Leseabenteuer

17.06.2007 Haimo L. Handl

Am 7. Juni 2007 verstarb dreiundachtzigjährig der britische Poet und Übersetzer Michael Hamburger. Mit neun Jahren, 1933, führte ihn die Emigration von Deutschland nach England, wo er blieb, sich bildete, arbeitete und starb. Zahlreiche gepriesene Übersetzungen aus verschiedenen Sprachen, insbesondere aber aus dem Deutschen, begründen seinen Ruhm; seine Poems waren früher Teil wichtiger Anthologien in Grossbritannien und den USA; in jüngerer Zeit überwog seine Bekanntheit im deutschsprachigen Raum die des angelsächsischen, was ihn betrübte.


Ich hatte in den Siebzigerjahren mit einem 1969 bei Hanser von Walter Höllerer herausgegebenen Band «Vernunft und Rebellion – Aufsätze zur Gesellschaftskritik in der deutschen Literatur» Bekanntschaft gemacht und war sofort eingenommen von der hohen Qualität der luzide formulierten, klar gedachten, überzeugend argumentierten Essays über Milton und Hölderlin, Heine, Büchner, Nietzsche, Trakl und Benn, um die wichtigsten zu nennen. Michael Hamburger war eine Entdeckung.

Bücher haben ihre Zeit. Lektüre ebenso. Ich las damals, vor dreissig Jahren anders als vor fünfzehn Jahren oder jetzt. Beglückend, wenn die Lektüre neue Seiten zeigt, Fenster öffnet und Tore, Wege freigibt und Weiten erschliesst. Ja, das gegenwärtige Lesen birgt die Chance neuer Überraschungen, weil in der Zwischenzeit viele andere «Wegelagerer» getroffen wurden und ich von ihren Früchten kostete, weil Debatten stattfanden, mit Freunden, Bekannten oder Gegnern.

Vier Texte nahm ich mir in den vergangenen Tagen wieder vor, über Heine, Büchner, Nietzsche und Benn. Ich versenkte mich und fand bald meinen Tisch übersät mit anderer Literatur, die ich entweder bei Hamburger zitiert fand oder die ich vom Thema her bzw. wegen der erwähnten Personen mir aus den Regalen fischte.

Ich wünschte, ich vermöchte wie ein Schamane die Geister nicht nur innerlich zu rufen, sie nicht nur imaginär um mich zu versammeln, sondern körperlich, konkret, für ein Zwiegespräch oder gar eine Gesprächsrunde, in der, «weise» geworden durch die vergangene Zeit und das kumulierte Wissen, jeder, ob Antagonist, Opponent oder Freund, lächelnd, aufmerksam, ruhig, tiefgründig sich äussert. Im Kopf vermag ich es. Und es ist eine Lust! Da sitzt Peter de Mendelssohn, der in seinem Buch «Der Geist der Despotie» Gottfried Benn scharf angegriffen hatte. Er sitzt jetzt neben Hamburger, der ganz frisch zur Runde stiess. Mendelssohns ideologische Abrechnung hat ihre Qualität; ich wünschte sogar, er wäre noch stringenter und schärfer gewesen in seinem Angriff. Wie eigenartig: der Text von Hamburger, aus den Sechzigerjahren stammend, erhellt auf seine Weise, kritisch im literarischen Sinn, das Fänomen Benn. Er relativiert einerseits etwas Mendelssohn Darlegung, führt sie andererseits fort, indem er die Schwächen und Bedingtheiten der Persönlichkeit des Dichters darlegt, die Hamburger früh erkannte, die in seiner Analyse mehr hergeben, als manche jüngere Arbeit, die zu Benns Gedenkjahr 2006 (50. Todestag) erschienen ist.

Heine und Nietzsche. Was Hamburger zu Heine äussert, elektrisiert. Ich lernte und lerne aus dem Essay mehr, als aus ganzen Büchern vieler anderer, vor allem mehr als vom wüst polemisch um sich schlagenden Heine-Experten Briegleb. Das ist Vermögen! Das ist Kunst und Verständnis! Die Brücke zum Deutschen, der sich seines vermeintlichen oder ersehnten Polentums rühmte und Heine vergötterte, wie überhaupt die französische Kultur, Nietzsche, ist mitgeschlagen. Und beide Fänomene verbinden sich, machen eine ganze Kulturdenkgeschichte deutlich, faszinierend. Nicht, weil etwa hagiografisch geplustert und gelobt würde, sondern weil kundig die Bedingtheiten, die Schwächen herausgeschält und interpretiert werden, aber nie mit hostilem Blick, nie höhnend und einseitig abwertend. Das macht die Qualität des Kritikers und Essayisten Hamburger aus.

An seiner Seite sehe ich Erich Heller (1911-1990), der ebenfalls 1939 nach England emigriert war und spätr dann in die USA; bekannt und einflussreich wurden seine Werke «The Disinherited Mind», «The Artist’s Journey into the Interior» oder «Essays on Goethe, Nietzsche, Rilke and Thomas Mann». Hellers Ansichten zu Goethe und Nietzsche fand ich früh interessant, lehrreich, und ein Vergleich bzw. eine Ergänzung mit dem Aufsatz von Hamburger ergibt eine eigentümliche, würzige Melange. Ach, was das für ein Gespräch wird!

Karl Kraus, dessen Attacken gegen Heine heute noch gegen ihn verwendet werden, spricht etwas ruhiger als früher in Wien, meint aber, für vieles, was er sagte, Bestätigung zu finden. Da keiner der Gäste rechthaberisch ist, werden die Argumente beschaut, beäugt, «abgehört», ähnlich wie in der leisen Hammerfilosofie Nietzsches, nämlich abklopfend horchend, was die Nietzscheaner so gründlich hämmernd-schlagend missverstanden hatten.

Während Nietzsche Wasser trinkt, weil es für den Tee zu spät ist und Kaffee oder Alkohol nicht seine Wahl sind, geniessen Heine und Mendelssohn den Wein, schlürft Kraus den Mokka und spricht Benn einem Cognac zu, während Büchner und Trakl sich noch umschauen. Büchner, der junge Mann, interpretiert den Nihilismus von Benn natürlich abwertend, aber nicht maliziös. Trakl, der Expressionist, versucht den anderen Expressionisten Benn zu verstehen, was ihm erst nach aufmerksamen Zuhören einiger Ausführungen von Hamburger gelingt. Dass Heine und Kraus sich sogar zuprosten, wird von niemanden als aussergewöhnlich ersehen. Es passt alles in der Runde, obwohl nichts verbogen und verdeckt wird. Hamburger hat Nietzsches Satz erwähnt «Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist?» Nietzsche ergänzt ihn, wie er vollständig lautet: «dies wurde für mich der eigentliche Wertmesser.» Wie viel Wahrheit? Im Leben, in der Kunst, in der Prosa, in der Poesie? Alle äussern sich, und obwohl widersprechend und uneinheitlich, ist eigentlich alles klar.

Meine Augen huschen über die Zeilen. Die Gäste haben sich entfernt. Michael Hamburgers Buch liegt da, als ob er es auf dem Tisch hätte liegen lassen. Ich lese Anmerkungen von mir und versuche mir wachzurufen, was ich wohl damals, als ich sie notierte, gedacht haben mochte, da ich es jetzt so verstehe, dass mir einige Notizen unnütz oder überflüssig erscheinen. Ich muss wohl anders gewesen sein, wie die Gäste auch. Die Schrift aber ist immer noch da, der Text, das Buch. Wie in Abbildern zeigen die Texte gewisse Seiten. Sie widerspiegeln. Bücher, die in der Wiederbelebung zu Vergegenwärtigungen führen, sind Schlüssel und Wege. Wege zum Ziel. Man wird zu einem Schamanen.

Jetzt will ich gar nichts mehr über den Dichter und Kritiker Hamburger sagen. Ein altes, kleines Buch von ihm hat mir soviel heraufgebracht, dass mir der Mund überginge, wollte ich weiterreden.

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