Locarno 2008: Studien der Einsamkeit und des Stillstands

09.08.2008 Walter Gasperi

Mit tristen und zum Teil sperrigen Filmen startete beim 61. Filmfestival von Locarno (6. – 16.8.) der Wettbewerb. Auf die minimalistische Einsamkeitsstudie «Parque via» des Mexikaners Enrique Rivero folgte eine schwermütige Evokation von Isolation und Stillstand des Türken Öczan Alper und der Franzose Emmanuel Finkiel verknüpft in «Nulle part terre promise» drei Geschichten von rastlos nach dem Glück suchenden Menschen.


Kein leichter Einstieg bescherte Enrique Rivero mit «Parque via» dem Festivalpublikum. Weitgehend ohne Musik begleitet der Mexikaner mit der Handkamera den alten Indio Beto bei seiner täglichen Arbeit in einer leerstehenden Luxusvilla. Vom Aufstehen über Duschen, Kochen und Hausarbeit bis zum Einschlafen vor dem Fernseher spannt sich der Bogen. Manchmal erhält Beto Besuch von einer Prostituierten und hin und wieder schaut die Besitzerin vorbei. Die sozialen Unterschiede zwischen Herrin und Angestelltem kommen schon durch Kleidung und Aufmachung prägnant zum Ausdruck.

Länger schon will die Dame das Haus, das Beto seit 30 Jahren praktisch nie verlassen hat, verkaufen. Aus dem Fenster sieht er im Garten Interessenten und manchmal gibt es ein kurzes Gespräch mit der Maklerin. In Radio und TV hört Beto währenddessen immer wieder Nachrichten von Mord und Totschlag, von Kriegen, Aufständen und deren Niederschlagung. – Auch er erscheint wie eine tickende Bombe und als das Haus verkauft wird und er delogiert werden soll, kommt es zu einer Gewalttat, die schon mit dem Zertreten eines Käfers in der ersten Einstellung angedeutet wurde.

Eine Zumutung an den Zuschauer stellt dieser Film in seiner Ereignislosigkeit, in seiner Reduktion auf den monotonen Alltag dar. Aber gerade in diesen – je nach Stimmung vielleicht auch nervenden – Wiederholungen des ewig Gleichen und in der formalen Konsequenz macht Rivero die Einsamkeit dieses Lebens erfahrbar, an das sich Beto freilich so gewöhnt hat, dass jede Veränderung - wie sich schon bei seiner physischen Reaktion auf einen Ausflug zum Markt zeigt - zur schweren Erschütterung führen muss. Am Modell – «Parque via» soll auf dem Leben Nolberto Corias, der Beto spielt, beruhen - macht Rivero dabei aber auch exemplarisch sichtbar, wie soziale Spannungen schließlich sich in Gewalt entladen können, auch wenn die Radiomeldungen von solchen Auseinandersetzungen in ihrer Ausschließlichkeit und ständigen Wiederkehr penetrant wirken.

Zugänglicher als «Parque via» ist «Sonbahar – Autumn» von Özcan Alper. Der Türke erzählt in seinem Spielfilmdebüt von Yusuf, der nach zehn Jahren Haft wegen sozialistischem Engagement und Beteiligung an Demonstrationen aus dem Gefängnis entlassen wird und in sein heimatliches Bergdorf im Hinterland des Schwarzen Meeres zurückkehrt. Außer seinem Jugendfreund Mikhail und einem Schuljungen leben nur noch alte Menschen wie seine Mutter dort.

Yusuf, der durch eine seit einem Hungerstreik schwer beschädigte Lunge auch physisch angeschlagen ist, sitzt illusionslos und resigniert herum. Nachts schreckt er aus dem Schlaf hoch, weil ihn Alpträume ans Gefängnis verfolgen. - Etwas Bewegung scheint in sein Leben zu kommen, als er in der nahen Stadt einer georgischen Prostituierten begegnet, aber beide scheinen auch außerhalb jedes Gefängnisses in ihrem Leben eingesperrt zu sein. Immer wieder akzentuieren Blicke aus dem Fenster auf die regenverhangenen Wälder oder von der Stadt auf das stürmische Meer oder einen einsam treibenden Fischkutter Isolation und Stillstand. Eine gemeinsame Zukunft kann es für Yusuf und die Prostituierte, die in ihrer Heimat ihr vierjähriges Kind zurückgelassen hat, nicht geben, wohl aber müssen sich beide entscheiden, ob sie aus der Stagnation aufbrechen oder darin verharren wollen.

Im unaufgeregten Erzählrhythmus mit langen an die Filme Theo Angelopoulos´ oder auch Nuri Bilge Ceylans erinnernden Einstellungen beschwört Alper eindringlich diese psychische Verfassung, die mit der grauen und verregneten Herbststimmung korrespondiert. Vor allem gegen Ende etwas zerdehnt ist «Sonbahar» vielleicht und etwas zu aufdringlich wird auf die Parallelität der Befindlichkeit der Protagonisten und von Figuren der russischen Literatur wie Tschechows «Onkel Wanja» hingewiesen, dennoch ist Alper ein zwar äußerst schwermütiger, in seiner Geschlossenheit aber auch runder Film gelungen.

Besticht «Sonbahar» durch die atmosphärische Dichte, so wirkt Emmanuel Finkiels «Nulle part terre promise» völlig beliebig. Spannend wären zwar die Geschichten um illegale kurdische Migranten, einen Manager, der die Produktion einer Firma von Frankreich nach Ungarn verlagert und eine unter Liebeskummer leidende schwangere Studentin, die mit dem Zug durch Europa reist. Doch Finkiel entwickelt eben gerade keine echten Geschichten, geht eher vor wie die Studentin, die aus dem Zug oder auf den Straßen Obdachlose und gescheiterte Menschen filmt, weil ihre Gesichter so stark seien.

Weder erfährt man in diesem Film etwas Neues über Migrantenströme und Produktionsverlagerungen, noch verdichtet Finkiel die Geschichten zu bewegenden Schicksals. Statt die plastische Story zu dürren Zeitungsmeldungen zu liefern wirkt «Nulle part terre promise» selbst so dürr und emotionslos wie diese Meldungen. Dokumentarische Dichte und Authentizität stellt sich dabei auch nicht durch das Drehen mit HD-Kamera an Originalschauplätzen ein. - Vage und beliebig, aber nie zwingend und beklemmend ist dieser Film, der sich letztlich auf die banale Kernaussage, dass alle Menschen unglücklich und stets rastlos auf der Suche nach dem Glück sind, reduzieren lässt.

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