Erich Langjahrs Erkundungen der bäuerlichen Welt

01.09.2008 Walter Gasperi

Was heißt es am Beginn des dritten Jahrtausends Bauer zu sein? Welche Auswirkungen haben Neoliberalismus und Globalisierung auf den Bestand dieser Lebensform? – Erich Langjahr wirft in seiner «Bauern-Trilogie» diese Fragen nicht explizit auf, er beschränkt sich aufs geduldige Beobachten, vertraut auf die Kraft der Bilder und verzichtet auf jeden verbalen Kommentar. Während der Schweizer Dokumentarfilmer in «Sennen-Ballade» (1996) und «Hirtenreise ins dritte Jahrtausend» (2002) in meditativem Rhythmus vom Aussterben bedrohten Lebensformen durch den Jahresablauf folgt, zeigt er in «Bauernkrieg» (1998) schonungslos, wie in einer Gesellschaft, in der es nur um Profitmaximierung geht, alle ethischen Werte verloren gehen. Tief in bäuerliches Leben und eine aussterbende Tradition taucht der Innerschweizer schließlich auch in seinem jüngsten Film «Das Erbe der Bergler» (2006) ein, mit dem am 9. September in Anwesenheit des Regisseurs die «Walser Filmtage» im Großen Walsertal/Vorarlberg eröffnet werden.


Nach einer Lehre als Chemielaborant begann der 1944 im Kanton Zug geborene Erich Langjahr 1971 als Autodidakt zu filmen. Auf ein Dutzend Kurzfilme folgte zwischen 1978 und 1990 mit «Morgarten findet statt» (1978), «Ex Voto» (1986) und «Männer im Ring» (1991) eine Trilogie, in der der behutsame Dokumentarfilmer die Innerschweizer Kulturverhältnisse und Feste, seine engere Heimat, die letzte Männer-Landsgemeinde in Appenzell Außerrhoden und mit ihr die Schweizer Demokratie im Allgemeinen erkundete.

Wie diese erste Trilogie kennzeichnet auch die «Bauern-Trilogie» ein beobachtender, nicht kommentierender Gestus und der Regisseur selbst tritt stets völlig hinter die Menschen und den Gegenstand des Werks zurück. Erich Langjahr, der nicht nur für Regie und Buch, sondern auch für Kamera und Schnitt verantwortlich zeichnet, nimmt sich viel Zeit für seine Filme. Jahrelang sammelt er geduldig Bildmaterial und fängt mit der Kamera Wirklichkeit ein. Am Schneidetisch montiert er dann - seit 1990 unterstützt von seiner Lebensgefährtin Silvia Haselbeck - in einem sorgfältigen und zeitintensiven Arbeitsprozess die insistierenden und wortkargen dokumentarischen Einzelbeobachtungen kunstvoll zu «erzählenden Dokumentarfilmen», in deren Kreisstruktur sich der Kreislauf von Natur und Leben spiegelt.

So beginnt «Sennen-Ballade» (1996) mit dem Alpauftrieb im Toggenburg und endet knapp ein Jahr später mit der Abbildung dieses Ereignisses in Bild und Schnitzereien durch den Bauern. Auch in «Hirtenreise ins dritte Jahrtausend» (2002) und in «Bauernkrieg» (1998) wird mit dem Ende des Films der Anfang wieder aufgenommen. In ersterem schließt sich der Kreislauf des Jahres, wenn der Schäfer Thomas Landis wie am Beginn seine Hirtenarbeit im Spätwinter im Luzerner Mittelland wieder aufnimmt und in «Bauernkrieg» korrespondiert die Demonstration, die ein «Nein» des Schweizer Bundesrats zu den Gatt-Verträgen fordert, am Beginn mit einem den Film abschließenden Protestzug enttäuschter Bauern, der von der Polizei mit Schlagstöcken und Tränengas auseinandergetrieben wird.

Mit der Bezugnahme auf den Anfang werden dabei aber jeweils auch Veränderungen sichtbar. Der Schäfer begleitet die Herde am Ende nicht mehr mit Esel und Plane, sondern mit einfachem Wohnmobil und Mountainbike und der Protestzug, an den sich Inserts über den Verfall des Milchpreises anschließen, zeigt, dass die Demo am Beginn keinen Eindruck auf die politischen Entscheidungsträger machte.

Während die Raffung und Verdichtung des Materials bei «Bauernkrieg» offensichtlich ist, die erste Demo auf den 9. Jänner 1992 in Luzern und die zweite auf den Herbst 1996 in Bern datiert werden kann und dazwischen die Unterzeichnung der Gatt-Verträge durch den Bundesrat im Jahre 1995 liegt, wird in «Sennen-Ballade» aus einer dreijährigen und in «Hirtenreise ins dritte Jahrtausend» aus einer – freilich mit Unterbrechungen - siebenjährigen Drehzeit durch die Montage der Eindruck eines Jahreszyklus´ konstruiert. Das führt einerseits zwar zu geringen inhaltlichen Unstimmigkeiten und Brüchen, wenn ein soeben geborenes Kind plötzlich etwa vier Jahre alt ist, andererseits ermöglicht diese lange Drehzeit eine Genauigkeit und Ausführlichkeit in der Schilderung der Arbeitsprozesse, durch die diese Filme einen meditativen Rhythmus entwickeln, der mit dem beschriebenen Leben übereinstimmt und den Zuschauer sogartig in diese Lebensform und ihren Rhythmus hineinzieht.

Dies wird einerseits durch die Tonspur, bei der Langjahr weitgehend auf zusätzliche Filmmusik verzichtet und vorwiegend mit vorgefundenen Tönen wie Jodeln, Kuhglocken, Tierlauten oder Arbeitsgeräuschen arbeitet, andererseits durch die rein deskribierende Kameraarbeit unterstützt. Nie versucht der Schweizer Dokumentarfilmer durch Schnittfolgen oder Kamerabewegungen den Zuschauer zu vereinnahmen. Lange statische Einstellungen dominieren, Schwenks und ein wohlüberlegter Wechsel von Großaufnahmen und Totalen schaffen Überblicke, betten das Gezeigte in einen geographischen oder sozialen Kontext ein.

Auf Erläuterungen im Stile von TV-Reportagen wird dabei völlig verzichtet und auch die Bauern melden sich kaum zu Wort. Indem der Zuschauer dadurch aber gezwungen wird sich auf die Bilder und Töne einzulassen, werden Langjahrs Filme zu einer Schule des Sehens und Hörens. Nichts soll hier bewiesen werden und statt den Blick des Zuschauers durch einen Zeigegestus zu lenken, stellen diese Filme mit dem ruhigen Beobachten ein Angebot zum Schauen dar.

In einer Zeit, in der eine permanente Beschallung und Bilderflut auf allen Kanälen die Sinne abstumpft, ermöglichen diese Dokumentarfilme intensivste Sinneserfahrungen. Fast physisch spüren kann man hier das Knistern eines Feuers, den Atem der Schafe oder die Kälte unter der Plane des Schäfers Thomas Landis («Hirtenreise ins dritte Jahrtausend»).

Etwa 20 Minuten nimmt sich «Sennen-Ballade» Zeit um Werner Meile beim Sennen zu zeigen und jeder Arbeitsschritt wird penibel mit der Kamera festgehalten. Jedes Bild und jeder Ton ist genau gesetzt, wenn Meile seine Kühe in den Stall ruft oder wenn er mit seinen groben Händen im Winter filigrane Holzkühe schnitzt.

Sichtbar wird in diesen genauen ethnographischen Beobachtungen auch die Liebe des Bauern zu seiner Arbeit und zu seinen Tieren. Im Gegensatz zur mechanisierten Landwirtschaft, in der die Stiere nur einmal pro Woche eine Stunde lang angekettet an den Rundlauf ins Freie geführt werden («Bauernkrieg»), verrichten der Bauer Meile - obwohl auch hier der Tierarzt zur künstlichen Besamung der Kühe kommt - ebenso wie die beiden Schäfer in «Hirtenreise» ihre Arbeiten noch im Einklang mit der Natur.

Der Ablauf der Jahreszeiten, der sowohl «Sennen-Ballade» als auch «Hirtenreise» strukturiert, reguliert ihr Leben. Der sesshaften Lebensweise der Meiles und der Konzentration auf diese Familie und ihren Hof, steht das halbnomadische Leben der in «Hirtenreise» porträtierten Wanderhirten gegenüber, die vom Mittelland im Sommer auf die Alpen Graubündens und Uris wechseln. Die bäuerliche Arbeit wird dabei nicht idealisiert, aber in der Schilderung des harmonischen meditativen Lebens wird gezielt ein Gegenmodell zur Schnelllebigkeit und Hektik unserer Zeit entworfen.

Heimatfilme im besten Sinne des Wortes sind dies, Dokumentarfilme, in denen unprätentiös und kitschfrei der Umbruch in der Schweiz erkundet wird, in denen dem Alten und Traditionellen nachgespürt und es nochmals ans Licht gebracht wird, die Frage nach Identität aufgeworfen und das Hereinbrechen der Moderne dokumentiert wird. Diesen Beschreibungen einer ursprünglichen und langsam verschwindenden Lebensweise in «Sennen-Ballade» und «Hirtenreise» steht in «Bauernkrieg» – der Titel soll Assoziationen an die Bauernaufstände 1524/25 wecken - das schonungslose und kristallklare Aufzeigen der Folgen der Modernisierung der Landwirtschaft, die durch Neoliberalismus und Globalisierung forciert wird, gegenüber. Auch dies ist freilich ein Heimatfilm, ist eine Bestandsaufnahme der Schweizer Landwirtschaft und auch hier enthält sich Langjahr jeden verbalen Kommentars, lässt aber thematisch bedingt die Betroffenen öfter zu Wort kommen.

Der Verfall der Preise und die Forderung nach Profitmaximierung treiben das Kleinbauerntum in den Ruin. Zuerst werden die Kühe, dann die Höfe versteigert. Vom Ausverkauf schlägt Langjahr den Bogen zur modernen und profitablen Landwirtschaft. Detailgenau und in diesen Passagen - da die Bilder für sich sprechen – beinahe wortlos zeigt er in fast unerträglich langen Einstellungen die Degradierung des Tiers zur Ware, die Mechanisierung mit Melkmaschinen, Praktiken künstlicher Besamung und die Verwertung der Tierkadaver zu Tiermehl. Die Veränderungen des Arbeitsprozesses verändern aber auch die Menschen. Jeder Bezug nicht nur zum Tier, sondern auch zur Arbeit geht verloren, an die Stelle des Einklangs mit der Natur tritt entfremdete Fabrikarbeit.

Wie «Sennen-Ballade» und «Hirtenreise» über die Beschreibung der bäuerlichen Lebensweise hinaus jeden Zuschauer auffordern, über seine eigene Lebensform zu reflektieren, so weitet sich auch die Perspektive von «Bauernkrieg». Über eine Dokumentation der Mechanismen der modernen Landwirtschaft hinaus stellt dieser Film auch eine Anfrage an die Menschlichkeit einer Gesellschaft dar, in der ethische Normen bedenkenlos der Profitmaximierung als oberstem Ziel geopfert werden.

Fern ist diese Moderne in Langjahrs bislang letztem Film «Das Erbe der Bergler». Wie in der «Bauern-Trilogie» minutiös und geduldig beobachtend, die ruhigen Bilder für sich sprechen lassend und den Kommentar aufs nötigste reduzierend, wird der Alltag der letzten Wildheuer im Innerschweizer Muotatal geschildert: die Herstellung der Holzschuhe, die mit Steigeisen beschlagen sind, um an den abschüssigen, teils fast senkrechten Grashängen Halt zu finden, der Aufstieg auf die Hochwiese, die aufgeteilt wird, das Mähen ebenso wie das Kartenspiel am Abend in der Berghütte und der Abtransport des Heus, das in einer Alphütte verstaut und im Winter mit Hornern ins Tal gebracht wird.

Mag die Moderne hier mit einem Hubschrauber, einem Motorrad oder Rollerblades auch nur kurz aufblitzen, so ist doch in jedem Bild spürbar, dass hier eine untergehende Welt und aussterbende Traditionen nochmals in Bildern festgehalten werden. Langjahr idealisiert weder das Alte noch lamentiert er über dessen Verschwinden, sucht aber nach Möglichkeiten der Synthese, des Bewahrens auf der einen Seite und der Aufnahme von Neuem auf der anderen.

Wie mit den anderen Filmen der «Bauern-Trilogie» ist dem Innerschweizer dabei auch mit «Das Erbe der Bergler» ein Heimatfilm im besten Sinne des Wortes gelungen, ein großes Dokument bäuerlicher Arbeit, das den Zuschauer wiederum auch tief in den bedächtigen Rhythmus dieses Lebens eintauchen und so über sein eigenes Leben reflektieren lässt. Und wie alle Langjahr Filme ist auch «Das Erbe der Bergler» ein Film, der nicht nur gesehen, sondern vom Pfeifen eines Vogels bis zu den Rufen der Heuer auch gehört werden will - und somit eine Schule des Sehens und Hörens wie man sie im Kino der Gegenwart selten findet.

Vom bäuerlichen Leben verabschieden sich Erich Langjahr und Silvia Haselbeck – zumindest vorerst - mit diesem Film. Im neuen Projekt werden sie sich mit der Geburt beschäftigen – ein Thema, zu dem die gelernte Hebamme Haselbeck schon seit 20 Jahren einen Film machen will.

«Das Erbe der Bergler» wird am 9.9. im Geroldhus in St. Gerold zur Eröffnung der «Walser Filmtage» gezeigt.
Der FKC Dornbirn zeigt "Das Erbe der Bergler am 9.10 um 19.30 Uhr und am 10.10 um 21.30 Uhr in den Weltlichtspielen Dornbirn, das Filmforum Bregenz am 15.10. um 20 Uhr und am 17.10. um 22 Uhr im Metrokino Bregenz.

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