In Bruges - Brügge sehen ... und sterben?

09.09.2008 Walter Gasperi

Zwei britische Profikiller hängen nach einem Auftrag, bei dem Einiges schief lief, im belgischen Brügge herum. - Getragen von exzellenten Darstellern und mit dem malerischen mittelalterlichen Stadtbild als Hintergrund entwickelt Martin McDonagh eine präzis konstruierte und genau getimte Mischung aus schwarzer Komödie und existentialistischem Drama.


Viel ist im Grunde schon vorüber, wenn das Spielfilmdebüt des Theaterautors Martin McDonagh, der schon für seinen Kurzfilm «Six Shooter» mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, einsetzt. Abgeschoben hat der Auftraggeber Harry den hageren Ray (Colin Farrell) und den schwergewichtigen Ken (Brendan Gleeson) von London ins vorweihnachtliche Brügge. Was genau beim letzten Auftrag schief gelaufen ist und warum Ray so depressiv ist, erfährt man erst später in einer Rückblende. Nun sitzen der jüngere Ray, für den es der erste Auftrag war, und der erfahrene Ken, der seinem Kollegen diesen Job vermittelt hat, jedenfalls in Brügge.

Aus dem Gegensatz der beiden von Brendan Gleeson und Colin Farrell hinreißend gespielten Killer und aus dem Ambiente der mittelalterlichen Stadt entwickelt «Brügge sehen ... und sterben?» einerseits seinen bösen Witz andererseits seine melancholische Stimmung. Während Ken lustvoll mit Reiseführer auf Erkundungstour geht und Grachten, gotische Kirchen, verwinkelte Gassen und die düsteren Bilder von Hieronymus Bosch besichtigt, hängt Ray nur missmutig im Hotelzimmer herum.

So wird dieses «Venedig des Nordens», ohne dass seine noch nicht bis zum Überdruss als Filmkulissen verwendeten Sehenswürdigkeiten selbstzweckhaft ausgestellt würden, zum dritten Hauptdarsteller und wie schon der fehlgeschlagene Anschlag für das erste Movens des Films sorgte, bringt nun das mittelalterliche Stadtbild, bei dem Strafen im Jenseits mit Bildern vom Jüngsten Gericht, Fegefeuer und Höllenvisionen fast omnipräsent sind, Bewegung in die Figuren und somit auch in die Geschichte. Schuldgefühle löst dieses Morbidität und Vanitas ausstrahlende Ambiente nämlich bei den beiden im Grunde gar nicht so hart gesottenen Killern aus.

Auch die Bekanntschaft mit einer jungen Belgierin bringt Ray nicht von den Suizidgedanken ab, die immer stärker in den Vordergrund drängen. Und bei Ken machen sich langsam fürsorgliche Gefühle für seinen Partner breit. - Aus dem Ruder laufen so die Dinge für den Auftraggeber, den Ralph Fiennes lustvoll als Parodie britischer Filmgangster anlegt. Und nach einem Tobsuchtsanfall an der Themse reist auch er über den Kanal, um die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Manchmal hat man das Gefühl, dass McDonagh die ausgelegten Handlungsfäden aus den Augen verliert, wenn er teils recht derbe britische Scherze über Belgier oder Amerikaner einstreut, wenn er einen kleinwüchsigen, von Jordan Prentice souverän verkörperten rassistischen amerikanischen Filmschauspieler, einen belgischen Skinhead oder einen kanadischen Touristen einführt.

Doch am Ende führt McDonagh in seinem perfekt konstruierten und sicher zwischen schwarzer, politisch unkorrekter Komödie, beiläufiger Reflexion über Schuld und Strafe und Memento-mori-Gedanken balancierenden Debüt doch gekonnt alle Figuren zusammen, spielt gleichzeitig auch noch metafilmisch mit dem Genre, indem er auf Nicholas Roegs in Venedig spielenden Klassiker «Don´t Look Now – Wenn die Gondeln Trauer tragen» verweist oder explizit erklärt, dass jetzt der Showdown folgen muss. Bei diesem wird «Brügge sehen ... und sterben?» auf dem Glockenturm und dem gepflasterten Marktplatz zu Weihnachtsmusik in ein ebenso blutiges wie furioses Finale münden. - Vielleicht ist ja gar nicht der Tod die größte Strafe, sondern vielleicht wäre es eine viel größere Strafe Jahre lang in dieser langweiligen belgischen Stadt – quasi einem Fegefeuer auf Erden – leben zu müssen.

So böse Witze McDonagh aber auch über Brügge macht, so sehr ist dieser Film ganz nebenbei doch die beste Fremdenverkehrswerbung für die Hauptstadt Westflanderns, deren Altstadt 2000 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

Filmforum Bregenz
Strabonstraße 36
A-6900 Bregenz
E: kontakt@filmforum.at
W: http://www.filmforum.at
weiterführende Links:

Brügge sehen ... und sterben?

Filmforum Bregenz
Strabonstraße 36
A-6900 Bregenz
E: kontakt@filmforum.at
W: http://www.filmforum.at
weiterführende Links:

Brügge sehen ... und sterben?

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.