuss-Gegenschuss-Strategie verzichtet der 70-jährige Haneke, verharrt in einer Perspektive und lässt dem Zuschauer ebenso Zeit zum Schauen wie er den Schauspielern Raum lässt die Szenen mit Emotionen zu füllen. Meisterhaft hält er die Balance zwischen Nähe und Distanz, verhindert durch den distanzierten Blick einerseits jedes Aufkommen von Sentimentalität, und zeigt doch tiefe Empathie für das Paar, ist ihm in Großaufnahmen der zerfurchten Gesichter immer wieder ganz nah, ohne auch nur im Geringsten ins Voyeuristische abgleiten.

Zwei große Altersrollen sind dies für den 82-jährigen Jean-Louis Trintignant und die 85-jährige Emmanuele Riva, die damit auch Erinnerungen an die große Zeit des europäischen Autorenfilms der 60er Jahre, an Filme von Chabrol, Lelouch und Costa-Gavras beziehungsweise an Alain Resnais´ «Hiroshima, mon amour» wecken. Sie ordnen sich ganz der Regie unter, leben die Rollen förmlich und bewegen mit dieser Wahrhaftigkeit zutiefst.

Nicht so schnell vergessen wird man, wie Trintingant Riva die Hand streichelt, wenn sie um Hilfe ruft, und sie langsam zur Ruhe kommt, wie sie gemeinsam versuchen «Sur le pont d´Avignon» zu singen oder er ihr Geschichten aus der Kindheit erzählt, die er trotz ihrer jahrzehntelangen Ehe bisher nicht erzählt hat, und wie sie ein Fotoalbum durchblättert und bemerkt: «Es ist schön – das Leben».

Und bei aller für Haneke ungewohnten Zärtlichkeit und Empathie für die Protagonisten ist «Amour – Liebe» doch auch ein unerbittlicher Film, denn unmissverständlich macht er klar, dass auch die fürsorgliche Liebe des Mannes letztlich gegen Krankheit und Tod nicht ankommt. - Das Ende, das hier vorgezeichnet ist, ist aber nicht nur das Ende des Paares, sondern auch das jedes einzelnen Kinobesuchers.

Wird am Montag, den 30.9. um 20 Uhr im Gasthaus Jöslar in Andelsbuch gezeigt

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