Underdog - White God

08.09.2015 Walter Gasperi

In Budapest erhebt sich eine Meute geschundener Hunde gegen die sie peinigenden Menschen. – In starken Bildern und kraftvoller Inszenierung erzählt Kornél Mundruczó in seiner in Cannes preisgekrönten Parabel vom Aufstand der Unterdrückten und Außenseiter gegen die Herrschenden.


Schon der internationale Titel «White God» wie auch der «deutsche» Titel «Underdog» ist ein Spiel mit mehreren Bedeutungen. Während «Underdog» schon auf das Aufbegehren eines Unterdrückten hinweist, der meist im übertragenen Sinn verwendete Begriff hier aber direkt auf Hunde bezogen wird, so erinnert «White God» an Sam Fullers Film «White Dog» (1982). Das Anagramm von »God« und »Dog« hat dabei freilich auch inhaltliche Funktion, denn während bei Fuller ein auf die Jagd von Schwarzen abgerichteter Killerhund zum Haushund umerzogen werden soll, erzählt »White God« von einer exakt umgekehrten Entwicklung. Und schließlich spielt dieser Titel natürlich noch auf die herrschende Klasse, die »weißen Götter«, an, die gesellschaftlich Schwächere und Außenseiter knechten, ausbeuten und unterdrücken.

Mundruczó allerdings erklärte in einem Interview, Fullers Film erst nach Fertigstellung seines eigenen Films kennengelernt zu haben, und gibt als Inspirationsquelle vielmehr den südafrikanischen Autor J. M. Coetzee und dessen Roman «Schande» an, in dem es vor dem Hintergrund der Apartheid ebenfalls um gequälte Hunde geht.

Von den gesellschaftlichen Verhältnissen, von Unterdrückung und Revolution, erzählt Mundruczó auf der inhaltlichen Ebene in Form eines Märchens, auf der formalen aber in hartem Realismus. Auf eine Widmung an den 2014 verstorbenen ungarischen Regisseur Miklós Jancsó und das verkürzte Rilke-Zitat «Alles Schreckliche will unsere Hilfe» setzt der Film unmittelbar mit einer Totalen menschenleerer Budapester Straßen, durch die die 13-jährige Lili (Zsófia Psotta) radelt, ein.

Begleitet von Franz Liszts «Ungarischer Rhapsodie» ist die Kamera mal vor ihr, mal hinter ihr, mal erfasst sie in Zeitlupe Pedale und Kette, bis plötzlich die Musik kräftig anschwillt und eine Meute von 250 Hunden ins Bild kommt und das Mädchen verfolgt.

Abrupt endet diese starke Szene, zu der der Film erst gegen Ende zurückkehren wird, und erzählt nun chronologisch die Vorgeschichte. Weil Lilis Mutter zu einem Kongress nach Australien abreist, soll das Mädchen währenddessen bei ihrem Vater wohnen, der im Schlachthaus arbeitet. Problem stellt bald Lilis Hund Hagen dar, denn der autoritäre Vater kann Hunde nicht ausstehen. Weil es sich dabei zudem um einen Mischling handelt, für den eine Sondersteuer zu bezahlen ist, will er ihn ins Tierheim bringen. Als Lili sich dagegen wehrt, setzt der Vater den Hund kurzerhand auf einer Straße aus.

Parallel erzählt Mundruczó nun von den Erfahrungen Lilis, die in einem Orchester Trompete spielt und dabei vom Dirigenten wie ein Haustier abgerichtet wird, und von Hagen, der auf sich selbst gestellt in einer ihm fremden und gefährlichen Welt ums Überleben kämpfen muss. Wie hier dem Zuschauer mit Handkamera die Perspektive des Hundes aufgezwängt wird, man mit Hagen die Gefahren beim Überqueren einer Straße, das Erschrecken über das Geräusch eines Zuges oder einer Schiffssirene oder die Suche nach Nahrung auf Industriebrachen erlebt, ist ein ebenso originelles wie intensives inszenatorisches Meisterstück.

Gejagt von einem Metzger und Tierfängern, wird Hagen schließlich von einem Obdachlosen gefangen und an einen Veranstalter von Hundekämpfen verkauft, der den treu blickenden Haushund zu einer aggressiven Kampfmaschine abrichtet. Doch der geschlagene und geknechtete Hund wird schließlich nicht nur sich, sondern auch zahlreiche Artgenossen befreien und zu einem großen Rachefeldzug ausholen.

Ganz abgesehen von der Tatsache, dass Mundruczó angeblich völlig ohne digitalen Tricks auskommt und mit 250 realen, von Hundetrainern geschulten Hunden, die im Nachspann namentlich erwähnt werden, gearbeitet hat, besticht «White God – Underdog» durch eine kraftvolle Inszenierung, zu der die nah und dynamisch geführte Handkamera wesentlich beiträgt und die gesellschaftlichen Implikationen, die hier verpackt werden in die actionreiche Leidens- und Befreiungsgeschichte eines Hundes auf der einen Seite und auf der anderen die eines Mädchens, das gegen den Vater rebelliert, bis er ihr Selbstständigkeitsstreben akzeptiert.

Die Hunde stehen dabei freilich für alle Menschen von sozial Schwachen über Roma bis Flüchtlingen, die nicht nur im Ungarn des rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orban unterdrückt und ausgegrenzt werden. Wie einst die Sklaven im Römischen Reich unter der Führung von Spartacus lässt Mundruczó sie sich unter der Führung Hagens erheben und grausame Rache üben.

Was als süße Mädchen-Hund-Geschichte begann, wandelt sich so zum blutigen Tier-Horrorfilm und doch steht am Ende ein - vielleicht auch kitschiges - Bild der Ruhe und des Friedens, das man nicht so schnell vergessen wird, wenn die frenetische Bewegung und das Bellen durch Lilis Trompetenspiel gestoppt wird und Hundemeute und Menschen in Harmonie auf dem Hof des Schlachthauses liegen.

Spielboden Dornbirn: Sa 10.10. + Fr 16.10. - jeweils 20 Uhr
TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Do 29.10., 20.30 Uhr; Fr 30.10., 22 Uhr; Sa 31.10., 22 Uhr

Trailer zu «Underdog - White God»

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