Tribüne – Zeitschrift für Sprache und Schreibung

12.03.2008 Haimo L. Handl

Im April 2007 hat der Verlag Infothek die Zeitschrift vom Österreichischen Bundesverlag übernommen, weil sie dort nicht mehr weitergeführt worden wäre. Im ersten Jahr konnte die Abonnentenzahl erhöht und, nach einigen Umwegen, die Mitarbeit von geistigen «Zulieferern», ohne die keine Zeitschrift überleben könnte, gesichert werden.


Das Heft 4/2007 handelt von «Sprichwörtern und Redensarten». Die interessanten Beiträge verdienten mehr Platz; leider ist der Heftumfang auf 28 Seiten beschränkt. Das erlaubt nur wenige Artikel und die nur kurz, zumindest für eine Fachzeitschrift. Dennoch bietet die Zeitschrift interessanten Stoff: für Lektüre und Debatte.

Hier einige kurze Anmerkungen zu einzelnen Beiträgen:
In «Redewendungen im österreichischen Deutsch» bemerkt der Autor Peter Ernst, dass Phraseologismen «wie alle sprachlichen Zeichen» natürlich dem Wandel der Zeit unterworfen seien, dass es schwer sei herauszufinden, ob es «typisch österreichische Redewendungen» gäbe und dass der Sprach- bzw. Redeartensbildungseinfluss gerade durch die «Vorbildrolle des Fernsehens» stärker sein dürfte als angenommen.

Er verweist auf einige Versuche von Linguisten, über Sprachen auch mentalistische Eigenheiten und Unterschiede festzumachen und warnt vor solcher Art Fragestellung: «Keiner dieser Unternehmungen ist bisher überzeugender Erfolge beschieden gewesen, und es muss unbedingt angezweifelt werden, ob solche Fragestellungen a priori sinnvoll sind, bergen sie doch die große Gefahr der Stereotypenbildung und der Konstruktion von »Mentalitätsschablonen« (d.h. der Bildung von Vorurteilen).»

Hier wäre eine Debatte lohnend. Ich sehe keinen wissenschaftlichen Bedarf, Fragen schon a priori als sinnlos und nicht fragwürdig hinzustellen. Damit engte man sehr orthodox zensierend ein. Zudem ist es eine Frage des Sinngefüges oder der Filosofie bzw. der Ideologie, mentalistische Konzepte überhaupt als nicht sinnvoll hinzustellen. Die Argumentation gegen mentalistische Konzepte könnte umgekehrt sehr sinnvoll sein. Die Antwort, das sei schon a priori nicht als sinnvoll zu behandeln, wirkt wie eine Ausflucht.

Weiters verbirgt sich im Urteil des Autors ein Problem zum Konzept der Stereotypie und des Vorurteils. Liefert die «Schablone» das Vorurteil oder wird dieses eher durch gewisse Schablonen begünstigt und befördert? Gilt ersteres, würde der Sprache, dem Symbolsystem eine determinierende Eigenschaft zugesprochen, die so nicht zu akzeptieren wäre, ausser man folgt selbst einer Sprachauffassung, die dann der mentalistischen benachbart ist oder gar, ungewollt, ihr gleich ist. Vorurteile können auch ohne sprachliche Schablonen gebildet werden. Es bedarf keiner bestimmten klischierten oder hoch stereotypen Sprache, um Vorurteilshaltungen zu pflegen. Das Fänomen ist ja, dass Vorurteile von Angehörigen unterer bis oberer Bildungsschichten vertreten werden, von hochgradig Sprachsozialisierten und solchen, die im restringierten Kode befangen bleiben.

«Zur Theorie der Phraseologismen: Möglichkeit und Unmögliochkeit der Negation von verbalen Praseolexemen» schreibt Christiane M. Pabst. Sie geht zuerst auf Ferdinand de Saussure ein, mit dessen Erkenntnissen «die Natur des sprachlichen Zeichens» gut vor Augen geführt werden könne. Das verwundert insofern, als hier von «Natur» geschrieben wird, wo doch Sprache DAS Kulturgut, DAS Symbolsystem par excellance ist. Hier verwendet die Autorin eine Frase, eine alte Metafer.

«Eine idiomatische Wortgruppe kann man sich als EINE in unserer Sprache gespeicherte Einheit vorstellen, als ein einziges sprachliches Zeichen. Ebenso wie wir also etwa dem Ausdruck »Rose« EINEN spezifischen (in diesem Fall konkreten) Inhalt zuordnen, assoziieren wir mit dem Ausdruck »jd. Streut jm. Rosen« auch EINE bestimmte (abstrakte) Vorstellung.» Man «kann» sich vorstellen. Und wenn man sich das nicht so vorstellt oder vorstellen will, wie die Autorin meint, dass man könne? Was dann? Welchen einen spezifischen Inhalt «Rose» meint sie, der zugeordnet würde? Wie ist die abstrakte Vorstellung der Redewendung «jemand streut jemandem Rosen» zu verstehen? Wie hat sie das gemessen?

Vorstellungen, Vorstellungsbilder sind das Eine, und Auskunft darüber sind das Andere. Man weiss aus der Psychologie, dass «innere Bilder», Vorstellungen hochkomplex sein können, die sprachliche Mitteilung darüber rudimentär, fragmentiert, unbeholfen etc. Welche Messungen wurden bei welchen Personen mit welcher Verbalintelligenz bzw. welchem Sprachvermögen durchgeführt?

«Die Veränderung eines Elements des Phraseolexems kann zur völligen Unverständlichkeit des gesamten Phraseolexems führen (verändert man z.B. »jd. Streut jm. Rosen« zu *»jd. Streut jm. Gänseblümchen«, ist damit keine Vorsellung mehr assoziierbar).» Dem ist zu widersprechen. Ich bemerke weder eine VÖLLIGE Unverständlichkeit, noch KEINE Vorstellung. Es funktioniert nur die Frase, die Redewendung bzw. das Idiom nicht. Wird das Fraseolexem geändert, erzeugt nicht mehr das Idiom als Einheit den semantischen Gehalt, sondern die einzelnen Satzteile entsprechend der beachteten Syntax und der verwendeten Begriffe und ihrer Semantik. Das führt wahrscheinlich zu Irritationen oder, je nach Sprachkompetenz, zu Verständigungs- oder Verstehensproblemen, aber das ist weit entfernt von «völligem» Unverständnis oder «keiner» Vorstellung. Es stellt sich nur die Vorstellung nicht ein, die das Idiom evoziert hätte.

Man kennt dieses Fänomen aus dem Fremdsprachenbereich. Viele, die eine fremde Sprache sprechen, sind nicht sehr geübt in der fremdsprachigen Idiomatik. Trotzdem werden sie mehr oder weniger verstanden.

Im Beitrag «Das Salz der Sprache – Redewendungen im Deutschunterricht» bemerkt Helen Bito, dass Maturantinnen und Maturanten viele Redewendungen «gar nicht oder nur äußerst vage bekannt» waren (sie hatte eine kleine Untersuchung durchgeführt und das Verständnis von 40 Frasen erkundet). Ihr Fazit ist: Lernprogramm für Redewendungen im Deutschunterricht, Wortschatzerweiterung und Leseerziehung.

Elke Peyerl steuert «Homonyme Zwillingsformen der österreichischen Umgangssprache» bei und Hubert Bergmann «Eulen nach Athen & Kohle nach Newcastle – Geografische Eigennamen und Phraseologismen». Von Anhelina Chahley lesen wir «Neologismen in der Phraseologie» und der Herausgeber und Verleger Bruno Prowaznik beschliesst mit «Der Duden und das Österreichische Deutsch».

Ein schmales Heft, von dem man sich wünschte, dass es umfangreicher werden könnte, damit der wissenschaftliche Diskurs geführt werden kann.


Tribüne. Zeitschrift für Sprache und Schreibung ISSN 1608-5884, Wien, Verlag Infothek. Einzelheft EUR 6,00; Abo Österreich: EUR 23,50, Ausland: EUR 27,00

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