Locarno 2008: Kein Favorit, aber viele Anwärter auf den Goldenen Leoparden

16.08.2008 Walter Gasperi

Auch nach Präsentation aller 18 Wettbewerbsfilme lässt sich beim 61. Filmfestival von Locarno kein klarer Favorit ausmachen. Das herausragende Meisterwerk fehlte, Biederes wie das italienische Drama «Mar nero» war ebenso zu sehen wie zum Abschluss Gideon Koppels essayistische Erkundung der walisischen Provinz und seiner Bewohner in «Sleep Furiously».


Spannend war der Beginn des Festivals mit dem mexikanischen «Parque via», zumindest formal interessant auch Händl Klaus´ «März», nah an seiner Protagonistin Mijke de Jong in «Katjas Sister», hinreißend in seiner Lakonie und seinem geduldigen Blick der koreanische «Drinking Daytime», mitfühlend mit den Sorgen seiner jungen Protagonisten Lance Dalys «Kisses». So eine erste Festivalhälfte macht Lust auf mehr, folgt dann aber keine Steigerung, sondern vorwiegend schwächere Werke, macht sich bald Enttäuschung breit.

Während die genannten Filme beispielsweise alle versuchen eine eigene filmische Sprache für ihre Geschichten zu finden, bedient sich der Italiener Federico Bondi einer Erzählweise, die «Mar nero» zum nahezu idealen Film fürs Hauptabendprogramm eines öffentlich-rechtlichen TV-Senders macht. Handwerklich durchaus sauber wird zwar die Geschichte um eine bildhübsche junge rumänische Pflegerin, die sich um eine grantige alte Italienerin kümmert, erzählt, aber auch ganz auf das Drehbuch und die beiden Schauspielerinnen vertrauend, aber ohne eine wirkliche unverwechselbare filmische Gestaltung. Dass sich die beiden näher kommen werden, sich die Alte öffnen und mitfühlender werden wird, ist so vorhersehbar wie das Amen in der Kirche. Bei der Beziehungsgeschichte bleibt es freilich nicht, denn Bondi packt auch noch die Themen Migration, Gegensatz der Lebensbedingungen in Italien und Rumänien und EU-Osterweiterung in seinen Film und lässt dazu die Pflegerin und die alte Italienerin schließlich sogar nach Rumänien reisen.

Ins Hauptabendprogramm des Fernsehens sicher nicht passt dagegen Gideon Koppels «Sleep Furiously». Keine Geschichte erzählt der Brite, sondern reiht vielmehr Impressionen einer walisischen Landschaft und ihrer Bewohner aneinander. Mal zeigt er in langen, vorwiegend statischen Einstellungen eine die Weide passierende Schafherde, mal Gesangsszenen in einer Schule, einen gelben Lieferwagen, der als Wanderbibliothek fungiert, oder die Bauern beim Heuen oder Ackern, eine Messdienerin oder einen Chor. Kein Off-Kommentar liefert Hintergrund-Informationen, Koppel beschränkt sich auf die sich aus der Situation ergebenden Dialoge der Gefilmten und auf Naturgeräusche.

Von großer Schönheit sind die einzelnen Einstellungen, zu einem geschlossenen Ganzen will sich «Sleep Furiously» dennoch nicht fügen, denn Koppel verdichtet die Szenen nicht und ordnet sie auch keinem zentralen Thema unter. Der Wechsel der Jahreszeiten verweist zwar ebenso wie die Wiederkehr von Geburten bei Kuh, Schwein und Schaf auf das Vergehen von Zeit und den Wandel, doch besonders betont wird dies nicht. Mehr als zu versuchen diese Bilder zu interpretieren und Sinngehalt heraus- oder hineinzulesen sollte man sich wohl auf diesen meditativen Fluss der Bilder einlassen und versuchen in seinen Rhythmus, die Farben und Geräusche einzutauchen und in ihnen zu versinken.

Angesichts des Fehlens eines klaren Favoriten, das sich auch in der höchst unterschiedlichen Beurteilung der Wettbewerbsfilme durch die diversen Medien äußert, darf man gespannt auf die Entscheidung der siebenköpfigen Jury sein. – Überraschungen werden kaum ausbleiben.

  • "Mar nero" (Federico Bondi)
  • "Mar nero" (Federico Bondi)
  • "Sleep Furiously" (Gideon Koppel)
  • "Sleep Furiously" (Gideon Koppel)

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