"Szenen aus Goethes Faust" in Zürich

25.06.2007

24.06.2007 bis 30.06.2007  Opernhaus Zürich

Sein «Faust», so bemerkte einst Goethe, beginne im ersten Teil als Tragödie und ende im zweiten als Oper. Sein Wunsch war vor allem, dass «nur ein rechter Komponist sich daran mache». Die Musik müsse «im Charakter des »Don Juan« sein» – Mozart hätte sie seiner Meinung nach komponieren müssen.


Welche zentrale Bedeutung Goethe für Schumanns Leben und Werk hatte, zeigen umfangreiche Studien der letzten Jahre auf, etwa die 2006 erfolgte Erstherausgabe von dessen «Dichtergarten», einer von Schumann angelegten Anthologie mit Zitaten zur Musik. Auffallend ist dabei, dass der Komponist im Unterschied zu seinen Zeitgenossen eine besondere Vorliebe für das Alterswerk des Dichters hegte, dessen Kenntnis für sein unzeitgemässes und eigenständiges Goethe-Bild sorgte und ihn zu einer Deutung des «Faust» befähigte, die bis in unsere Zeit auf Befremden stiess.

Häufigster Vorwurf war die lose Folge scheinbar willkürlich ausgewählter Werkpartien durch Robert Schumann, die insbesondere durch die Überakzentuierung der Schlussszene die verschiedenen Lebensphasen Fausts zu Episoden zusammenschrumpfen liesse. Und in der Tat: Wurde Goethes «Faust» noch bis ins 20. Jahrhundert hinein eher mit der «Tragödie 1. Teil» gleichgesetzt, konzentriert sich Schumann in seiner Auswahl vorwiegend auf den zweiten Teil, der lange «als ein Ausbund frostig allegorischer Geheimniskrämerei und als ein »nationaler Besitz« von schrulliger Ungeniessbarkeit» (Thomas Mann) galt.

Die Arbeit an den von ihm ausgewählten Szenen hat Robert Schumann nahezu ein Jahrzehnt beschäftigt, immer wieder durch andere Arbeiten, aber auch durch psychische Krisen unterbrochen: «Genoveva», «Manfred» und die letzten drei seiner Sinfonien sind die Hauptwerke, die in diesen Jahren (1844-1853) entstanden. Als erstes komponierte Schumann den in 7 Nummern gegliederten letzten Teil seines drei Abteilungen umfassenden Werkes, die Schlussszene aus «Faust II», d.h. die gesamte «Bergschluchten»-Szene mit dem abschliessenden Chorus mysticus. 1847 beendete Schumann das Finale, 1848 den Chor «Gerettet ist das edle Glied der Geisterwelt vom Bösen».

Im Anschluss daran gestaltete Schumann die beiden ersten Abteilungen, die in jeweils drei Nummern untergliedert sind. Mit der «Szene im Garten», «Gretchen vor dem Bild der Mater dolorosa» und der «Szene im Dom» ist die erste Abteilung der Figur des Gretchen gewidmet, für die zweite Abteilung wählte der Komponist die Szenen «Ariel. Sonnenaufgang», «Mitternacht» und «Fausts Tod» aus dem zweiten Teil der Tragödie.

Kopfzerbrechen bereitete ihm dann die Ouvertüre, die er aber für unabdingbar hielt: «Ich bin oft mit dem Gedanken umgegangen, eine Ouvertüre zu den Faustszenen zu schreiben, habe aber die Überzeugung gewonnen, dass diese Aufgabe, die ich mit für die schwierigste halte, kaum befriedigend zu lösen sein wird; es sind da zu viele und gewaltige Elemente zu bewältigen. Doch aber wird es nötig sein, dass ich der Musik zum Faust eine Instrumentaleinleitung voranschicke, sonst rundet sich das Ganze nicht ab, und die verschiedenen Stimmungen müssen auch vorbereitet sein. Indes kann man so was nicht auf der Stelle machen; ich muss den Moment abwarten, dann geht es schnell. Ich habe mich, wie gesagt, häufig mit der Idee einer Faustouvertüre beschäftigt, aber es geht noch nicht», äusserte er Anfang des Jahres 1851 Wilhelm von Wasielewski gegenüber.

Im August 1853 schliesslich setzte Schumann mit der Ouvertüre den «Schlussstein» zu seinen «Szenen aus Goethes Faust», deren Entstehen oft von Selbstzweifeln begleitet wurden. Eine vollständige Aufführung der «Faustszenen» sollte Schumann nicht mehr erleben. Nach einer postumen ersten Gesamtaufführung in privatem Rahmen am 30. Januar 1859 gelangte das Werk erst am 14. Januar 1862 in Köln zur öffentlichen Uraufführung, die Clara Schumann zu der Überzeugung brachte, dass die «Faustszenen» dereinst «einmal ihren Platz neben den grössten Werken überhaupt einnehmen werden».

Das Singuläre von Schumanns «Faustszenen» beginnt für Franz Welser-Möst schon damit, dass er der einzige Komponist ist, der Goethes Text unverändert übernommen hat. Er wollte eindeutig nicht eine Handlung vertonen, sondern mit seiner Musik zum Kern des Dramas vordringen. Schon der erste Akkord der Ouvertüre – eine Dissonanz mit ungeheurer Sprengkraft, die eine riesige auffahrende Geste auslöst – beinhaltet im Grunde alles, was dann folgt, nämlich die Sehnsucht sich in Konsonanz aufzulösen.

Vor allem aber wird in den «Faustszenen» eine Auflösung des Formalen spürbar – eine Tendenz, die auch in anderen seiner Spätwerke, etwa dem Violinkonzert oder jenem für Violoncello zu beobachten ist ebenso wie in den Klavierwerken aus dieser Zeit, und die sich in der zweiten Sinfonie von 1845/46 erstmals ankündigt. Damit ist Schumann seiner Zeit weit voraus, denn erst Gustav Mahler sollte in seinen Sinfonien diesen Weg weiter beschreiten.

Ein anderer Aspekt von Schumanns Umgang mit dem Stoff ist die Tatsache, dass er absolute Musik komponierte, keine bildhafte oder illustrative, was sicher nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass Goethes sprachmächtige Metaphern eine Verdoppelung von vorne herein ausschliessen. Schumann geht es um die Essenz der Tragödie, letztendlich die Betrachtung der menschlichen Natur, und dieser nähert er sich von immer neuen Gesichtspunkten aus. Der oft wiederholte Vorwurf von Disparatheit, von beziehungslos aneinander gereihten Szenen, beruht auf einem grossen Missverständnis. Alles in dieser Partitur ist untereinander verbunden, bildet einen lebendigen Organismus, in dem ja gleichfalls die unterschiedlichsten Teile einander bedingen.

Bestimmend für die Produktion der «Faustszenen» in Zürich ist die theatralische Sprache des Wiener Aktionisten Hermann Nitsch, der mit seinen Arbeiten von Beginn an polarisierte. Von der zunächst literarisch formulierten «Wortdichtung» führte ein nächster Schritt zu den «Malaktionen», in denen grossformatige Leinwände mit Farbe überschüttet wurden: es entstand eine ekstatische dionysische Malerei, die durch ein exzessives Erleben aus der Verdrängung geholten Registrations- und Empfindungsmöglichkeiten wurden seismographiert, anschaubar, durch die Kunst bewusst gemacht. Die Farbschüttungen auf die Leinwand verlegte Hermann Nitsch dann ab 1963 auf einen grösseren Aktionsradius. Er begann Menschenleiber mit Blut zu begiessen, Tierkörper auszuweiden und zu zerlegen sowie rituelle Spektakel zu inszenieren, die als blasphemische Tabu-Verletzungen empfunden und geahndet wurden.

Der Bühnenraum, den Hermann Nitsch für seine Umsetzung der «Faustszenen» gestaltet hat, ist spartanisch gehalten und lebt hauptsächlich von Projektionen, die zusätzlich mit Farbskalen überblendet werden. Dabei geht es nicht um eine Bebilderung des Geschehens, sondern um assoziative Verstärkungen, die im nicht gelenkten Ablauf Spielräume öffnen und im immer wieder neu entstehenden Aufeinanderprallen von Farben, Formen und Tönen der Fantasie jedes einzelnen keine Grenzen setzen. Mit der Überlagerung durch Farbskalen der in seinen Bühnenraum projizierten laufenden oder stehenden Bilder knüpft Hermann Nitsch an eine Idee an, die schon Mitte der Sechzigerjahre entstand, als er extrem leuchtende, aber an Substanz gebundene, verschüttbare Farben bei seinen Aktionen einsetzte und zur gleichen Zeit die reine, fast unsubstantielle Farbe in sein Theater durch Projektionen integrieren wollte.

Diese Idee setzt sich auch in den für Schumanns «Faustszenen» entworfenen Kostümen fort, die die Form der seit 1960 in seinem Orgien Mysterien Theater getragenen kuttenartigen, einfach geschnittenen weissen Malhemden variieren. Werden diese während der Aktionen automatisch befleckt, besudelt und beschmutzt und sind somit letztlich ein Abbild der theatralischen Vorgänge, so sind sie für diese Inszenierung bereits gestaltet und auch hier bedient sich Hermann Nitsch aller Farben des Regenbogens, die durch die Bewegungen der Protagonisten, insbesondere der Chöre, immer neue Farbkombinationen erzeugen.


Szenen aus Goethes Faust
für Soli, Chor und Orchester
von Robert Schumann (1810-1856)
nach «Faust. Eine Tragödie»
von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Premiere am Sonntag, 24. Juni 2007
Im Rahmen der Zürcher Festspiele
Musikalische Leitung: Franz Welser-Möst
Inszenierung: Hermann Nitsch und Andreas Zimmermann
Ausstattung: Hermann Nitsch

Weitere Vorstellungen:
Di 26.06.2007
Do 28.06.2007
Sa 30.06.2007
jeweils 19 Uhr

Opernhaus Zürich
Falkenstrasse 1
CH-8008 Zürich
T: 0041 (0)44 26864-00
F: 0041 (0)44 26864-01
E: info@opernhaus.ch
W: http://www.opernhaus.ch
  • © Suzanne Schwiertz
  • © Suzanne Schwiertz
  • © Suzanne Schwiertz
  • © Suzanne Schwiertz
  • © Suzanne Schwiertz

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net
Hinterbergstrasse 2, CH-8604 Volketswil
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net
©artCore 2001-2014. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.