Die Frau in der Kunst

05.11.2008

28.06.2008 bis 09.11.2008  Kunstmuseum St. Gallen

Maria oder Muse, Heilige oder Verführerin? Das Frauenbild in der westlichen Kultur ist dominiert durch eine Reihe gängiger Klischees, die über Jahrhunderte in einer von Männern bestimmten Welt entwickelt und überliefert worden sind. Insbesondere bildende Künstler liessen ihren Phantasien freien Lauf und übersetzten sie in Bilder oder Skulpturen – gleichsam als männliche Projektion des Weiblichen schlechthin. So finden sich in ihren Werken ehrfürchtige Jungfrauen neben wollüstigen Nymphen, sittsame Hausfrauen neben bösartigen Furien – bis weit ins 20. Jahrhundert hinein!


Den durch gesellschaftliche Strukturen sanktionierten Männerphantasien stehen nur wenige Bildfindungen historischer Künstlerinnen gegenüber: Angelika Kauffmann (1741–1807) war, obwohl Jahrhunderte lang vor allem als Goethes Muse angesehen, eine der zentralen Künstlerinnenpersönlichkeiten im Rom des ausgehenden 18. Jahrhunderts, fand indes erst seit den 1970er Jahren die ihr gebührende Beachtung in der Kunstgeschichtsschreibung, genauso wie Sophie Taeuber-Arp (1889–1943) oder Madeleine Kemeny (1906–1993) als bedeutende, allzu lange unterschätzte Vertreterinnen der Klassischen Moderne.

Mit dem Damenzimmer setzt die St.Galler Künstlerin Manon (*1946), selbst eine herausragende Protagonistin feministischer Kunst, der Frau ein künstlerisches Denkmal, das in krassem Gegensatz zu den historisch überlieferten Frauenbildern steht. Die 1990 entstandene Installation ist eine Hommage an die Frau, ihre Energie und ihre Kreativität. Dabei handelt es sich bei der suggestiven Inszenierung um eine Form der Verehrung und des Freilegens von verschütteten Traditionen. Manon gestaltet eine Art Pantheon der Erinnerung für achtzehn Frauen, verbunden mit dem Wunsch, die betreffenden Personen im eigenen und im kollektiven Gedächtnis dauerhaft festzuschreiben: Nico, Vita Sackville-West, Jane Bowles.... Jeder dieser Persönlichkeiten ist in einem mit schwarzem Bühnenmolton ausgekleideten Raum eine Schatulle gewidmet. Die mit verschieden farbiger Seide ausgeschlagenen Behältnisse können von den Besuchern individuell geöffnet werden – gleichsam als Ritual der sanften Annäherung und Aneignung. Mit ihren suggestiven Installationen hat Manon seit den 1970er Jahren entscheidend dazu beigetragen, einen radikal anderen Blick auf die Geschichte der Frau in der Kunst zu eröffnen.

In der künstlerischen Auseinandersetzung mit der historischen Rolle der Frau, der Kritik an jahrhundertealten Unterwerfungsstrukturen und am normierten männlichen Blick verbindet sich ihr Schaffen auch mit den Videoarbeiten von so herausragenden Künstlerinnen wie Valie Export (*1940), Friederike Pezold (*1945) oder Ulrike Rosenbach (*1943). Des geschlechtsspezifischen Unterschiedes durchaus bewusst, begann eine Generation junger Künstlerinnen seit den 1990er Jahren wiederum die Lust und das Vergnügen, Frau zu sein, in ihrer eigenen Kunst zu entdecken und zu feiern. Zeitgenössische Künstlerinnen wie Hannah Villiger (1951–1997), Pipilotti Rist (*1962), Sylvie Fleury (*1961), oder Candice Breitz (*1972) haben in den letzten Jahren wichtige Beiträge zur Formulierung eines neuen, selbstbewussten (weiblichen) Menschenbildes geschaffen, gleichsam als vielgestalte Gegenbilder zu dem vom männlichen Blick geprägten und von Medien und Werbung bis in die Gegenwart perpetuierten eindimensionalen Frauenbild. Die genannten und viele andere Künstlerinnen sind in der Sammlung des Kunstmuseums St.Gallen mit erstklassigen und zum Teil umfangreichen Werkgruppen vertreten.

Die für das Kunstmuseum St.Gallen erarbeitete Sommerausstellung «Ladies Only!» geht ausgehend von den eigenen erstrangigen Sammlungsbeständen, der Frage nach der weiblichen (Bild-)Identitäten und ihren Veränderungen seit Ende des 17. Jahrhunderts nach. Die thematische Präsentation folgt indes keiner strengen Chronologie, sondern sie bringt über Stile, Gattungen und Epochen hinweg Frauendarstellungen von Künstlerinnen und Künstlern in einen spannungsreichen Dialog. Einen Schwerpunkt setzen dabei die von den Altmeistern bis zur Moderne formulierten Frauenbilder in der Konfrontation mit Werken von zeitgenössischen Künstlerinnen. Im Zentrum der Ausstellung stehen herausragende Einzelwerke und grössere Werk­gruppen historischer Künstlerinnen aus der Ostschweiz wie Angelika Kauffmann, Anna Elisabeth Kelly (1825-1890), Martha Cunz (1876-1961) oder Sophie Taeuber-Arp sowie wichtige Arbeiten schweizerischer wie internationaler Gegenwartskünstlerinnen wie Manon, Hannah Villiger und Pipilotti Rist.

Allein, Frauen waren nicht nur als herausragende Künstlerinnen tätig, sondern traten auch als bedeutende Sammlerinnen hervor. Gleich fünf von ihnen wird im Museum eine kleine Hommage gewidmet: Annette Bühler, Nelly Gloor, Emma Lina Hendel, Marie Müller-Guarnieri und Martita Jöhr. Sie alle haben die Sammlung des Kunstmuseums St.Gallen in den vergangenen Jahren durch bedeutende Schenkungen bereichert. Marie Müller-Guarnieri, die selbst als Künstlerin tätig war, setzte ein kulturpolitisches Zeichen für die bildende Kunst durch die Einrichtung einer Stiftung, der das Kunstmuseum St.Gallen in den letzten Jahren bedeutende Erwerbungen von historischen Gemälden von Eugène Delacroix oder Edvard Munch sowie Werkgruppen von On Kawara oder Imi Knoebel verdankt. Emma Lina Hendel vermachte dem Kunstmuseum ihre Sammlung impressionistischer Gemälde, darunter Werke von Claude Monet, Alfred Sisley und Edgar Degas.

Annette Bühlers ausserordentlichem Engagement ist es zu verdanken, dass die Altmeisterabteilung des Kunstmuseums St.Gallen in den vergangenen Jahren durch erlesene Gemälde von Federico Barocci, Willem Duyster, Pieter Moljin oder Pieter Jansz. Quast substantiell ausgebaut werden konnten. Aus der Kollektion von Martita und Walter A. Jöhr stammen bedeutende Werke von Cuno Amiet, Giovanni Giacometti und Ferdinand Hodler, während Nelly Gloor ihre umfangreiche Sammlung von Schweizer Zeichnungen und Druckgraphik der 1970er und 1980er Jahre dem Kunstmuseum St.Gallen vermachte, darunter ausgewählte Blätter von Markus Raetz, Roman Signer und Hans Krüsi.

Im Rahmen der Ausstellung «Ladies Only» werden im Osttrakt des Kunstmuseums St.Gallen die kostbaren Schätze der Sammlerinnen in einer Sonderpräsentation zu sehen sein und in Form einer kleinen Hommage an die Schenkgeberinnen Einblick gewähren in ein wenig bekanntes Kapitel zum Thema «die Frau in der Kunst». In Ansätzen soll in der Sommerausstellung neben der Geschichte der Frau als Motiv in der Kunst auch eine andere, eine weibliche Geschichte der Kunst und des Sammelns von Kunst sichtbar gemacht werden, wenn es heisst: «Ladies Only!».


Ladies Only!
28. Juni bis 9. November 2008

Kunstmuseum St. Gallen
Museumstrasse 32
CH-9000 St.Gallen
T: 0041 (0)71 24206-71
F: 0041 (0)71 24206-72
E: info@kunstmuseumsg.ch
W: http://www.kunstmuseumsg.ch


Öffnungszeiten

Di bis So 10 - 17 Uhr
Mittwoch bis 20 Uhr

 


  • Sophie Taeuber-Arp: Gelbe Form, 1934-35
  • Pipilotti Rist: Der TV-Lüster (Detail), 1992
  • Hanna Villiger: Block XXXVI, 1994
  • Manon: Aus der Serie 'La dame au crâne rasé', 1977-78
  • Leonhard Tanner: Das Konzert, um 1850
Kunstmuseum St. Gallen
Museumstrasse 32
CH-9000 St.Gallen
T: 0041 (0)71 24206-71
F: 0041 (0)71 24206-72
E: info@kunstmuseumsg.ch
W: http://www.kunstmuseumsg.ch


Öffnungszeiten

Di bis So 10 - 17 Uhr
Mittwoch bis 20 Uhr

 


artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.