Das Raumspezifische in der Kunst

08.07.2007 Haimo L. Handl

Kürzlich las ich einen bemerkenswerten Satz: «Überwältigt von einer paradiesischen Natur und besänftigt von diversen Wellness-Behaglichkeiten, lässt sich in der Walliser Bergwelt kaum ernsthaft der Nutzwert der Poesie diskutieren.» So leitete ein Autor seine Betrachtungen über das Leukerbadliteraturfestival ein (Freitag 27-28/6.7.07).


Treffender hätte die alte Dichotomie von Natur und Kultur als unversöhnlicher Gegensatz nicht gesagt werden können: Natur obsiegt, Kultur verliert. Kulturnutzwert schwindet, wenn die Natur regiert oder das Wohlbefinden erstarkt ist. Umkehrschluss: Kultur wirkt dort, wo Natur weicht(e) und wo Unwohlbefinden ein kulturelles Wohlbefinden, als Umweg sozusagen, suchen lässt.

Ein anderer Aspekt kann dem Denkbild zugeschrieben werden, das des Raums. Ist es hier die besondere Bergwelt, ist es dort ein Bunkerstollen, der die Theateraufführung zum Erlebnis werden lässt. Oder eine uralte Eishöhle als exquisiter Austragungsort moderner Musik, ähnlich Stockhausens damaligen Wünschen, gewisse Kompositionen von ihm nur in einer bestimmten Höhle aufzuführen.

Je nach Stück und Macher, darf es nicht eine Bibliothek, ein Saal, ein ordinäres Stadttheater sein, sondern muss es ein KZ sein für ein Requiem, ein Schlachthof für ein zeitgenössisches Stück, eine Fabrikshalle für eine Shakespeare-Adaption. Der Raum ist nicht nur funktionale Örtlichkeit, sondern mystisch-transzendentaler Ort, eine auratische Stätte für Menschen mit höheren Weihen.

Allerdings kann das umkippen, wie im Leukerbad. Dann wirkt die Örtlichkeit so stark ein, dass das dichterische oder schriftgestellte Wort leise und schier schier unhörbar wird. Dann wird die Andacht, die Wahrnehmung getrübt und gefiltert. Wenn Personen und Werke in Konkurrenz treten müssen mit dem Ort oder dem Raum, und der Eigenwert des Raumes übermächtig ist, verliert sich die Kunst und Kultur und der erstaunte Kulturbeflissene fragt sich, ähnlich dem erwähnten Journalisten, wie man da noch ernsthaft von poetischen Nutzwert reden soll oder kann.

Wenn der Ort oder Raum jemanden überwältigt, bleibt nicht genügend übrig für die Aufnahme und Verarbeitung des Werks. Man ist schon gefangen von der Umgebung oder Hülle. Form über Inhalt. Im Regelfall wird gedacht, dass die Kulisse, das architektonische Wunderwerk das Werk befördere, besonders gut herausstelle, sei dies die grösste Seebühne, das tiefste Bergwerk, die grausligste Fabrikshalle, der monumentalste Dom, der älteste Schlachthof. Immer sollen die Räume dem Kunstwerk als Boden und Rahmen dienen.

Ein Konzert in Schloss Grafenegg, wo jetzt ein «Wolkenturm» die Zuhörer, die nach wie vor freiluftig sitzen, besonders beglückt, ist aussergewöhnlicher, als eine gediegene Konzerthalle in der Grossstadt. Das Ständchen in der teuer restaurierten Stiftsbibliothek Altenburg ist ein «erlesenes» Gustostückerl, das niemand anderer hat. Kurz, es geht um Distinktion. Form. Und Kunst ist primär Form. Gewisse Kunst zumindest. Und gewisse Künstler erst recht. Ohne dass wir von Formalismus zu sprechen hätten oder Formalisten.

Kunst und Kultur, auch Literatur (als Teil davon), muss sich mehr und mehr nach den planbaren Nutzwerten ausrichten. Sich einpassen. In Orte und Räume. Damit sie besonders erscheint. Damit sie scheint. Glänzt.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir eine Wucherung von Festivalstätten verzeichnen dürfen (können, müssen!?). Viele bemühen sich, der Kunst den rechten Schein zu liefern und etwas vom Abglanz für sich. Redlich. Von der Meisterarchitektur soll was abfallen, herunterscheinen, geistig runterträufeln, auf die Kunst und die Künstler. Dafür gibt man Millionen aus. Gebildet, wie man ist.

Und was, wenn getränkte und gesättigte Bäuche so glückselig sind von der Räum- und Örtlichkeit, dass in wohligem Hinnehmen kein kritischer Blick schneidet, kein sensibles Ohr hört, kein heller Verstand denkt, sondern die «Behaglichkeit» einlullt, mehr, als je eine Poesie es vermöchte? Wenn man «alles» hat, braucht man da noch Kunst?

Aber man hat nie alles. Kunst bietet hehre Umwege zum Ziel der Erfüllung. Und zudem Umwegrentabilität. Unser Land braucht noch mehr Prachtbauten, teure Anlagen, kunstvolle Spielstätten, neue Seilbahnen auf unwegsame Gipfel, Speziallifte in tiefe Höhlen, damit die Kenner auf ihre Rechnung kommen. Was früher als Fremdenverkehrswirtschaft leicht missverständlich tituliert wurde, kann heute als Tourismuswirtschaft bzw. Wohlfühlkulturindustrie endlich Sein und Schein vereinen, Kunst und Kultur verbinden.

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