Die Körperhülle in der Kunst

01.11.2008

24.10.2008 bis 02.11.2008  

Im Jahr 2000 fand aus Anlass des 100. Geburtstages der Textilkunst-Pionierin Elsi Giauque, die auf der Festi ob Ligerz zu Hause war, die erste Ausstellung «Kunst Textil» statt. Es gelang in der Folge diese Plattform für die textile Kunst zu erhalten und jährlich im Herbst das Aarbergerhus in Ligerz mit einer Ausstellung zu bespielen. Bis anhin konnten viele Künstlerinnen aller Altersstufen ihre textilen oder im weitesten Sinne auf Textilem basierenden Arbeiten zeigen.


Die Ausstellung 2008 fokussiert den Bereich «Körperhüllen». Mit Verena Welten von Arb konnte eine Künstlerin gewonnen werden, die sich seit Jahrzehnten immer wieder mit dem Thema der Haut als erster Körperhülle auseinandergesetzt hat. Ausgehend von der Gruppe der frühen, noch stark textil-geprägten Werken lässt sich in dieser Ausstellung eine Brücke schlagen zu ihrer heutigen Arbeit, die sowohl Fotografie wie auch Video beinhaltet. Ihren Beitrag widmet Verena Welten ihrer kürzlich verstorbenen Freundin, selbst Textilkünstlerin. Ausgehend von einem «Schnittmuster» deren Körper entstand die Skulptur «Die transparente Haut», welche anschliessend fotografisch mit den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft in Verbindung gebracht wurde. So versucht die Künstlerin, sich den neuen Seinszuständen ihrer Freundin mittels Bildern zu nähern.

Einen anderen Ansatz haben die hauchzarten Scherenschnitte von Ursula Rutishauser. Hier ist die Körperhülle Ausdruck von Blühendem, Schmückendem, Sinnlichem und Bewegtem und bedeutet zugleich Freude und Lebenskraft. Unter Umständen wirkt sie wie eine abgestreifte, achtlos hingeworfene Hülle, die jeden Moment vom Wind erfasst und fortgetragen werden könnte. In einer weiteren Arbeit, «sueno» genannt (was im Spanischen gleichermassen Schlaf wie auch Traum bedeutet), beschäftigt sich die Künstlerin mit der Frage, was wir als schützend empfinden an Schlaf und Traum.

Mascha Mioni ist in diesem Ensemble die Vertreterin der «Art to Wear» und stellt die Verbindung her zwischen den frühen Arbeiten von Elsi Giauque, als diese Wortschöpfung noch nicht erfunden war. Zu Beginn hat sie feinste Seide gefärbt, bemalt und in akribischer Kleinarbeit von Hand plissiert, um sie anschliessend um den Körper zu drapieren. Ein solches «Kleid» konnte sowohl Körperhülle als auch Wandobjekt sein. In ihren neueren Arbeiten trieb sie die Idee auf die Spitze, das Bild von der Wand zu holen und um den Körper zu drapieren, indem sie eine leere weisse Leinwand mit wenigen Kniffen zum Kleid drapierte. Die Metamorphose Bild - Kleid - Objekt wurde vollzogen. Mit der Installation «Hüllen des Menschseins» wird die Beziehung zwischen Körper und Geist thematisiert. Die Hauptfigur ist umgeben von sogenannten Wortbildern, tagebuchartigen Satzskeletten, welche als eigenständige Gedankenhüllen lesbar sind.

Der Recycling Aspekt spielt eine zentrale Rolle in den Objekten von Manuela Krinzinger. Waren es in einer früheren Werkgruppe noch getragene, abgelegte Kleider die sie dekonstruierte und neu zusammenschuf, sind es in Ligerz Körperhüllen aus recycelten Teebeuteln in Form von Unterwäsche – die Wäsche, die dem Körper am nächsten ist, unsere zweite Haut. Der schützende und schmückende Charakter wird ebenso herausgestrichen wie die gegenseitige Wechselwirkung zwischen Körper und Hülle.

Bei den «cache-corps» und «cache-coeurs» genannten Objekten Monika Gasser’s geht es um die Verletzlichkeit des menschlichen Wesens und um die immaterielle Stärke. Dies drückt sich schon in den verwendeten Materialien aus: Gaze / Binden / Papier. Die dargestellte Nacktheit und die Fragilität der Objekte appellieren an einen sensiblen Umgang. Ausschlaggebend für den Gedanken, dass Fragilität schützender sein könnte als ein ganzes Waffenarsenal, war eine Radiosendung über die in Afghanistan zerstörten Felsskulpturen. Auf die Frage, ob sie wieder neu aufgebaut werden sollten, meinte der Dichter André Velter «er glaube, die Leere hätte mehr Kraft und die Figuren seien immateriell noch präsent. Vielleicht müssten wir neue Materialien finden, feinere, denn weder Stein noch Stahl vermögen der Zerstörung zu trotzen».

Die sich im Vorgarten des Hauses befindende, interaktive Installation von Lilli Krakenberger sprengt den üblichen Begriff von «Körperhüllen»: sie wirft die Frage auf, ob nicht die Landschaft unsere äusserste prägende Hülle ist und dabei gleichzeitig von uns selbst gestaltet und geprägt wird. Wird Landschaft dann zum massgeschneiderten Kleid unserer Gesellschaft? Die Besucher werden Gelegenheit haben, von der Künstlerin vorbereitete textile Symbole auf die anfangs leere Landkarte zu platzieren und dadurch ihre eigene «Landkarte der Erinnerungen» aufzuzeichnen. Topografie und Empfindung bilden somit neue individuelle Landkarten, Abbilder der eigenen äusseren und inneren Landschaften. An der Finissage wird das Werk in Stücke geschnitten und nach m²-Preis, z.B. dem Baulandpreis von Ligerz und Umgebung, an Interessierte verkauft. Lilo Schär


KörperHautHülle
24. Oktober bis 2. November 2008

Aarbergerhus
Hauptgasse 19
CH Ligerz am Bielersee
T 0041 (0)32 315 7520

Öffnungszeiten:
Mo bis Fr 14 bis 18 Uhr
Sa und So 12 bis 18 Uhr

artCore

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