Über ungeschriebene Bücher

28.02.2008 Haimo L. Handl

Von George Steiner, dem polyglotten Kultur- und Literaturtheoretiker ist 2007 ein Buch in deutscher Übersetzung im Hanser Verlag erschienen: «Meine ungeschriebenen Bücher». Ein Buch, das, von jemand anderem als Steiner, der viel publizierte, so tituliert, leicht als kokett empfunden würde, bleibt bei diesem Autor unspekulativ, authentisch und hoch interessant. Es sagt viel aus über den Autor und seine Denkwelten. Eine Fundgrube, ähnlich wie bei Nietzsche, der auch über ungeschriebene Bücher geschrieben hat (Fünf Vorreden zu fünf ungeschriebenen Büchern, 1872).


Sieben Bücher und Themen breitet er aus und gibt damit nicht nur ein Bild seiner komplexen Denkwelt, sondern liefert nebenbei eine kleine Kulturgeschichte. Auch gewährt er, en passant, einige fast private Einblicke, die dieser sich als höchst unpolitisch bezeichnende, scheue Mensch sonst nicht freigibt.

Um es vorweg zu sagen: Er begeistert und überzeugt. Eigentlich möchte ich nur loben, finde mich aber in der misslichen Lage, an einem Text, an einer Denkhaltung Kritik üben zu müssen. Das Problem besteht darin, diese so anzubringen, dass sie nicht nur eine «Pflichtübung» ist, andererseits kein simples Aburteilen oder Etikettieren wird. Es geht auch nicht um Rechthaben oder Besserwisserei, sondern um eine wesentliche und substanzielle Werteposition. Es geht um Ideologie und Weltanschauung.

Obwohl Vergleiche hinken, sehe ich mich fast wie Heinrich Böll, der seine Rezension eines Buches von Hilde Domin, das er generell schätzte, in einem Punkt heftig kritisierte und wie folgt einleitete: «Das schwierigste Problem bei dieser Rezension: wie schreibe ich über ein Buch, an dem ich einige Kleinigkeiten als sehr ärgerlich empfinde, den weitaus größten Teil erstaunlich gut? Schreibe ich über das, was mir ärgerlich vorkommt, am Anfang oder am Schluß und in welcher Proportion?» (16.4.1974)

Bei Steiner handelt es sich um keine Kleinigkeit. Ich will dennoch nicht mit der negativen Kritik beginnen, sondern mit der hohen Wertschätzung, die ich für diesen Autor und sein Schreiben hege.

Die sieben Beiträge sind zwischen 27 Seiten («Über Mensch und Tier», der für mich «privateste») und 48 Seiten («Bildungsfragen) lang. Sie könnten alle länger sein, man wünschte es sich, so sehr ziehen Steiners Gedanken den aufmerksamen Leser hinein. Er verführt nicht, er lädt ein, er breitet Wege und geistige Landschaften aus, Rücksichten (Rückschau)und Aufsichten (Beschau), die im Gedankenumdrehn, wie im Handumdrehn zu Vorsichten einer Vorschau sich komprimieren und komplexieren. Ein Kaleidoskop, ohne gestelzt oder bemüht zu wirken.

Was offeriert er uns? »Chinoiserie« und wie er wegen Joseph Needham doch kein Buch über ihn für die Reihe »Modern Masters« schrieb, obwohl Needham ein Master ist und Steiner nach wie vor den Wunsch zu schreiben verspürt. »Invidia« und wie er das Buch über Francesco Stabili, das ist Cecco d'Ascoli, nicht schrieb, weil es ihm »zu tief unter die Haut« ging. »Die Zungen des Eros«, das wagemutigste Projekt, das er, wegen des tiefen Verständnisses und der gleichzeitigen Furcht einer Beschädigung seines Privaten doch unterliess.

»Zion« über das Judentum, von den Wurzeln bis herauf in die Gegenwart, komplex, tiefschichtig verwoben, anmassend, verstörend; – die Einsicht, die Argumente doch nicht so vorlegen zu können, wie gewollt, und das Nichtbeherrschen des Hebräischen, führten zum Abbruch, zur Aufgabe. »Bildungsfragen«, ein Thema, in dem er eigentlich »daheim« ist, das er als Lehrender in vielen Ländern und Institutionen kennt, das in vielen seiner Schriften immer wieder tiefsinnig berücksichtigt und bedacht wurde, liess er schliesslich als »verrücktes Projekt« liegen, weil es nur als Teamwork, als gut organisiertes Gemeinschaftswerk zu bewerkstelligen wäre. Und dafür sieht er sich ungeeignet. »Daher muss ich versuchen, meine eigene Arbeit zu tun.«

»Von Mensch und Tier«, die berührendste Arbeit dieses Buches. Wahrscheinlich für viele überraschend. Mit vielen Blicken auf Privates, immer verbunden mit weitführenden kulturellen, filosofischen, psychologischen Gedanken. Tief und human, ganz und gar »untheoretisch«. Er versagte sich die Ausführung, weil er, wie er meint, mehr psychologisches und erzählerisches Geschick bedürfte und weil er sich, ehrlich bekannt, vor der »peinlichen Selbsterforschung« scheute. »Petitio principii« sollte über seine politische Haltung handeln, sein Verständnis von Person, Gruppe, Diskretion und Privatheit. Das Engagement, aber auch die Abwesenheit Gottes. Es bleibt beim Plan, beim Versuch. Denn, »auch die Seele muß ihre Intimsphäre haben« und: »Schon jetzt habe ich zu vieles gesagt, zu vieles nicht gesagt.«

Jeder dieser sieben Texte gäbe genügend Stoff für eine eigene Rezension und Kritik. Obwohl das Buch »nur« 263 Seiten aufweist, wiegt es mehr, als es umfasst. Jene, die andere Bücher von Steiner kennen, werden sofort Verbindungen herstellen, Denk- und Deutungshintergründe aufhellen und von daher den Ausführungen noch mehr Gewicht zulegen. Eigentlich ist nichts »isoliert«. Namen, Gedanken, Texte verbinden sich zu früheren Erwähnungen, Ausführungen, Argumenten. Die vorliegenden Texte haben ihr zusätzliches Echo, wie es allen mehrschichtigen, mehrdimensionalen eigen ist. So findet man Bezüge zu Sätzen aus »After Babel«, das sich mit einigem aus »Extraterritorial« verbindet, dann wieder zu einem jüngeren Buch wie »Grammars of Creation« oder »No Passion Spent« bzw. »On Difficulty« oder »Real Presences«, um nur einige herauszunehmen und zu erwähnen. Dabei geht es nicht nur um einzelne Aufsätze zur Thematik, wie »Eros and Idiom« (1975) oder »The Distribution of Discourse« (1978), auch zur Erotik, sondern generell um das Aufspüren von Wegmarken bzw. das Vergegenwärtigen und Aktivieren eines weitgespannten Netzes und das Verstehen, wie und woraus es wuchs. Es würde hier zu weit führen, die einzelnen Verbindungen auszuweisen, ihnen nachzugehen; sie gehören zum Lesevergnügen des »Eingeweihten«.

Der Text, der mich erschreckte und betrübte, ist, wie aus der obigen Erwähnung ersichtlich, »Zion«. Was in früheren Schriften hie und da schon anklang, z.B. in »Grammatik der Schöpfung« oder in einigen Aufsätzen, die man in »No passion spent« findet, ist eine Ideologie, ein Glauben an das Biologische, also Rassische, als Gegebenheit. Die Kraft des Blutes. Das Auserwählte, das Vorgegebene. Man wird nicht, was man ist, man ist geboren worden als das, was man wurde: »I have implied throughout, the intellectual, the inebriate of thought is, like the artist or philosopher, though to a lesser degree, born and not made (nascitur non fit, as every schoolboy used to know).« [The Archives of Eden, 1981]. Eine kleine Bemerkung in einem Essay über den American way of life. Steiner ist ein Kritiker des Zionismus bzw. der Politik Israels; das findet sich auch in der profunden Abwägung der Geschichte der Juden in »Our Homeland, the Text« (1985). Er illustriert seine Kritik auf so drastische Weise, dass sie, wäre sie von einem Goi geäussert, sofort als antisemitisch denunziert werden würde: »Jewish orthodoxy continues in its often jejune formalism, in its feverish atrophy in ritualistic minutiae. Worse: in Israel it has fuelled state savagery and corruption – for let us never forget that each time a Jew humiliates, tortures or makes homeless another human being, there is a posthumous victory for Hitler.« (»Through That Glass Darkly«, 1991)Grandios. Klarsichtig und richtig. Noch heftiger im vorliegenden, rezensierten Buch. Aber das ist die eine Seite. In »Zion«, worin eben auch die scharfe Kritik an Israel zu finden ist, kommt er dennoch zum Kern, zum Punkt. Klar, er ist kein Zionist, kein Nationalist. Er hetzt nicht. Er ist gebildet und versteht sich als unpolitisch. Gibt Zeugnis davon, wiewohl seine Eigeninterpretation nicht verbindlich genommen werden muss. Darum geht es nicht.

Es geht um die Suprematie, die Auserwähltheit, das Ariertum. Es geht um eine biologische Besonderheit, die das Jüdische ausmache. Es geht um einen Skandal. Alles, was Steiner gescheit, belesen, kundig, tiefgründig ausbreitet zur Kultur der Juden wiegt nicht auf, was er im Überschreiten des Rubikon sagt. »Mehr denn je gibt es keine vertretbare Rechtfertigung dafür, die Juden als Rasse zu definieren. Amen. Und doch.« Aha. Und doch. Was jetzt: Definition als Rasse, nach all dem Wahn? Mit all der hohen Wissenschaftlichkeit oder gerade deretwegen? Hat sich was verschoben oder wiederzurechtgeschoben? Die Frage wird klar formuliert: »Gibt es eine «Jüdischkeit», die nicht von historischen Umständen und gesellschaftlichem Milieu abhängt, die aus verhaltensmäßigen Reflexen oder weitgehend mythologischen aufgezeichneten Traditionen resultiert? Ist da noch etwas Tieferes? Die Frage ruft nicht nur streitsüchtiges Unbehangen hervor, weil sie auch die des Antisemiten ist. Sie kann sich auch als letztlich unbeantwortbar erweisen.« (S. 127)

Soll die Sorge nur gelten, weil auch Antisemiten sich dieser Frage widmen? Das wäre eine zu simple Instrumentalisierung. Es geht um etwas ganz Anderes. Was Steiner in folgenden Absätzen dieses Kapitels ausbreitet, ist bunt und informierend, manchmal klischiert. Aber es überdeckt nicht den angesprochenen Kern, es verkleidet nicht das Tabu, das gebrochen wurde, das Rassische, das Rassistische. Ich rechne das nicht der langen, positiven Aufzählung der besonderen Qualitäten zu, die, von einem anderen geschrieben, leicht als philosemitisch abzutun wären. Das rührt an kein Problem. Aber wenn nicht Historie und Kultur als Erklärboden gelten, sondern neben dem Göttlichen das Biologische, das Genetische, dann ist das Feld der aufgeklärten Übereinkunft der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen verlassen. Tätigt George Steiner diesen Schritt. Ja. Zögerlich, eskamotierend, umständlich und feinfühlig zugleich alles bedenkend, aber doch. »Die Annahme der Vererbung erworbener Eigenschaften schwebt wie ein ironischer Geist im Grenzbereich wissenschaftlicher Respektabilität und liberaler Alltagsvernunft. Könnte es nicht der bessere Teil der Arroganz sein, wenn wir zugäben, dass wir über die generativen Interaktionen zwischen Natur und Erziehung nur wenig wissen, dass vielleicht «illiberale» Überraschungen auf uns warten?« (S. 137)

Die »illiberalen« Überraschungen sind nicht neu. Sie werden nur wiederbelebt, re-aktiviert. Neuerdings dank der Biologie, Gentechnik und Neurowissenschaft. Eine moderne Form des Rassismus: moderne Termini sagen das Gleiche, was der krude Rassismus früher behauptete, nur klingt es heute, erst recht einem unkritischen, wissenschaftsgläubigem Publikum, »wissenschaftlich". Kein Zufall, dass in den USA laut über genetische Besonderheiten von Negern wieder gesprochen wird. Das hat doch Geschichte. Und wenn Juden ihr Judentum in gleichen Dimensionen und Kategorien definieren, wie ihre Todfeinde früher, muss doch klar werden, dass hier ein Problem existiert, das weiter und tiefer reicht als bislang angenommen.

Ein öffentlich wirksamer Hetzer äussert sich ähnlich. Henry M. Broder sagt es etwas verschwommener, aber doch klar: Jude kann man nicht werden, als Jude wird man geboren. Nun, der Kern der Aufklärung war die Überwindung dieses Blutdenkens, dieser vermeintlich genetischen Fixierung und Determinierung. Zwei Generationen nach dem Grossen Krieg, nach dem Holocaust, sprechen Nachfahren der Opfer in einer Sprache, die von den barbarischen Rassisten entlehnt scheint, jedenfalls deren Gedankenwelt zum Kerninhalt hat.

Plötzlich argumentieren Juden, auch wenn sie nicht Zionisten sind, von der genetischen Besonderheit, von der Auserwähltheit. Dafür gibt es andere, bekannte Begriffe. Verbirgt sich dahinter ein uraltes Problem, eine nahe Verwandtschaft, die verzweifelt geflissentlich überdeckt, verdeckt, versteckt wurde, weil sie einen schier unaushaltbaren Abyssus offen legt, tiefer, als Büchners Woyzeck ihn sah?

Solche Sichten geben nicht nur Antisemiten Argumente. Und das wäre auch kein Grund, sie nicht zu äussern. Sie geben aber Aufgeklärten Argumente und stellen bohrende Fragen: was ist es, das Menschen dazu treibt, eine Superiorität zu reklamieren, eine genetische Sonderstellung, eine Auserwähltheit?

Wie verwandt war der Kampf der nordischen Arier gegen die semitischen? Bewegten sie sich in gleichen oder selbigen Denkbahnen und Ansprüchen? Noch viel mehr käme hoch, würde das offene Denken in unseren Gesellschaften nicht nur erlaubt sein, sondern auch gepflegt werden dürfen. Ich will damit nur andeuten, dass dem Problemkomplex Tiefen zukommen, die ich hier nicht einmal anreissen und anleuchten kann. Nur andeuten.

Das ist der Grund, weshalb mich das Buch von George Steiner betrübte und erschreckte. Neben all der hohen Bildung, dem Reichtum an Wissen und Verstehen leifert er kleine Hinweise auf Abgründe, die ich überbrückt gehalten habe und als überbrückt wünsche. Das schmerzt.


George Steiner: Meine ungeschriebenen Bücher
Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer. München, Hanser 2007 (Edition Akzente); ISBN 978-3-446-20934-3

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