Snowpiercer

06.05.2014 Walter Gasperi

Ein Zug rast mit den letzten Überlebenden einer Klimakatastrophe durch eine in Eis erstarrte Welt. Drinnen herrscht ein strenges Klassensystem, doch die geknechtete Unterschicht beginnt zu rebellieren. – In seinem ersten englischsprachigen Film verbindet der Koreaner Bong Joon-ho visuell atemberaubendes und packendes Actionkino mit bissiger Gesellschaftskritik.


Während der Vorbereitungen für seinen Monsterfilm «The Host» im Jahre 2005 stieß Bong Joon-ho in einem Comicladen in Seoul auf die dreibändige Graphic Novel «Le Transperceneige – Schneekreuzer» der Franzosen Jacques Lob, Benjamin Legrand und Jean-Marc Rochette. Sofort war der Koreaner von dieser Geschichte über einen Zug, der für die Überlebenden einer neuen Eiszeit als letzte Zuflucht dient und sich schlangenartig um die Erde windet, so fasziniert, dass er beschloss diese Geschichte zu verfilmen.

Doch zunächst folgte auf den Erfolg von «The Host» (2006) das von der Kritik wiederum gefeierte Thrillerdrama «Mother» (2009), ehe die Drehbucharbeiten zu «Snowpiercer» begannen. Auf Englisch und mit Stars wie «American Soldier» Chris Evans, John Hurt, Tilda Swinton, Jamie Bell und John Hurt drehte Bong dann Anfang 2012 in den tschechischen Barrandov-Studios diesen dystopischen Science-Fiction-Film und präsentierte ihn im Juli 2013 in Südkorea.

Obwohl er dort ein großer Erfolg war, forderte der US-Produzent Harvey Weinstein als Inhaber der Rechte für den internationalen Markt eine rund 20-minütige Kürzung des 126-minütigen Films. Charakterszenen und gesellschaftskritische Akzente sollten gekürzt und das Tempo dadurch erhöht werden. Bong lenkte ein, Schnitt den Film neu, doch Proteste, die darauf hinwiesen, dass solche Eingriffe den Film aus der Balance werfen würden, führten dazu, dass «Snowpiercer» in den Ländern, für die Weinstein keine Rechte hat, nun doch in seiner vom Regisseur intendierten Fassung gezeigt wird. In die US-Kinos, wo die Langfassung laut Bong bei Testvorstellungen besser abgeschnitten habe als die gekürzte, kommt der Film vorerst aber nicht.

Bong holt den Zuschauer in der Gegenwart ab. Im Off-Kommentar erfährt man von der zunehmenden globalen Erderwärmung, die mit einer Chemikalie bekämpft werden soll. Doch der Versuch am 1. Juli 2014 geht schief, die Welt erstarrt in Eis, nur die, die sich in den 650 Meter langen Zug des Industriellen Wilford (Ed Harris) retten konnten, überleben. 17 Jahre später, im Jahr 2031, rattert diese Arche immer noch um den Globus.

Die Gesellschaft ist hier streng aufgeteilt: An der Spitze des Zuges lenkt der wie ein Gott verehrte Wilford die Ereignisse, ganz hinten lebt die geknechtete Unterschicht auf engstem Raum in Lumpen und miesen Schlafplätzen. Als Nahrung erhält sie von der Oberschicht immer wieder aus Abfall hergestellte Proteinblöcke.

Ganz aus der Perspektive dieser Unterprivilegierten erzählt Bong, pfercht den Zuschauer mit ihnen in den Wagen und versetzt ihn in ihren Wissensstand. Klaustrophobische Atmosphäre erzeugt der fensterlose Waggon, die dunklen Blau- und Grautöne, die Überfüllung und der Dreck. Brutal gehen die Wachtruppen gegen Ungehorsam vor, führen dann und wann Fachleute oder Kinder ab.

Schon lange gärt es hier und unter der Leitung von Curtis (Chris Evans) wird ein Aufstand vorbereitet. Bis zum ersten Waggon will man vordringen und dann Wilford durch den greisen Gilliam (John Hurt) ersetzen.

Wie der Zug mit rasendem Tempo nach vorwärts drängt, so rücken bald die Rebellen vor, stoßen aber immer wieder auf Widerstand, der zu heftigen und brutalen Kämpfen führt. Die Dynamik der Maschine korrespondiert mit der Dynamik der Handlung. Nach der dunklen und beklemmenden Exposition öffnen sich nach etwa einer halben Stunde schließlich Blicke nach draußen auf durch in Eis erstarrte Städte oder die gewaltige Schneelandschaft.

Spektakuläre Bilder gelingen Bong hier und meisterhaft stellt er der Weite die Enge im Zug gegenüber, in dem sich mit dem Vordringen auch Licht, Farben, Ausstattung und die Musik ändern und diesen Science-Fiction-Film zu einer visuell immer wieder überraschenden und aufregenden Reise durch die westliche Wohlstands- und Konsumgesellschaft wird.

Virtuos funktioniert «Snowpiercer» so als visuell atemberaubendes und packendes Actionkino. Kein 3D ist hier nötig, keine gewaltigen Explosionen, um die Spannung hoch zu halten. Bong beschränkt sich darauf kompromisslos und ohne Schlenker, aber mit überraschenden Wendungen und im Vertrauen auf markant gezeichnete Figuren eine nach außen hin einfache Geschichte zu erzählen, die unprätentiös vielfältige gesellschaftliche und auch philosophische Fragen aufwirft.

Nicht als strahlender Held erweist sich hier schließlich Curtis, lustvoll spielt Tilda Swinton an der Grenze zur Karikatur eine fiese Ministerin und Ed Harris variiert als Wilford seine Rolle des gottgleichen TV-Produzenten Christof in Peter Weirs «The Truman Show» (1998).

In den Klassengegensätzen kann man sowohl die aktuelle Spannung zwischen den reichen Ländern des Nordens und den Länder des Südens sehen oder aber auch die zunehmende Kluft zwischen Reich und Arm in den Industrienationen. Nicht nur diese Ordnung stellt Bong in Frage, sondern wirft auch die Frage auf, ob es nicht an der Zeit ist, überhaupt aus diesem geschlossenen System, das unaufhaltsam um die Erde und in die Zukunft rast, auszubrechen und einen radikalen Neubeginn zu wagen.

Wird bis Mittwoch 7.5. vom TaSKino Feldkirch im Kino Rio gezeigt (engl. O.m.U.) und läuft derzeit in den St. Galler Kinos (Deutsche Fassung)

Trailer zu «Snowpiercer»

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