Wall E - Der Letzte räumt die Erde auf

30.09.2008 Walter Gasperi

Im Jahr 2800 ist die Erde eine einzige Müllhalde. Während die Menschheit auf einem durch und durch computer- und robotergesteuerten Raumschiff auf Dauerkreuzfahrt durch den Weltraum gondelt, räumt auf der postapokalyptischen Erde ein kleiner Roboter den Müll weg. – In gewohnt perfekter und detailreicher Computeranimation mischt das Pixar-Studio brillante Endzeitvision mit hinreißender Roboter-Lovestory und den gewohnten Verfolgungsjagden.


Die Ökologie hat nach Spielfilm («The Day After Tomorrow») und Dokumentarfilm («An Unconvenient Truth») auch den Animationsfilm erreicht. Eindrucksvoller als beispielsweise ein Realfilm wie «I am Legend» evoziert Andrew Stanton («Findet Nemo») in der dialoglosen ersten Hälfte seines neuen Animationsfilms die Atmosphäre einer postapokalyptischen lebensfeindlichen Erde. Müllhalden dominieren die Landschaft, die Highways sind ebenso verfallen wie die Wolkenkratzer. So weit das Auge reicht, kein Grün und nicht der Ansatz einer Vegetation, sondern nur das Rotbraun von metallischem Schrott und Wüstensand.

In all dem Müll erfüllt freilich seit mehr als 700 Jahren der kleine Roboter Wall-E entsprechend seinem Namen, der für Waste Allocation Load Lifter - Earth Class steht, seine Aufgabe: er beseitigt den Müll. Leicht verändert hat er sich freilich im Lauf der Zeit, hat nicht nur Rost angesetzt, sondern auch Gefühle entwickelt, in einer Küchenschabe einen Kameraden gefunden und genießt, in seiner garagenähnlichen Wohnung sich in seiner Einsamkeit nach Gesellschaft sehnend, immer wieder via Videorecorder das Musical «Hello Dolly!», dessen Liebesgeschichte den kleinen Müllroboter zutiefst bewegt.

Bewegung kommt in sein einsames und monotones Leben, als ein Raumschiff landet und einen Roboter aussetzt, der auf der Erde nach Vegetation suchen soll. Wie Arnold Schwarzenegger als Terminator oder Clint Eastwood als Dirty Harry räumt diese Eve – eine Abkürzung von Extra-Terrestrial Vegetation Evaluator (extraterrestrische Vegetations-Erkunderin) - alles aus dem Weg. Doch Wall-E verliebt sich auf Anhieb in diese in Design und Farben an einen iPod erinnernde, eiförmige Maschine, deren Rundungen und die blanke weiße Oberfläche in krassem Gegensatz zu den Rostansätzen und der eckigen Statur Wall-Es stehen.

Wortlos entwickelt sich so eine wunderbare romantische Liebesgeschichte, bei der zunächst Wall-E der Werbende ist und der Angebeteten auch ein Pflänzchen, das er einst in einem Kühlschrank gefunden hat, schenkt. Bald wird Eve aber wieder vom Raumschiff abgeholt und mit Todesmut folgt Wall-E seiner Flamme aufs Kreuzfahrt-Raumschiff, wo übergewichtige Menschen auf Bildschirme fixiert ohne jede Bewegung oder sozialen Kontakt in trostlos langweiligem Nichtstun mit Essen, Trinken und Bildschirmkontakten mehr überleben als wirklich leben. Wall-E ist in dieser sterilen, in kaltes Weiß, Blau und Grau getauchten und ganz von Computer und Robotern gelenkten Welt freilich ein Fremdkörper und so wird nun Eve aktiv und rettet ihren Freund mehrfach aus brenzligen Situationen.

Auch dieser zweite Teil besticht durch die Evokation einer in Nichtstun dahintreibenden, im Grunde zu Tode fadisierten und bis ins Letzte uniformierten Wohlstands- und Fungesellschaft, die nicht mal mehr in der Lage ist, einen Schritt zu gehen. - Gemünzt ist diese Kritik freilich auf die saturierte US-Überflussgesellschaft mit Softdrinks, Fastfood sowie TV- und Internetsucht.

Mehr als die Geschichte besticht so die Beschreibung von Lebenswelten. Denn die Verfolgungsjagden in diesem zweiten Teil tendieren trotz hohem Tempo, Detail- und Einfallsreichtum auch zu Redundanz. Mehr erfreuen als an diesen Action-Momenten kann man sich da schon an der Liebesgeschichte, bei der sich Stanton von den Stummfilmen von Charles Chaplin inspirieren ließ. Wie es hier Pixar oder eben im Speziellen Stanton gelingt beim Zuschauer Gefühle für zwei Roboter zu entwickeln und mit ihnen mitzufiebern und wie viel Poesie hier ein Weltraum-Tanz der beiden Helden ausstrahlt, ist einfach beglückend. Von selbst versteht sich dabei fast, dass in so einen Science-Fiction-Animationsfilm Filmzitate einfließen müssen – aber nie aufgesetzt, sondern dezent wird mit Donauwalzer und Richard Strauß «Also sprach Zarathustra» ebenso wie mit dem bösen Computer mit seinem roten Auge Kubricks «2001» zitiert und auch parodiert.

Und auch die ökologische Botschaft sitzt, wenn mit wenigen Videobildern, die der Captain des Raumschiffs sich zu Gemüte führt, die Schönheit der Erde, ihrer Landschaften und landwirtschaftlichen Produkte, aber auch und vor allem im Musical «Hello Dolly!», an dem sich Wall-E nicht sattsehen kann, die Schönheit der Liebe, des Tanzes und der menschlichen Gefühle, über die in diesem Film nur noch die Roboter verfügen, beschworen wird.

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