Sommerliteraturveranstaltung

01.07.2007 Haimo L. Handl

Klagenfurt, Hauptstadt des südlichen österreichischen Bundeslandes Kärnten, bekannt durch seine irrationale Fremdenfeindlichkeit und Beharren auf Sprachreinheit, nachdem die völkische nicht durchsetzbar war, veranstaltet seit drei Jahrzehnten die «Tage der deutschsprachigen Literatur», das sogenannte Bachmann-Wettpreislesen, um in einer konzertierten Aktion sich den Anstrich von deutscher Kulturbeflissenheit zu geben und den Beteiligten, Autorinnen und Autoren, Jurorinnen und Juroren aus verwandten Berufsbereichen sowie Journalistinnen und Journalisten ein «Sommerzuckerl» der berühmt gewordenen und medienwirksamen Literaturgaudi zu liefern.


DAS ZDF, welches über 3Sat das volle Programm begleitet, schreibt: «Alljährlich wird zu Ehren der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann der Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt vergeben - dieses Jahr zum 31. Mal. Insgesamt 14 Teilnehmer aus Deutschland stehen 2007 bei dem wohl bekanntesten Wettbewerb im deutschsprachigen Literaturraum drei Österreichern und einem Schweizer Kandidaten gegenüber.»

Der «wohl bekannteste Wettbewerb» ist weniger ob seiner literarischen Qualitäten zu schätzen, sondern primär wegen des Geschäfts um Aufmerksamkeit. Die Veranstaltung reihte sich würdig ein in ähnliche Events der Spasskultur oder des Festivalgetriebes und vermag immer noch Leute zu fesseln, obwohl die Lesefreudigkeit und vor allem das Lesevermögen in den letzten Jahren rapide zurückging.

Doch trotz niedergesunkener Bildungsmarken, verarmter Sprachkultur und wenig offener Literaturszene vermag die Klagenfurter Veranstaltung so zu tun, als ob. Als ob es viel aufregende Literatur gäbe, als ob es Leser zuhauf gäbe, die ein weites Interesse an Literatur hätten.

Die Tage der Literatur sind deshalb so erfolgreich und wichtig, weil sie Medienplätze besetzen, weil sie ins Gespräch bringen. Ob gelesen und verstanden wird, ausserhalb des Wettbewerbs und überhaupt, ist nebensächlich. Ob das Publikum nachhaltig (wie? nachhaltig?) beim Buche bleibt (Sprichwort: «bei der Stange bleiben» – wissen Sie, was es bedeutet?), ist nicht Aufgabe und Ziel des Wettbewerbs. Ziel ist, Unbekannte bekannt zu machen. Dieses Ziel wird erfüllt. Dafür sollte den Veranstaltern gratuliert werden.

Wir leben in einer Gesellschaft und Zeit, in der es immer weniger oder überhaupt nicht mehr auf das WAS ankommt (Sache, Inhalt, Qualität), sondern auf das WIE (Art der Erscheinung, der Wirkung, der Weise; der Rhetorik). Ohne dieses «Wie» gäbe es keinen Unterhaltungseffekt. Ohne Unterhaltung kein Spass. Ohne Spass keine Quotenerfüllung. Sachlichkeit ist nicht sensationell. Eigentlichkeit ebenfalls nicht, ausser die Sache selbst, der Text zum Beispiel, ist sensationell oder super(ur)geil. Doch dann wird er schnell verpackt, damit das «Wie», die Präsentation im korrekten Design noch mehr Menschen anspricht und die Macher und Vermittler noch besser herausstellt.

Für mich zeigt sich eine kleine Ironie: Besonders von nicht ganz so alten Gesellschafts- oder Literaturkritikern und Theoretikern kann oder muss man Abfälliges über die Gruppe 47 lesen. Auch die Bachmann, nach der die Veranstaltung benamt ist, war abschätzig gegen diese Runde, wie sie meinte, ehemaliger Nazis, obwohl Ilse Aichinger damals, als die B. dabei war, einen Preis erhielt und andere Antifaschisten rührige Mitglieder waren. Aber, so wird genüsslich festgehalten, es haben die Fastnazis oder innerlichen Nazis gehöhnt und gelacht über den Vortrag von Paul Celan, der ein Jude war. Das war nicht nur ein Fauxpas, das war Antisemitismus. Die prominentesten noch lebenden Mitglieder der ehemaligen Gruppe 47, Grass und Walser, werden von der Schriftstellerin und ZDF-Moderatorin Elke Heidenreich wüst beschimpft und abgeurteilt: «Das ist eine ganz ekelhafte Altmännerliteratur, die wir da jetzt haben: Grass, Walser - diese eitlen, alten Männer, die den Mund nicht halten können» (Tagesspiegel Berlin, 25.4.07). Was mit «ekelhaften alten Männern» zu geschehen habe? Zumindest sollen sie den Mund halten, also sich Berufsverbot auferlegen. (Der Fortschritt gegen die Braunen, die erst die Bücher verbrannten, dann die Autoren, ist enorm!) Soviel zur deutschen Kultur.

Nun, heute lachen die Nachfahren als Juroren nicht nur im Wettbewerbstribunal, sondern toben, schreien, üben seltsame Richtrituale usw. Der Zirkus hat sein Spiel und alle machen mit, sogar die, die nachher sich aufregen. Einige regen sich vorher schon auf, doch bekräftigen sie damit nur den Ruf der Veranstaltung. Wie aber, wenn einer, der schlecht wegkommt, den man missversteht, plötzlich, heute, wo die politische Korrektheit hysterisch regiert, auf sein Judensein pocht und die Ablehnung nicht auf künstlerisches Urteil, sondern auf antisemitische Perfidie zurückführt? Wie, wenn Frauen bestimmtes männliches Urteilsverhalten als Sexismus demaskieren? Wann werden die Gerichte Arbeit haben?

Noch ist es nicht soweit. Alle fühlen sich wohl, ob Menses oder Kopfweh vom Suff. Noch trägt niemand sein Taferl, welcher Herkunft er sei oder welchen Religionsbekenntnisses. Es reicht, dass sie oder er deutsch spricht und schreibt. Letzterer Umstand kann ja nichts dafür, dass die Kärntner Kontextfaktoren so peinlich negativ sind.

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