Impressive Expressionen

17.08.2008 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Die Eröffnungszeremonie schien alles vergessen zu machen. Es war ein Fest. A super event. Gigantisch. Ein Beckmesser, wer das Positive, Kreative leugnen wollte. In vielen westlichen «linken» Zeitungen wird die böswillige Sucht vieler anderer, nicht linker Medien, China kritisieren zu wollen, gebrandmarkt. China ist gross, China ist gut. Und, wer ist schon «wirklich» ohne Schuld? Usw. usf. Nach alten Mustern.


Der Krieg in Georgien wird vielerorts als vom Westen gesteuert hingestellt. Die arme Sowjetunion, pardon, das reiche Russland erwehrt sich der faschistischen Angriffe, schützt seine Bürger in Enklaven und pocht auf das Recht der Sezession. Dort zumindest, wo es in seine Politik passt, also in einigen kaukasischen Staaten, aber auch in Moldawien, wo die nationale Souveränität durch Unterstützung des abtrünnigen Transnistrien (Pridnjestrovskaya Moldavskaya Respublika) in einem Dauerkonflikt verletzt wird. Genau das Gegenteil verfolgt Russland «natürlich» in Tschetschenien, wo die Sezessionisten als Terroristen und Banditen «erledigt» wurden.

Die schönen Bilder aus Beijing wurden manchmal durch einige unvorhergesehene Aufnahmen von kleinen, zivilen Protesten angereichert bzw. gestört. Aber es blieb nur bei Momenten. Niemand nahm wirklich Anstoss, dass Journalisten kurz inhaftiert und abgeschleppt wurden. Zensur ist kein Thema.

Die Proteste gegen Ermordungen von Journalisten in Gori bzw. die brutalen Übergriffe russischer Soldaten und Offiziere, die die laufenden Kameras zum Abschalten brachten, durch Schüsse, Raub als Konfiszierung, halten sich ebenfalls in Grenzen. Da werde nur westliche Propaganda abgewehrt. Es ist nicht wie im kalten Krieg, es ist kalter Krieg.

Die russischen «Schutztruppen» marodieren selbst oder erlauben befreundeten Kräften Plünderungen, Brandschatzungen. Alte Bilder tauchen auf. Die Rhetorik der Bilder und Worte hämmert wie ein déjà-vu: 1968 - 2008. Vor 40 Jahren lieferten die Sowjets mit ihren Bruderarmeen des Warschauer Paktes eindrückliche Bilder vom wahren Realsozialismus. In unserer Nachbarschaft wurde Realpolitik nach kommunistischer Manier demonstriert. Kein Wunder, dass jene, die dem Joch der Russen endlich entkamen, heute überempfindlich reagieren und vehement eine entschlossenere Gangart gegen den Kreml verlangen.

Jene Ossis in Deutschland, die ihr Paradies verloren haben nach der Implosion des glorreichen Arbeiter- und Bauernstaates, und immer noch traumatisiert sich nicht akklimatisieren konnten oder wollten, sehen die Kriegsschuld nur in der Hegemonialpolitik der USA und der Bütteldienste der Europäischen Union. Es wird von vornherein akzeptiert, dass Russland nur SEINE legitimen Interessen verteidigt. Auch ein mögliches militärisches Vorgehen der Russen gegen Polen und Tschechien wegen deren Raketenabwehrverträge mit dem verhassten Feind Amerika wird insgeheim oder offen gefordert und begründet. Sehnsüchtig wird die Wiedererstarkung der Weltmacht Russland erwartet, damit Europa eine Lektion und Neuorientierung erlebe. Eine im alten Sinne. Der militärische Sieg der Russen in Georgien wird gefeiert. Amerika und Europa hätten die Niederlage verdient.

Im Lichte dieser Ereignisse mag man sich gar nicht ausmalen was geschehen wäre, hätte Milosevic sein Regime gehalten und die russische Präsenz am Balkan, in Mitteleuropa, reinstalliert.

Russland kann sich das leisten, weil Europa uneinig ist und abhängig von Energielieferungen aus dem Riesenreich. Aber die Rechnung könnte trotzdem nicht aufgehen. Durch Georgien führen wichtige Pipelines. Russland will die Kontrolle. Für seine Vormachtstellung völlig verständlich. Für den Westen jedoch nicht. Für Georgien schon gar nicht.

China ist ein Zukunftsmarkt. Die Geschäftspolitik bestimmt auch hier den Kurs der Union. Die olympischen Spiele passen da gut ins Konzept. Die perverse Politisierung eines Sportereignisses wird nicht nur in Kauf genommen, sondern willig unterstützt. Geschäft ist Geschäft. Besonders im Medienbereich.

Krieg, Massaker, Totschlag, Zensur und Missachtung der Menschenrechte sind inakzeptabel, ganz gleich, wo und von wem begangen. Unrecht legitimiert sich nicht, wenn auf Verbrechen der Amerikaner (Irak, Guantánamo) verwiesen wird oder auf israelisches Vorgehen gegen Journalisten, das sogar rechtens den Abschuss hinnimmt, wenn Reporter oft als «feindlich» von den «bedrohten» Soldaten gesehen werden. Die Kritik an den USA ist heftig. Recht so. An Russland oder China jedoch nicht. Unrecht so.

Kritik heisst nicht, Hass gegen Land und Leute säen. Es heisst, Regierungen und ihre Politiken verurteilen, zurückweisen. Das war so 1968 oder hätte so sein sollen. Das war so gegen den Vietnamkrieg der USA, gegen den Irakkrieg. Aber auch gegen Milosevic. Oder gegen Russland und China. Oder hätte so sein sollen bzw. sollte so sein. Die Einäugigkeit, die Parteilichkeit, ist nicht nur peinlich, sie ist Kollaboration.

Im Medienbereich scheint die Faszination der ausgerichteten, choreografierten Massen jene besonders anzusprechen, denen Marschieren immer schon imponierte. Mich stossen solche Massenchoreografien als Ausdruck tiefer Entpersönlichung ab. Das hatte ich auch in den USA so empfunden, wo ich die Confettiparaden zwar «lustiger» als im Osten erlebte, aber dennoch massenchoreografiert widerlich fand.

Es gibt eine eigentümliche Allianz von Leuten in verschiedenen Ländern, die den puppenhaften, marionettenartigen Drill als Ausweis hoher Artistik feiern. Erschreckend infantil. Für Individualisten beleidigend. Ich sehe zwischen den erhobenen Armen, wie sie in Nürnberg am Parteitag «grüssten» und den präzisen choreografierten, gesteuerten Bewegungen der enthusiasmierten Massen eine Verwandtschaft. Ich konnte auch die Cheerleader dances nie geniessen und mich stört das Maschinenhafte von Stepptänzen, vor allem wenn eingebettet in kunstvolle Choreografien, wie sie u. a. Fred Astaire als Ausdruck amerikanischer Kultur exportierte. Paraden erscheinen mir immer als Märsche und Märsche als Vorbereitung zum Marsch. Ich kann den knallenden Ton der Stiefel nicht überhören.

Die Medien haben es leicht, Gigantomanie profitabel zu verkaufen. Die meisten sind willige Konsumenten und überaus beeindruckbar. Viele merken nicht, dass die Gewöhnung ans Gigantische selbst Teil eines Systems ist, welche das Unterscheidungsvermögen, die Nuancierung schwächt und den Schrecken verzögert oder abschafft, der sich aber spätestens dann einstellen sollte, wenn die Anlässe dazu vorliegen. Doch die Einübung hat den Wahrnehmungsapparat, das Deutungsvermögen so zugerichtet, dass fast alles Mediale gleichwertig, gleich gültig erscheint. Die wenigen Störungen werden als lästig beiseite geschoben oder erst gar nicht wahrgenommen. Deshalb haben nicht nur Olympische Spiele einen derartigen Erfolg, sondern auch Politiken, über die wir erschrecken sollten. Aber anders.

Medien, Gigantomanie und Profit

Davon fühlen sich nicht nur die vielgeschmähten «Ossies» bedroht, sondern auch Teile der heimischen Bevölkerung, die bisher als durchaus westlich orientiert einzustufen waren. Der Grund für dieses Kippen der Stimmung ist nach meiner Einschätzung in den Erfahrungen mit dem «Endsieg des Kapitalismus» nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu suchen, in der real gewordenen Bedrohung eines Ausverkaufs der infrastrukturellen Grundversorgung (Wasser, Abwasser, Abfallentsorgung, Energiebereitstellung, Nahverkehr; aber auch Schulsystem, Gesundheitswesen, Soziales) an unkontrollierbare Finanzoligarchien.
Ich persönlich rechne nicht mit einem militärischen Einschreiten Russlands gegen Polen und Tschechien, weil dem nicht nur die technologische Überlegenheit der westlichen Waffensysteme, sondern auch die Erinnerung an die stalinistische Diktatur in den betreffenden Ländern entgegensteht. Ein Krieg gegen Partisanen ist nicht zu gewinnen. Das weiß Putin sicher auch.

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