Cloud Atlas

20.11.2012 Walter Gasperi

Sechs Handlungsstränge, die in unterschiedlichen Jahrhunderten spielen, verschränken Tom Tykwer und die Wachowski-Geschwister in einer kühnen Montage zu einem trotz 165 Minuten Länge kurzweiligen Film. Souverän halten sie die Fäden in der Hand und übertragen kongenial das inhaltliche Credo von David Mitchells Bestseller, dass alles verbunden sei, auf die Form.


Als «unverfilmbar» galt David Mitchells 2004 erschienener Roman «Cloud Atlas». Tom Tykwer und die Wachowski-Geschwister haben es mit dem für einen deutschen Film bislang mit Abstand größten Budget von 100 Millionen Dollar dennoch gewagt. Die Struktur der Vorlage haben sie aufgebrochen und wechseln teilweise im Minutentakt die Handlungsebene. Gerahmt wird der Film vom alten Ziegenhirten Zachry (Tom Hanks), der im 24. Jahrhundert an einem Lagerfeuer Geschichten erzählt.

Ganz ohne Voice-over kommt der Film aber aus, blickt von der Lagerfeuerszene auf Zachrys eigene Geschichte in einem postapokalyptischen Hawaii ebenso zurück, wie auf die Pazifikreise des Anwalts Ewing (Jim Sturgess) 1849, die Geschichte des jungen homosexuellen Komponisten Frobisher (Ben Whishaw) im England des Jahres 1936, die Recherchen einer amerikanischen Journalistin (Halle Berry) über ein defektes Atomkraftwerk im Jahre 1973, die eines alten Verlegers (Jim Broadbent), der im England des Jahres 2012 von seinem Bruder in ein Altersheim eingewiesen wird, sowie auf eine geklonte Kellnerin (Xun Zhou), die sich im futuristischen Seoul des Jahres 2144 einer Aufstandsbewegung gegen das totalitäre Regime anschließt.

Dicht miteinander verzahnt werden die Geschichten durch den ständigen Wechsel zwischen den Handlungsebenen. Leicht hätte das daneben gehen und zu Konfusion führen können, doch nie entsteht bei diesem Mosaik ein Bruch im Erzählfluss, nie verliert der Zuschauer den Überblick, vielmehr wird die Spannung durch abrupte Schnitte in die Höhe getrieben. Doch nicht nur durch diese Struktur, die auch dafür sorgt, dass alle Episoden praktisch gleichwertig nebeneinander stehen, sondern auch inhaltlich verzahnt das Regietrio die Handlungsebenen.

Da liest der Komponist das Tagebuch des Anwalts Ewing, während die Journalistin im Jahre 1973 wieder die Liebesbriefe des Komponisten in die Hände bekommt und auch eine Platte von dessen Komposition «Wolkenatlas-Sextett» kaufen will. Der Verleger liest im Jahr 2012 ein Manuskript über die Journalistin, der Klon im Seoul des Jahres 2144 sieht die Verfilmung des Lebens des Verlegers, das sie zur Rebellion anregt, und im 24. Jahrhundert wird diese Rebellin von der Bevölkerung als Göttin verehrt.

Gleichzeitig sind die Geschichten dadurch verbunden, dass in jeder eine Figur ein kometenförmiges Muttermal hat, und filmisch wiederum dadurch, dass in allen Erzählsträngen die gleichen Schauspieler auftauchen, dabei aber teilweise durch die Maske bis zur Unkenntlichkeit verwandelt sind und nicht nur Alter, sondern teilweise auch Geschlecht und Hautfarbe wechseln.

Parallel zu Mitchell, der jede Episode in einem eigenen Stil geschrieben hat, bedienen sich Tykwer und die Wachowskis unterschiedlicher Genres. Vom Seefahrerfilm bis zur Rentnergroteske, vom Künstlerschicksal bis zum postapokalyptischen Film spannt sich der Bogen, am deutlichsten wird das aber bei der Episode um die Journalistin, die ganz in der Tradition der amerikanischen Politthriller der 1970er Jahre inszeniert ist und im totalitären Seoul, das an die Welt und die Handlung von «Matrix» erinnert. Auch davon abgesehen bedienen sich Tykwer und die Wachowskis reichlich, aber geschickt bei der Filmgeschichte. Den Hinweis auf Richard Fleischers «Soylent Green», den sich der Verleger bei seinem Aufenthalt im Altersheim erlaubt, wird direkt nochmals in der Seoul-Episode aufgenommen, deren überfüllte Städte aber auch an «Blade Runner» erinnern. Deutlich von Milos Formans «One Flew Over the Cuckoo´s Nest» inspiriert scheint wiederum die Schilderung der Zustände im Altersheim und der dort despotisch herrschenden Pflegerin.

Mit Fortlauf der Handlungen stellen sich dabei auch zunehmend Parallelen zwischen den Geschichten ein, wiederholen sich Abhängigkeitsverhältnisse und Ausbeutung, geraten die Protagonisten in Gefangenschaft, wird dem Streben nach Macht, Geld und Ruhm und den Missständen die Möglichkeit die Welt durch seine eigene Entscheidung und seinen Willen zu ändern und zu verbessern, gegenübergestellt.

Doch auch wenn sich die Episoden zu einem größeren Ganzen verbinden, ist «Cloud Atlas» dennoch nicht besonders tiefschürfend und auch nicht frei von Esoterik und Kitsch, unterhält aber dank des inhaltlichen und visuellen Abwechslungsreichtums auch über eine Länge von 165 Minuten bestens. Auf einem anderen Blatt steht freilich, dass der Film in gewissem Maße auch Stückwerk bleibt, da in dem Kaleidoskop keine der Geschichten, die jeweils genug Stoff für einen eigenen Film böten, voll ausformuliert wird.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems und in den Schweizer Kinos

Trailer zu «Cloud Atlas»

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