Locarno 2008: Jenseits des Glamours

15.08.2008 Walter Gasperi

Kaum ein Film des 61. Filmfestivals von Locarno strahlt Glamour aus, kleine und vielfach triste Alltagsgeschichten dominieren. Rar sind darunter filmische Perlen, entdecken kann man sie aber doch wie beispielsweise Sean Bakers «Prince of Broadway», der im Wettbewerb der «Cinéastes du présent» läuft.


Im Rahmen des Tags des Schweizer Films am Dienstag (12.8.) gab es auch eine Podiumsdiskussion zum Thema «Wie viel Glamour braucht das Filmfestival von Locarno?» – Angesichts der nahen Konkurrenz von Venedig kann man kaum glanzvolle Premieren großer Filme und Stars an den Lago Maggiore locken. Jammern muss man darüber freilich nicht, denn zumindest das Publikum, das auch tagsüber in Massen in die Kinosäle strömt, kann man auch durch gute Filme begeistern.

Noch weniger Glamour als vor der Leinwand, gibt es auf ihr, denn zumeist wird von tristen Familienverhältnissen und orientierungslosen und einsamen Jugendlichen erzählt. Klarer Favorit für den Goldenen Leoparden lässt sich auch kurz vor Ende des Festivals keiner ausmachen, nach anregendem Beginn flaute der Wettbewerb in der zweiten Hälfte bislang eher ab, statt zuzulegen. Fündig auf der Suche nach einem beglückenden Film konnte man dagegen in der Sparte «Cinéastes du présent» werden.

In «Prince of Broadway» erzählt der Amerikaner Sean Baker von einem illegal in New York lebenden Ghanesen, dem sein Ex-Freundin eines Tages ihr gemeinsames zweijähriges Kind übergibt: Es sei ja auch sein Kind und deshalb solle nun er die Verantwortung dafür übernehmen. Lucky, der vom Verkauf gefälschter Markenartikel («Louis Vuitton, Prada, Gucchi – I have it all») für einen Libanon-Armenier lebt, ist mit der Situation zunächst völlig überfordert und will das Kind, das er schließlich «Prince» nennen wird, möglichst schnell los werden. Langsam entwickelt er aber väterliche Gefühle.

Wüsste man es nicht besser, könnte man «Prince of Broadway» über weite Passagen für einen Dokumentarfilm halten. Hautnah folgt Baker mit der Handkamera den Protagonisten, rückt ihre Gesichter mit schnellen Zooms ins Bild oder erfasst sie bei Gesprächen mit Reissschwenks. Im wahrsten Sinne des Wortes mit der Kamera «geschossen», wie es im Nachspann heißt, und nicht brav fotografiert oder gefilmt hat Baker, der neben Regie und Kamera auch für den schnellen von Hip-Hop-Rhythmen ebenso wie vom atemlosen Leben geprägten Schnitt verantwortlich zeichnet, «Prince of Broadway».

In Kombination mit dem atemberaubend natürlichen Spiel der Laiendarsteller – sie scheinen das zu sein, was sie spielen – verleiht diese Ästhetik dem Film eine Unmittelbarkeit und Direktheit, wie sie oft nicht einmal ein Dokumentarfilm ausstrahlt. An die Filme von John Cassavetes kann man dabei ebenso denken wie an die einfachen aber sehr menschlichen Fabeln der neorealistischen Filme eines Vittorio de Sica. Und beim zugeschobenen Kind wird man freilich kaum umhin kommen an Charlie Chaplins «The Kid» zu denken. Wie Lucky, unterstützt von seiner neuen Freundin, lernen muss mit seinem Sprössling umzugehen, für ihn Verantwortung zu übernehmen und ihn auch auf seine Touren mitnimmt, das ist zwar auch witzig, aber nie klamaukig, sondern durchdrungen von tiefer Mitmenschlichkeit.

Glamour gibt es hier nicht zu sehen, den amerikanischen Traum vom schnellen Aufstieg demontiert Baker und der Glanz des Broadways ist zwar geographisch nah, aber gleichzeitig unerreichbar fern. Auf Menschen am Rande der Gesellschaft, die von den Behörden nichts Gutes zu erwarten haben, schaut Baker, ihr gehört seine ganze Sympathie und damit schnell auch die des Zuschauers. Niederschläge müssen sie einstecken, aber mag auch materiell einiges den Bach hinuntergehen – zunehmend wichtiger scheint sowieso die Fürsorge für das Baby, das am Anfang doch nur ein lästiger Klotz am Bein war.

Ein Rätsel bleibt freilich, wieso diese kleine filmische Perle nicht im Hauptwettbewerb um den Goldenen Leoparden läuft. In der Sektion «Cinéastes du présent» ist «Prince of Broadway» jedenfalls unbedingt zu den Favoriten zu zählen.

weiterführende Links:

Filmfestival Locarno

  • Prince of Broadway
  • Prince of Broadway
  • Prince of Broadway
  • Prince of Broadway

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net
Hinterbergstrasse 2, CH-8604 Volketswil
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net
©artCore 2001-2014. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.