Berlinale-Eröffnung mit Wes Andersons "The Grand Budapest Hotel"

07.02.2014 Walter Gasperi

06.02.2014 bis 16.02.2014  Berlinale

Wes Anderson lässt in seinem großteils in Deutschland gedrehten «The Grand Budapest Hotel» die Zügel seiner Erzählfreude schießen. - Ein fulminanter Auftakt der 64. Berlinale (6. – 16.2. 2014), aber gerade in seiner Überfülle und seinem horrenden Erzähltempo lässt diese Tragikomödie den Zuschauer eventuell auch etwas erschlagen zurück.


Im sächsischen Görlitz hat Wes Anderson seinen achten langen Spielfilm großteils gedreht und siedelt ihn auch in Europa an - allerdings nicht in der Gegenwart, sondern in einem fiktiven osteuropäischen Staat der 1930er Jahre. Realismus ist dabei vom Regisseur von «The Royal Tenenbaums», «The Life Aquatic With Steve Zissou» und «Moonrise Kingdom» selbstverständlich nicht zu erwarten, vielmehr entwirft der Texaner eine märchenhafte Welt, die sich am Bild orientiert, das im Hollywoodkino der 30er Jahre von Europa gezeichnet wurde.

Auf einen ironischen Umgang mit dieser Zeit stimmt schon ein Jodler ein, während die Leinwand noch schwarz ist. Doppelt oder sogar dreifach verpuppt wird danach die Haupthandlung, das Märchenhafte durch das indirekte Erzählen betont, wenn Anderson zunächst einen Autor im Jahre 1985 erklären lässt, dass Romane in der Regel auf wahren Begebenheiten beruhen, die den Schriftstellern erzählt wurden. Diese Feststellung löst eine Erinnerung des Autors an eine Begegnung im Jahre 1968 im Grand Budapest Hotel aus, bei der ihm der Besitzer des Hotels von seinen Erlebnissen mit dem legendären Concierge M. Gustave (Ralph Fiennes) im Jahre 1932 erzählt.

Der Inbegriff der Höflichkeit war dieser Monsieur Gustave, erfüllte auch die sexuellen Wünsche seiner weiblichen Gäste. Als Dank dafür vermachte ihm eine vornehme Dame (Tilda Swinton) bei ihrem Tod das wertvolle Gemälde «Jüngling mit Apfel». Die gierige Familie der Verstorbenen versucht das Testament aber sogleich auch mit kriminellen Mitteln anzufechten. So landet Gustave bald im Gefängnis, während ein psychopathischer Killer sich anschickt Mitwisser des Testaments aus dem Weg zu räumen. Gleichzeitig droht im Hintergrund ein Krieg auszubrechen.

Nur kurz angerissen ist damit die Handlung, denn Anderson ist in seiner Erzähllust nicht zu bremsen. Im Stil der Hollywoodfilme der 30er Jahre hat er «The Grand Budapest Hotel» im fast quadratischen 4:3-Format gedreht, fügt spielerisch ein paar Animationsszenen ein, wechselt am Ende zu Schwarzweiß, erzählt im Zentrum aber in den für ihn typischen kräftigen Farben und überlegt kadrierten Einstellungen.

Doch nicht nur formal sprüht diese Tragikomödie vor Einfallsreichtum sondern auch inhaltlich. Denn was als Hotelgeschichte beginnt, wandelt sich bald zu einem Film über einen Kunstraub, bald zu einem Gefängnisfilm mit einer aberwitzigen absurden Ausbruchsszene, führt auf eine verschneite Bergspitze, auf der sich ein Kloster befindet, und dann wieder in rasender Ski-Schlitten-Verfolgung talwärts.

Lustvoll spielt Anderson mit allen Alpen-Klischees vom Jodler über Bergspitzen, Seilbahn, Schrägaufzug und verschneiter Landschaft, an die k.u.k-Zeit erinnernden Offizieren und einer vorzüglichen Konditorei. Nicht von ungefähr gibt es folglich auch im Abspann das Insert «inspiriert von den Werken von Stefan Zweig», denn wie Zweig in «Die Welt von gestern» beschwört Anderson - allerdings märchenhaft und ironisch gebrochen - eine Welt der Menschlichkeit, die durch Barbarei des Nationalsozialismus und des Sowjet-Kommunismus, die in die turbulente Handlung ganz selbstverständlich einfließen, wegefegt wurde.

Wie in seinen bisherigen Filmen lässt der 45-jährige Regisseur auch hier den Zuschauer quasi in Puppenkasten-Perspektive frontal aus das Geschehen blicken, involviert ihn nicht durch Schuss-Gegenschussstrategie. Zusammen mit Kameramann Robert Yeoman und Ausstatter Adam Stockhausen zeichnet er dabei mit großer Liebe zum Detail eine Welt skurriler Orte und Figuren und kann dabei auch auf ein lustvoll aufspielendes Ensemble vertrauen.

Von Tilda Swinton bis Willem Dafoe und von Mathieu Amalric über Karl Markovics bis Bill Murray reicht die Lister der Stars, die sich in Kleinstrollen ein Stelldichein geben. Gut ein halbes Dutzend Filme könnte man wohl mit den Ideen und Figuren drehen, die in diese 100-minütige Tragikomödie verpackt wurden.

Darin liegt freilich womöglich auch ein kleines Problem von «The Grand Budapest Hotel». Denn außer in wenigen absurden Szenen, in denen M. Gustave und sein Lobby-Boy gerade dann eine Pause einlegen, wenn es angebracht wäre, rasch zu flüchten, kommt dieser Film kaum eine Sekunde zur Ruhe, sondern hetzt von einer Situation zur nächsten.

So sehr man den Einfallsreichtum, die liebevolle Gestaltung, die Zeichnung der skurrilen Typen und die souveräne Erzählweise bewundert, emotionalen Zugang findet man bei diesem Tempo zu den Figuren kaum und fühlt sich am Ende dieses zweifellos atemberaubenden filmischen Ritts gerade angesichts der Überfülle vielleicht auch etwas erschlagen.

Läuft am Montag, den 26.5. um 17 Uhr und am Dienstag, den 27.5. um 19.10 Uhr in der Kinothek Lustenau (Deutsche Fassung)

Trailer zu «The Grand Budapest Hotel»



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