Im Zeichen des Bösen - Touch of Evil

10.04.2014 Walter Gasperi

Die Zeit des Film noir war im Grunde schon vorüber als Orson Welles 1958 mit sich selbst in der Hauptrolle diesen meisterhaften und höchst ambivalenten Krimi über Grenzüberschreitungen drehte. Bei Koch Media ist dieser Klassiker in der Reihe «Masterpieces of Cinema» als Blu-ray mit drei Schnittversionen erschienen.


Nach seinem grandiosen, aber kommerziell nicht erfolgreichen Debüt «Citizen Kane» (1940) erhielt Orson Welles nie mehr freie Hand. «The Magnificent Ambersons» (1941/42) wurde vom produzierenden Studio RKO von 131 auf 88 Minuten gekürzt, «The Lady from Shanghai» (1946) wurde vom Produzenten Harry Cohn zwei Jahre zurückgehalten und in den 1950er Jahren konnte er nur in Europa seine Fassung von Shakespeares «Othello» (1951)sowie den als Nebenwerk geltenden «Mr Arkadin» (1954/55) drehen.

Bei «Touch of Evil» (1958) sollte Welles zunächst nur als Darsteller mitwirken, doch Charlton Heston, der Star des Films, schlug vor Welles auch die Regie zu überlassen. Dieser verlagerte den Schwerpunkt der Geschichte von den Ermittlungen im Fall eines Bombenanschlag auf einen amerikanischen Geschäftsmann und gegen einen mexikanischen Drogendealer auf das Porträt des von ihm selbst gespielten Sheriffs Hank Quinlan. Dieser verlässt sich mehr auf seine Intuition als sorgfältig zu ermitteln und bringt Verdächtige auch mit Hilfe gefälschter Beweise hinter Gittern bringt.

Legendär und furios ist schon der Auftakt mit einer über dreiminütigen Plansequenz. In einer Einstellung erzählt Welles, wie eine Autobombe platziert wird, die Wege des Paares im Auto und des frisch verheirateten mexikanischen Rauschgiftdetektivs Mike Vargas (Charlton Heston) und seiner Frau (Janet Leigh) sich mehrmals kreuzen, die Grenze zwischen Mexiko und den USA überschritten wird, bis die Bombe gerade in dem Moment, in dem sich Vargas und seine Frau küssen, explodiert.

Bei den Ermittlungen trifft Vargas auf Quinlan, den der Mexikaner bald der Fälschung von Beweisen verdächtigt. Um Vargas auszuschalten, kooperiert Quinlan mit dem Bruder des von Vargas verhafteten Drogendealers, der Vargas´ Frau terrorisieren lässt…

Atmosphärisch ungemein dicht beschwürt Welles durch die brillante Schwarzweißfotografie von Russell Metty und eine meisterhafte Musikmontage, die zwischen Swing, lateinamerikanischen Rhythmen und sanfter Pianolamusik wechselt, die Stimmung der schäbigen mexikanisch-amerikanischen Grenzstadt oder eines in der Halbwüste gelegenen Motels.

Verankert in diesem Milieu entwickelt der kompromisslose und immer wieder zur Maßlosigkeit neigende Regisseur eine Krimihandlung, die vor allem durch die ambivalente Figurenzeichnung begeistert. Dominiert wird der Film von einem auch körperlich übermächtigen Orson Welles als Quinlan, der von der Kamera immer wieder in starken Untersichten und verkanteten Einstellungen gefilmt wird. Treffend besetzt sind aber auch kleine Nebenrollen wie der von Akim Tamiroff gespielte schmierige Bruder des Drogenbosses oder Marlene Dietrich als Wahrsagerin, die in jedem Blick und jeder Geste ein Gefühl von Vergeblichkeit und tiefer Melancholie verbreitet.

Einst war diese Tanya wohl Quinlans Geliebte, doch dieser ist nie über den Mord an seiner Frau hinweggekommen. Weil er diesen Fall nicht aufklären konnte, griff er fortan nicht nur zu unsauberen Methoden, sondern verfiel auch dem Alkohol. So dämonisiert Welles Quinlan nicht, sondern verleiht ihm tragische Größe, bis er zuletzt im Müll, der auch für das Chaos der Welt steht, endet.

Weit über den Krimiplot hinaus ist «Touch of Evil» ein packendes existentielles Drama über moralische Grenzüberschreitungen, die in der geographischen Situierung der Handlung gespiegelt werden, und eine faszinierende Auseinandersetzung mit Recht und Gerechtigkeit.

Welles freilich konnte den Film nicht in der von ihm intendierten Fassung fertigstellen. Universal-Studios ließ Szenen nachdrehen und trotz Protest des Regisseurs in einer 95-minütigen Fassung in die Kinos bringen. Die beiden bei Koch Media in der Reihe «Masterpieces of Cinema» erschienenen Blu-ray enthalten nicht nur diese Kinofassung, sondern auch die 108-minütige Fassung der Preview von 1958 sowie eine 1998 nach dem 58-seitigen Memorandum von Welles erstellte 111-minütige Fassung, die zudem über zwei Bildformate verfügt.

Als Extras bietet diese Edition, die über die englische und deutsche Tonspur sowie Untertitel in beiden Sprachen verfügt, Audiokommentare zu allen drei Fassungen sowie ein 21-minütiges «Making of» («Bringing Evil to Life») und ein 17-minütiges Featurette zu den Eingriffen in die von Welles intendierte Fassung und der Rekonstruktion des Originals («Evil Lost and Found»).

Eröffnungsszene von «Im Zeichen des Bösen - Touch of Evil»

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.