Anna Karenina

11.12.2012 Walter Gasperi

Joe Wrights Verfilmung von Tolstois 1877/78 erschienenem Roman ist ein Fest fürs Auge, begeistert durch visuelle Opulenz sowie das Spiel von Jude Law und Keira Knightley und bringt mit der Verlegung der Handlung in ein Theater einen originellen Ansatz. Inhaltliche Tiefe darf man bei diesem rauschhaften Oberflächenzauber aber nicht erwarten.


Rund 25 Titel listet die Filmdatenbank IMDB bei der Sucheingabe «Anna Karenina» auf. Schon 1910 wurde die Geschichte um die russische Beamtengattin, die aus Liebe zu einem Offizier ihren Mann verlässt, dafür aber von der Gesellschaft ausgestoßen wird und schließlich Selbstmord begeht, verfilmt. Ab den 1960er Jahren wurde der über 1000-seitige Roman dann mehrfach als Mini-Serie fürs Fernsehen adaptiert. Die Liste der Stars, die diese wohl berühmteste Ehebrecherin der Literaturgeschichte verkörperten, reicht von Greta Garbo, die Anna Karenina zweimal (1927 und 1935) spielte, über Vivien Leigh (1948) und Jacqueline Bisset (1985) bis Sophie Marceau (1997).

Wurde ein Stoff schon so häufig verfilmt, muss man einen neuen Zugang wählen, um reüssieren zu können. Bei Joe Wright, der sich schon mit den Adapationen von Jane Austen «Stolz und Vorurteil» und Ian McEwans «Abbitte» als Spezialist für visuell glanzvolle Literaturverfilmungen erwiesen hat, hört man, bevor die Bilder einsetzen, Gemurmel, wie es vor Beginn von Theateraufführungen herrscht.

Tatsächlich zeigt dann auch die erste Einstellung ein Theater, das sichtlich schon bessere Zeiten erlebt hat und auf dem Theatervorhang erscheint das Insert «Russisches Kaiserreich, 1874». Dann hebt sich der Vorhang und die Handlung setzt auf der Bühne ein, das Publikum, das die ersten Töne akustisch evoziert hat, wird man im Kopf aber ständig präsent haben, wird den Eindruck haben, dass sich die ganze Handlung auf einer Bühne vor Augen von Zuschauern abspielt.

Das ist nicht nur ein origineller Schachzug der Regie, sondern passt auch zum Thema, denn Anna Kareninas Leben findet gewissermaßen auf einer Bühne statt, stets ist sie den Blicken einer Gesellschaft ausgesetzt, von der sie schließlich verstoßen wird. Meisterhaft inszeniert Wright diese Blickkontakte, zuerst die zwischen Anna (Keira Knightley) und Graf Wronski (Aaron Taylor-Johnson), dann den der von Wronski verschmähten Kitty (Alicia Vikander) und die der Menge auf das tanzende Paar und schließlich wieder bei einer Opernaufführung die Blicke der Gesellschaft auf die geächtete Anna.

Das Theaterhafte macht Wright dabei immer wieder bewusst, wenn Kulissen verschoben werden, der Hintergrund nur gemalt ist, Räume überwunden werden, indem man in das Dachgeschoß der Bühne steigt oder ein Modellzug über die Bühne fährt und die Künstlichkeit des Schnees bewusst sichtbar gemacht wird. Distanz schafft diese Stilisierung, lässt emotionale Beteiligung auf kleiner Flamme köcheln.

Gleichzeitig bricht der Brite die Theaterebene aber auch immer wieder auf, wenn sich der Raum nach hinten öffnet und Lewin (Domhnall Gleeson) plötzlich in einer weiten Schneelandschaft steht, wenn Pferderennbahn und Theaterbühne ineinander fließen bis hin zum grandiosen, an Tarkowskijs «Nostalghia» erinnernden Schlussbild, indem sich eine Wiese im Theaterraum im Hintergrund in die Natur fortsetzt.

Vor allem der Beginn ist mit unglaublichem Schwung inszeniert. Fließend geht da eine Szene in die nächste über, wechseln Orte und Figuren allein mit dem Durchschreiten einer Tür oder dem Gang über eine Treppe, wird Büroarbeit mit im Takt stempelnden Beamten musicalartig inszeniert, bis der Film mit dem Ball, bei dem sich Anna und Wronski kennenlernen, einen ersten Höhepunkt erreicht. Neben den Blickkontakten sind es in dieser Szene, die ebenso wie andere von Sidi Larbi Cherkaoui choreographiert wurde, die für Wright typischen langen Plansequenzen mit weit ausholenden Kamerafahrten (Kamera: Seamus McGarvey), die den Zuschauer direkt ins Geschehen ziehen.

Denn mögen auch große Teile dieser «Anna Karenina» auf einer Theaterbühne mit Schnürboden spielen, mit abgefilmtem Theater hat das nichts zu tun. Auf große Bilder setzt Wright, versteht es mit Farben zu spielen, Annas weißes Kleid beim Ball durch Wronskis schwarzen Anzug zu kontrastieren, attraktiv das Paar ganz in Weiß bei einem Picknick auf einer grünen Wiese zu inszenieren, in dunkle blaue Räume die Schlussszenen zu verlegen, den in warmes Licht und Farben getauchten Landszenen mit Lewin die Kälte von Annas Gatten gegenüber zu stellen. - Jede Einstellung strebt hier nach Schönheit, will dem Zuschauer die Augen übergehen lassen.

Gerade durch seine Zurückhaltung eindrücklich spielt ein durch Maske unkenntlicher Jude Law den steifen und religiösen Gatten Annas, der nach außen keine Gefühle zeigt und dem gesellschaftliche und religiöse Regeln über alles gehen, überzeugend auch die kapriziöse Keira Knightley, die sowohl Annas erwachende leidenschaftliche Liebe als auch ihre Zerbrechlichkeit eindrücklich vermittelt. Blass und auf einen Schönling reduziert bleibt dagegen Aaron Taylor-Johnsons Wronski.

Den Schwung des Beginns kann Wright allerdings nicht durchhalten. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass die Oberflächenreize, die dieser Film bietet, auf die Dauer ermüden, und auch das Spiel mit Theater und Landschaftsszenen nicht weiter getrieben oder variiert wird, sondern sich abnutzt.

Zugutehalten muss man Wright und seinem Drehbuchautor Tom Stoppard aber auch, dass sie trotz einer Länge von «nur» 130 Minuten den Roman nicht auf die Geschichte Anna Kareninas zurückstutzen, sondern auch parallel die Ehen von Annas Bruder sowie die von Kitty und dem sich aufs Land zurückziehenden Lewin ins Bild rücken. Dem Scheitern Annas an einer rigiden Gesellschaft steht damit die Gattin von Annas Bruder gegenüber, die dessen Seitensprünge hinnimmt, und die glückliche Ehe von Kitty mit Lewin.

So zeichnet diese «Anna Karenina» auch ein Bild des zaristischen Russland und lässt in Lewins revolutionärem Bruder schon den Umsturz, den die Oktoberrevolution gut 40 Jahre später bringen wird, erahnen. Wirklich vertieft werden solche Aspekte freilich nicht, zu groß ist dafür Wrights Lust an visueller Opulenz. Im Stile von Baz Luhrmanns «Moulin Rouge» Augenfutter zu bieten und seine inszenatorischen Fähigkeiten zu demonstrieren, ist ihm letztlich wichtiger als inhaltlicher Tiefgang.

Läuft am Montag, den 14.1. um 20.15 Uhr im Kino Madlen in Heerbrugg

Trailer zu «Anna Karenina»

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