Savages

16.10.2012 Walter Gasperi

Zwei junge kalifornische Drogenhändler stören die Geschäfte eines mexikanischen Kartells. Weil die Amerikaner nicht nachgeben wollen, greift die mexikanische Chefin zu brutaleren Methoden. – Oliver Stone macht aus Don Winslows Roman keinen ökonomischen Genrefilm, sondern ein Feuerwerk visueller Spielereien, doch Figuren und Gehalt bleiben dabei auf der Strecke.


Das große Thema von Oliver Stone sind die USA. Mit dem Vietnamkrieg («Platoon», «Born on the Fourth of July») beschäftigte er sich ebenso wie mit US-Präsidenten («JFK», «Nixon»), dem New Yorker Finanzmarkt («Wall Street»), der Gewalt in einer Mediengesellschaft («Natural Born Killers») oder dem Attentat vom 11. September 2011 («World Trade Center»). Mit der Verfilmung von Don Winslows Roman «Savages – Zeit des Zorns» knüpft er in einigen Punkten an «Natural Born Killers» an, bleibt aber hinter dessen Furor und Durchschlagskraft zurück.

Im Mittelpunkt von «Savages» stehen die jungen Kalifornier Ben (Aaron Johnson) und Chon (Taylor Kitsch), die mit der blonden Ophelia, genannt O (Blake Lively), in einer Menage à trois in einer schicken Villa über dem Strand von Laguna Beach leben. Mit dem Anbau und Handel von hochwertigem Marihuana haben sie sich ein Vermögen verdient. Plakativ – und mit satirischen Zügen – zeichnet Stone Ben und Chon als gegensätzliches Duo. Während der Buddhist Ben sensibel ist, vor Gewalt zurückschreckt und einen großen Teil des Gewinns in Entwicklungsprojekte in Afrika und Asien investiert, neigt der ehemalige Afghanistan- und Irak-Kämpfer Chon zu Gewalt und Jähzorn.

Schmiergelder an den korrupten Drogenfahnder Dennis (John Travolta) sorgen dafür, dass sie ungestört ihre Geschäfte führen können, doch dann mischt sich die Chefin (Salma Hayek) eines mexikanischen Drogenkartells ein. Sie will ihren Markt in Kalifornien ausdehnen, und bietet Ben und Chon einen Deal an. Als diese nicht darauf eingehen, lässt die Drogenbaronin O entführen, was zu einem zunehmend heftigeren Schlagabtausch führt.

Als straffen und harten kleinen Genrefilm könnte man diese Geschichte inszenieren, doch Stone bauscht ihn auf zu einem typischen Oliver-Stone-Film. Wichtiger als der Inhalt ist ihm die aufregende visuelle Gestaltung. Auf Videobilder von der brutalen Hinrichtung mehrerer Gegner des Kartells folgen Schwarzweißbilder von O, aus deren Perspektive Stone die Geschichte rückblickend erzählt. Wie unter Drogen wirkt sie, wenn sie am Anfang im Voice over den Zuschauer direkt anspricht und selbst offen lässt, ob sie am Ende überhaupt noch am Leben sein wird.

Delirierend wirkt «Savages» auch immer wieder durch die Bildgestaltung. Da gleitet die Kamera im Flug über die Strände von Südkalifornien, übt einerseits am amerikanischen Hedonismus und der Konsumwut Kritik und feiert sie in den knallbunten Bildern gleichzeitig. Mal kippt die Kamera, dann werden Bilder farblich verzerrt, grobkörnige Videobilder werden ebenso eingeschnitten wie kurze schwarzweiße Passagen, mal werden kurz eine Landkarte oder eine Uhr, die das schnelle Verrinnen der Zeit vermittelt, eingeblendet, bei einer Autofahrt unter Zeitdruck wird mit Zeitraffer gearbeitet und auch das Ende bricht mit den Konventionen des klassischen Kinos.

Für Brutalität sorgt vor allem der sadistische Killer Lado (Benicio del Toro), der seine Opfer mit Vorliebe enthauptet und Spezialist für grausame Folterungen ist. Stehen diese Szenen an der Grenze zwischen Ernst und satirischer Überzeichnung, so ist der satirische Akzent nicht zu übersehen, wenn O auf Shoppingtour geschickt wird oder sie ihrer Entführerin näher kommt und geradezu vertraut beim Essen mit ihr plaudert. Satirisch wirken aber auch die Sehnsucht der Drogenbaronin nach ihrer in Kalifornien untergetauchten Tochter und die damit verbundene Parallelisierung ihrer Situation mit der von Chon und Ben, denen die Freundin entführt wurde. Auf den Spuren Tarantinos wandelt Stone mit dieser Mischung von Brutalität und Groteske und versetzt auch das Finale mit schwarzem Humor, wenn er sich dabei an den Showdowns von Italo-Western orientiert.

So aufregend dieser Film visuell auch ist, so sehr Stone auch mit einer dynamischen und kraftvollen Erzählweise dafür sorgt, dass keine Langeweile aufkommt, so dünn ist im Grunde die Geschichte, die auf 130 Minuten ausgewalzt wird, und so sehr bewusst auf Typen wie aus einem Comic reduziert bleiben die Figuren in ihrer Überzeichnung. Wirklich sympathisch wird einem da niemand, sodass man an deren Schicksal auch kaum Anteil nimmt, als rassistisch muss man sogar die durchwegs negative Zeichnung der Mexikaner bezeichnen.

Die Wilden des Titels bleiben freilich nicht sie allein, sondern auch auf Ben und Chon kann man dies beziehen, die im Laufe des Films immer brutaler werden, bevor im Epilog der Titel nochmals ganz anders im Sinne von edle Wilde in einer paradiesischen Welt gedeutet wird und dieser 130minütige wilde Bilderrausch zum ersten Mal wirklich zur Ruhe kommt.

Läuft derzeit in den Kinos

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